Erinnern für die Zukunft - Kirchlicher Gedenktag 9. November
Der 9. November verbindet uns mit einigen hervorgehobene Daten der jüngeren deutschen Geschichte: Vor 35 Jahren fiel die Berliner Mauer. 1918 brachte die Novemberrevolution das Kaiserreich an sein Ende und öffnete den Weg zur ersten deutschen Demokratie. Fünf Jahre später fand Hitler nicht die von ihm erhoffte Unterstützung für seinen Putsch. Dann aber, 1938 im Novemberpogrom, attackierten die Nationalsozialisten mit äußerster Brutalität die jüdische Bevölkerung des Deutschen Reichs: Ein unmissverständliches Signal dafür, was Jüdinnen und Juden zu erwarten hatten. Zugleich registrierten die Nazis genau, ob die nichtjüdische Mehrheit die Ausgrenzung und Herabwürdigung sowie die Gewalt gegen die jüdischen Nachbarn begrüßte oder aber wenigsten zu dulden bereit war.
Diesem Aspekt gilt der kirchliche Gedenktag, der am 9. November 2024 an die Ereignisse vor 86 Jahren erinnert: Menschen wurden misshandelt, viele ermordet oder in den Selbstmord getrieben; zahllose Geschäfte jüdischer Eigner zerstört – vor allem wurden die Synagogen zu Zielen des Pogroms. Die Räume, an denen Jüdinnen und Juden sich zum Gottesdienst versammelten, wo die Tora gelesen, die Feste gefeiert und die wichtigsten Tage im Leben begangen werden. Die Botschaft war: Im nationalsozialistischen Deutschland sollte kein Platz mehr für jüdisches Leben sein.
„Sachor“ – gedenke! Diese Aufforderung (5. Mose 25,17) ruft auf, die Opfer nicht zu vergessen und die Leiden derer, die in jenen Tagen ihr Leben verloren haben aufgrund des Hasses auf alles, was jüdisch ist. Das schließt die Opfer der Schoah ein – aber auch die aller Judenfeinde, die die Vernichtung jüdischen Lebens betreiben. Darum braucht unsere Gesellschaft Zeitzeugen wie Margot Friedländer und Leute, die ihren standhaften Einsatz für das Erinnern aufnehmen und über Social Media verbreiten, wie das Snapchat-Projekt Sachor in Berlin.
Die Farbe dieses Gedenktages ist violett: Sie steht für Buße. Viele Nazis hatten mitgemacht, viele andere freuten sich am Unglück und der Angst der jüdischen Opfer; noch mehr missbilligten zwar die Gewalt, blieben aber stumm. Nur wenige, wie etwa der Oberlenninger Pfarrer Julius von Jan, protestierten. Die unbequeme Frage dieses Tages ist: Wie kann es sein, dass Christen, die die 10 Gebote kennen, die Angriffe auf jüdische Menschen, auf die jüdische Gemeinschaft und Religion wort- und tatenlos hinnehmen? Buße ist also, diese beschämende Frage zu stellen.
„Wer Gutes tun kann und es nicht tut, macht sich schuldig.“ Dieser Vers, Jakobus 4,17, ist darum der Spruch für den Gedenktag – und natürlich zielt das Erinnern an den 9.11.1938 auf unsere Gegenwart – und auf unsere Verantwortung für die Zukunft. Das Violett dieses kirchlichen Gedenktags steht ja auch für Umkehr – zum einen hin zu Gott, zum anderen zum Nächsten. Dazu hilft der Text, der für den kommenden Samstag als Predigttext bestimmt ist. Er erzählt eine Ermutigungsgeschichte – auch aus einer Zeit der Not. Zwei Hebammen, Schifra und Pua, sollten auf Anweisung des allmächtigen Pharao die neugeborenen Jungen der israelitischen Frauen unter der Geburt zu Tode bringen. In Ex 1 wird erzählt, wie sie sich mit kühlem Kopf und entschieden diesem unmenschlichen Plan, geboren aus wahnhafter Angst, widersetzten. Es ist eine bemerkenswerte Besonderheit der hebräischen Bibel und der jüdischen Tradition, dass das Erinnern sich auf Personen richtet, die beherzt der Unmenschlichkeit entgegentreten.
Diese biblische Erzählung, aber auch die Beispiele unerschrockener Retter:innen, stellen uns vor Augen, dass das möglich war und ist – auch für uns!
Wie gut, dass wir solche Geschichten in unserer Bibel haben: Gott ruft Menschen durch sein Gebot zur Verantwortung, die sich zeigt in der Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu mir selbst. Die Erinnerung an die Zerstörung der Synagogen am 9. November durch den gottlosen Hass der Nazis auf jüdisches Leben blickt selbstkritisch auf die Geschichte der Kirche. Zugleich hält sie fest, dass unsere christliche Existenz durch und durch geprägt ist vom Vertrauen auf diesen Gott Israels und Jesu Christi.
