Von Kanzel und Richterstuhl - Kirchentags-Generalsekretärin Kristin Jahn beim Empfang der Kirchen für Karlsruher Bundesgerichte und Bundesanwaltschaft

- 28.06.2023 - 

Karlsruhe, (28.06.2023). Die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Kristin Jahn, hat Anzeichen einer „Aktivistentheologie“ in der Evangelischen Kirche kritisiert. Die Kanzel werde dadurch zum „Richterstuhl, wo gefühlt immer schon klar ist, was gut ist und gerecht, wo bewertet und geurteilt wird“. Die Theologin sprach am heutigen Mittwoch (28.6.) im Rahmen des Jahresempfangs des ökumenischen „Foyer Kirche und Recht“ in Karlsruhe, für das Bundesverfassungsgericht, den Bundesgerichtshof, die Bundesanwaltschaft und die Rechtsanwälte beim Bundesgerichtshof.

Blick auf ein Person, die ein Mikrofon in die Kamera hält und sich auf einem Block Notizen macht.

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„Ich glaube nicht an eine Kirche, die sich mit einer Partei oder Gruppe gemein macht. Ich glaube an eine Kirche, die Partei nimmt für den Menschen und ihm beisteht bis in seine tiefsten Abgründe hinein und auch zur Umkehr ruft“, sagte die Generalsekretärin. Aktuell erlebe sie mehr und mehr eine Kirche, die auf Kanzeln und Synoden polarisiere, ohne das zu wollen, erklärte Jahn, u.a. in Bezug auf Stellungnahmen zum Tempolimit. „Dabei hat Kirche den gottgegebenen Anspruch, Menschen zusammenzuführen und die Aufgabe, mich in meine Freiheit hineinzuführen.“ Zudem werde eine Kirche, die sich der Sprache der Politik bediene, mehr und mehr zu einer „Echokammer“ von dem, was in der Welt geschehe. Sie könne dann nichts mehr erzählen von der „Wirklichkeit Gottes, die unter uns aufbricht und heilt, was uns voneinander trennt“.
 
Dem Pfarr- und Richteramt sei gemeinsam die Unvoreingenommenheit, „begründet jeweils in dem Wort, das uns mitgegeben ist“, erklärte Jahn. Die Predigt enthalte sich aber jeglicher richtenden Instanz. „Sie ist kein Ort, um Urteile zu fällen oder Menschen abzuqualifizieren. Sie ist aber sehr wohl der Ort, das Unrecht anzusprechen, das Menschen einander angetan haben. Die Richtschnur der Kirche ist Jesus Christus. Keine und keiner von uns Pfarrerinnen und Pfarrern hat das Richteramt inne. Das ist der Unterschied zwischen Recht und Kirche“, sagte die Generalsekretärin. 
 
Die Vizepräsidentin des Bundesverfassungsgerichtes, Doris König, sagte in ihrem Grußwort: „Die freiheitlich-demokratische Verfassungsordnung unseres Grundgesetzes funktioniert nicht aus sich selbst heraus. Sie bleibt darauf angewiesen, aus der Mitte der Gesellschaft heraus immer wieder unterstützt und mit Leben erfüllt zu werden.“ Vor diesem Hintergrund erklärte sie: „Die kirchliche Stimme hat auch in einer diverser gewordenen Gesellschaft immer noch etwas beizutragen. Ihr Verstummen würde – hiervon bin persönlich überzeugt – die gesellschaftlichen und politischen Debatten ärmer machen.“ Das Grundgesetz weise kirchliche Positionsbestimmungen der Sphäre grundrechtlich geschützter Freiheit zu, die Antworten könnten dem Staat aber nicht gleichgültig sein.
 
Landesbischöfin Heike Springhart (Karlsruhe) warnte vor einem „Ton moralischer Überhebung, der Illusion von klarem Schwarz und Weiß und einfachen Antworten auf komplexe Fragen“.  Wenn die Kanzel zum Richterstuhl werde, dann bestimme das Urteil und das Urteilen die Tonlage. Im Gespräch mit der Justiz lasse sich viel lernen „über das Bewusstsein von Grenzlagen und darüber, wie und in welcher Haltung Kirche sich öffentlich zu Gehör bringen soll und will“. In der Predigt gehe es immer auch darum, „dass die Risse in der Gesellschaft nicht noch tiefer werden, sondern Wunden geheilt werden. Dass auch dorthin das Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit gerichtet wird, wo sonst kaum einer hinsieht“, sagte die Landesbischöfin.
 
Erzbischof Stephan Burger (Freiburg) erinnerte an Jesus als einen „Meister im Perspektivwechsel“. Immer wieder sei es diesem gelungen, Menschen in eine neue Blickrichtung hineinzuführen. „Aber er tut das nicht, indem er sie packt und umdreht, er stellt vielmehr Fragen, eröffnet neue Horizonte, indem er Menschen zum Nachdenken bringt.“ Menschen bräuchten keine Besserwisser, die den eigenen Kopf zum Maßstab der Dinge machen, sondern „Mitmenschen, die sich von der Situation ihrer Geschwister betreffen lassen und von diesen her ihr Reden und Handeln orientieren.“ 
 
  

Dr. Daniel Meier

Ehemaliger Pressesprecher der Landeskirche (2012-2023)