Abschied von Oberkirchenrat Urs Keller, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Baden

„Wir haben das Potenzial, Lösungen zu finden“

Oberkirchenrat Urs Keller war 13 Jahre lang Vorstandsvorsitzender der Diakonie Baden und zugleich Leiter des Referats für Diakonie und Seelsorge im EOK. Im November verabschiedet er sich in den Ruhestand. Im Gespräch mit ekiba intern blickt der Theologe und Soziologe auf seine herausfordernde Doppelfunktion, auf wichtige Stationen während seiner Vorstandszeit und schildert, wie Diakonie und Kirche künftig in der Gesellschaft wirken können.

Oberkirchenrat Urs Keller
Herr Keller, Sie haben bei Ihren Funktionen und Verantwortlichkeiten über ein Jahrzehnt lang einen „Doppelhut“ getragen. Das war sicherlich nicht immer einfach. Wie haben sich Ihre Aufgaben in diesem Zeitraum entwickelt?
 
Urs Keller: Ja, diese Doppelrolle war herausfordernd, hat mir aber auch großen Spaß gemacht. Man muss sich dabei in zwei unterschiedlichen organisationalen und mentalen Kulturen bewegen und diese aufeinander beziehen. Gerade aufgrund dieser Unterschiedlichkeit braucht es Menschen, die Brücken bauen. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass es im EOK ein Diakonie-Referat gibt. Zentrale Aufgaben werden in Referaten abgebildet – und das ist die Diakonie zweifelslos. Die zahlreichen diakonischen Bereiche wie Kitas, kirchliche Sozialstationen, örtliche Diakonische Werke, Inklusion sowie Flucht und Migration konnten so abgestimmt und gemeinsam vorangebracht werden.
 
Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Kirche und Diakonie, vor allem angesichts der Erosion der kirchlichen Bindung?
 
Urs Keller: Die Erosion der Kirchenbindung war ja aus soziologischer Sicht schon lange erkennbar. Die zunehmende Geschwindigkeit stellt uns allerdings vor große Herausforderungen bei der Transformation. Im Wachsen der Diakonie, was betriebswirtschaftliche Parameter anbelangt sowie ihre gesellschaftliche Akzeptanz und Relevanz, liegt auch für die Kirche eine große Chance. Sie sollte noch viel konsequenter ergriffen werden. Ich sehe hier viele erfreuliche Ansätze und Bewegungen, gerade in den Kooperationsräumen. Wenn sich die Gemeinde-Bezirksperspektive mit der Diakonieperspektive konzeptionell verbindet. Dies hängt aber noch zu sehr an den jeweils handelnden Personen. Für mich hat die Kirche, plakativ gesagt, die besseren Chancen im Blick auf ihren geistlichen Auftrag, wenn sie auf allen Ebenen eine diakonisch denkende, handelnde und glaubende Kirche ist.
 
Welche sozialpolitischen Herausforderungen sehen Sie aktuell für die Diakonie?
 
Urs Keller: Bei der Bezirksvisitation im Markgräfler Land wurde ein Familienzentrum im Oberen Wiesental, das eine strukturschwache Region ist, eingeweiht. Dort ist der nächste Kinderarzt 60 Kilometer entfernt. Das ist ein Problem von vielen. Unsere größte sozialpolitische Herausforderung ist die Sicherung der Daseinsvorsorge. Pflegedienste können wegen fehlender Fachkräfte nicht mehr alle Patienten versorgen. Kitas schränken Öffnungszeiten ein. Jugendämter haben zu wenig Plätze für Notunterbringungen. Die Dramatik ist keineswegs bei allen angekommen. Die Wohnungsnot frisst sich in die Mittelschicht. Die disruptiven Kräfte, die davon ausgehen, was das Vertrauen in die Stabilität unseres demokratischen Sozialstaates und was seine Handlungsfähigkeit anbelangt, sollten nicht unterschätzt werden.
 
Welche Lösungsansätze gibt es hier aus Ihrer Sicht?
Urs Keller: Zunächst einmal bin ich fest davon überzeugt, dass wir als Gesellschaft das Potenzial haben, Lösungen zu finden. Beispiele dafür gibt es genug. Wir müssen vernetzter denken und handeln, die Fachbereiche mehr verschränken, bürgerschaftliches Engagement und digitale Technik verstärken und Überregulierung
abbauen. Für uns als Kirche und Diakonie heißt das, in Netzwerken untereinander und mit anderen, auch mit neuen ungewöhnlichen Partnern, zu denken und zu handeln. Nah dran sein bei den Menschen und bei deren Problemen, konsequent Kirche in der Welt und für die Welt sein. Das ist auch eine wunderbare, bereichernde theologische und geistliche Aufgabe.
 
An welche Meilensteine denken Sie besonders, die Sie in den zurückliegenden Jahren begleitet haben?
Urs Keller: Meilenstein ist vielleicht etwas zu vollmundig. Ein wenig stolz bin ich aber darauf, dass es mir gegen erhebliche Widerstände gelungen ist, die Zusatzversorgung der Mitarbeitenden der Diakonie im Alter durch die Überführung in die große Evangelische Zusatzversorgungskasse Darmstadt zu sichern. Bedeutsame Stichworte sind für mich außerdem Mitglieder- und Dienstleistungsorientierung, interdisziplinäre Zusammenarbeit innerhalb der Diakonie Baden, KI und Innovationsfreude sowie die Entwicklung eines Leit- und Zielbildes. Als weiteres sehr wichtiges Thema sehe ich die enge Zusammenarbeit mit den anderen Wohlfahrtsverbänden und damit mehr politische Wirksamkeit. Sozialpolitische Stimme, Diakonische Kirche und kirchliche Diakonie zu sein, war mir wichtig. Inwieweit dies gelungen ist, sollen andere beurteilen.
 
Wie wird Ihr Terminkalender im Ruhestand aussehen? Haben Sie schon Pläne?
Urs Keller: Ich gehe planlos in den Ruhestand – als jemand, bei dem immer alles geplant war. Aber ich gehe natürlich mit Vorstellungen, was mich interessiert und was ich machen will. Wandern oder Ski fahren gehören sicherlich
dazu. Ich bin neugierig, was noch kommt.
 
Das Gespräch führte Rebecca Müller-Hocke