Zuhören, aber nicht schweigen

Mann und Frau sitzen auf Polsterbank und unterhalten sich

Politik & Gesellschaft

Was tun, wenn im Gespräch oder bei einem Treffen plötzlich demokratiefeindliche oder rechtsradikale Gedanken geäußert werden? Tipps von Dr. Harald Lamprecht; er ist  Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Sachsen.

Herr Dr. Lamprecht, mit welcher Grundhaltung sollte man an ein Gespräch mit einem Menschen, der demokratiefeindliche oder rechtsradikale Gedanken äußert, herangehen?
 
Wichtig ist es, sich selbst immer wieder daran zu erinnern, wofür wir als Kirche stehen, was unsere Grundlage ist. Dies ist die Botschaft des Evangeliums: Die bedingungslose Zuwendung Gottes an alle Menschen. Die christliche Grundaussage ist, dass Gott alle Menschen so sehr liebt, dass er selbst Mensch geworden ist. Die Konsequenz ist, dass uns andere Menschen nicht egal sein sollen. Das zeigt sich am Verhalten dem Nächsten gegenüber. Es gibt keine Gute Botschaft ohne Nächstenliebe.
Die Macht ist in unserer Demokratie auf alle Wahlberechtigen aufgeteilt und lebt davon, dass Menschen sich informieren und informiert entscheiden. Deshalb ist die Pressefreiheit wichtig. Aber weite Teile der Bevölkerung sind nicht mehr mit seriöser Berichterstattung erreichbar. Große, teilweise aus dem Ausland gesteuerte Werbeagenturen entwerfen digitale Kampagnen, die unsere politische Meinung zum Kippen bringen. Auf diese Art mediales Sperrfeuer ist unsere Demokratie nicht vorbereitet. Auch das sollten wir uns bewusst machen, wenn wir mit anderen Menschen über diese Themen reden.
 
Sollte man unterschiedlich reagieren, je nachdem, in welcher Situation man mit menschen- oder demokratiefeindlichen Meinungen konfrontiert wird? 
 
Porträt Dr. Harald Lamprecht
Dr. Harald Lamprecht

Quelle: privat

Man sollte menschenfeindliche Äußerungen niemals unwidersprochen stehenlassen, denn Schweigen wird als Zustimmungen gewertet. Es reicht aber manchmal zu sagen: ‚Das sehe ich anders‘, falls die Situation gerade nicht passt, um darüber zu diskutieren und das argumentativ zu begründen.
Ein seelsorgerliches Gespräch geht nur unter vier Augen. In einer Gruppe, wenn andere Zuhörer anwesend sind, sind die eigentlichen Adressaten die anderen Zuhörer, die Unbeteiligten. Das führt dazu, dass man mit dem anderen härter umgehen muss als im persönlichen Gespräch. Denn das Eingehen auf Sorgen und Nöte könnte von den Zuhörern als Einwilligung gewertet werden.
In dieser Situation sollte man vielleicht eher positiv von dem eigenen Standpunkt reden: Was ist mir wichtig, was sind meine Grundlagen, was bedeutet Nächstenlieben für mich, warum finde ich Demokratie wichtig? Das kann manchmal hilfreich sein, um aus einer harten Konfrontation rauszukommen.
 
Woran erkennt man, dass die AfD im Kern eine rechtsextreme Partei ist?
 
Das hat zwei Dimensionen: Zum einen die Missachtung der Menschenwürde. Die AfD fordert beispielsweise die „Remigration“ für Millionen von Menschen. Diese Forderung ist nicht nur ausländerfeindlich, sondern vor allem schlecht versteckter Rassismus. Das geht gegen viele Menschen, die legitim in Deutschland wohnen.
Die zweite Dimension ist die Zerstörung der Demokratie: Es wird ein Umbau der Gesellschaft versucht, so dass bestimmte Elemente, die dafür sorgen können, dass die Macht wechseln kann, abgebaut werden. Die entscheidenden Stellen zur Kontrolle der Macht, die Verfassungsgerichtsbarkeit und die Pressefreiheit, vor allem die öffentlich-rechtlichen Medien, werden unterlaufen oder diskreditiert. Das sind die beiden Dimensionen einer rechtsextremen Partei.
Ein Problem ist, dass sich die AfD gut tarnt. Andere rechtsextreme Parteien wie die NPD beispielsweise hatten nie eine Zeit, in der sie nicht rechtsextrem waren. Die AfD war aber ursprünglich wirtschaftsliberal mit einem völkischen Flügel. Es war lange eine Frage, welcher Teil sich durchsetzen wird. Inzwischen hat sich der völkisch-nationalistische Flügel komplett durchgesetzt. Die Radikalisierung kann man an den Reihen derjenigen sehen, die etwas zu sagen haben. Von dem Parteiausschlussverfahren gegen Björn Höcke redet in der AfD niemand mehr. Dennoch versteckt sich die Partei immer noch hinter dem Image einer bürgerlichen Partei.
 
Macht es einen Unterschied, ob ich mit einem Sympathisanten oder einem Parteimitglied der AfD spreche?
 
Ja, ich muss unterscheiden, mit wem ich es zu tun habe: Ist dieser Mensch seit Jahren im rechtsextremen Milieu unterwegs oder nur verunsichert? Ist das ein Mitglied der Partei, jemand in Verantwortungsposition, dann muss ich eine deutliche Abgrenzung formulieren.
Diese Haltung darf man aber nicht auf ungefestigte Sucher ausweiten. Gerade bei diesen Leuten sollte man sich um ein Gespräch bemühen. Schlecht ist eine Einstellung wie: Da hat jemand etwas gesagt, das klingt komisch, vermutlich gehört er zu „denen“, mit dem rede ich nicht mehr.
Manchmal ist es auch eine bewusste Strategie der AfD, diese Unterscheidung zu verwischen.  Kritik an der Partei wird von ihnen selbst dann auf alle Wähler und Sympathisanten übertragen, um sie als überzogen abwehren zu können.
 
In welchen Bereichen von Kirche sollten wir immer offenbleiben, in welchen nicht?
 
Gottesdienste sind immer öffentlich. Auch der härteste Neonazi ist im Gottesdienst willkommen. Hier grenzen wir niemanden aus. Unsere Hoffnung bleibt, dass Gottes Wort Menschen zur Umkehr rufen kann.
Offenheit heißt aber nicht, dass wir Propagandisten auch in unsere Gremien lassen sollen. Verantwortung kann nur an Menschen gegeben werden, die unsere christlichen Werte nicht mit Füßen treten.
Die Mitgliedschaft in einer Partei wissen wir meist nicht. Aber wir sehen, wie sich jemand öffentlich äußert. Wenn sich jemand als Redner auf Demonstrationen oder in den Sozialen Medien öffentlich demokratie- oder menschenfeindlich zu Wort meldet, kann er nicht im Ältestenkreis mitarbeiten.
 
Gibt es in der rechtsradikalen Argumentation ein erkennbares Muster, auf das man sich vorbereiten kann?
 
Grundsätzlich ist es wichtig, zwischen Problemanzeigen auf der einen und Lösungsansätzen auf der anderen Seite zu unterscheiden. Hinter vielem Unbehagen stehen reale Probleme. Es gibt beispielsweise eine Entwicklung zur Urbanisierung, das Land stirbt aus, es gibt eine Verarmung der öffentlichen Kassen und dadurch eine bröckelnde Infrastruktur. Die Schuld daran auf Ausländer zu schieben, heißt aber, reale Probleme mit untauglichen Lösungen zu verknüpfen. Wenn man die falschen Lösungen ablehnt, haben die Leute oft das Gefühl, man habe das Problem nicht verstanden. Deshalb ist es wichtig, nach realen Lösungen suchen.
Auch einen sprunghaften Themenwechsel im Gespräch sollte man vermeiden.
 
Einerseits Menschen nicht ausschließen, andererseits den eigenen Standpunkt deutlich machen – wie geht das? 
 
Im direkten Gespräch sollte man versuchen, möglichst eine Gemeinsamkeit zu finden. Wo ich nichts gemeinsam habe, entsteht kein fruchtbringendes Gespräch. Manchmal muss man dafür den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen, Dinge, denen man gemeinsam zustimmen kann.
Da gibt es einiges. Alle Menschen wollen in Frieden und Sicherheit leben. Man sollte immer möglichst konkret bleiben im Gespräch, immer danach fragen, was eine Person selbst erlebt oder gesehen hat, nicht nur, was sie von anderen gehört oder auf Social Media gelesen hat.
Man kann auch versuchen, es offensiv anzugehen. Die Leute wehren sich gegen den Vorwurf, Nazis zu sein. Da kann man sagen: Schön, dass du das nicht sein willst, ich auch nicht, dann wäre es auch gut, Dinge nicht so zu machen, wie Nazis sie machen.
 
Gibt es einen Punkt, an dem es besser ist, den Kontakt abzubrechen?
 
Wenn man merkt, es ist beim Gegenüber kein Interesse da, sich wahrheitsgemäß und faktengestützt zu unterhalten. Verschwörungserzählungen sind ein wesentlicher Teil rechtsextremer Propaganda. Es ist schwer, dagegen zu argumentieren, denn man kann nicht beweisen, dass etwas nicht ist, man kann nur beweisen, dass etwas ist. Verschwörungstheorien zerstören Vertrauen. Ein Beitrag der Kirche zu einer neuen Vertrauenskultur wäre, uns selbst zu fragen, wer unser Vertrauen verdient, und uns selbst als verlässlich zu erweisen.
 
Haben Sie einen Tipp, wo man sich weiter über das Thema informieren kann?
 
Toll finde ich die Aktion www.kleinerfuenf.de. Diese Kampagne argumentiert radikal höflich gegen Rechtsextremismus, ohne Bösartigkeit und Hass. Wir können unsere demokratischen Werte nur hochhalten, wenn wir sie auch gegenüber Rechtsradikalen hochhalten. Auch diese verlieren ihre Menschenwürde nicht.
Wenn wir uns von unseren christlichen Grundlagen, der grundlegenden Menschenliebe Gottes, leiten lassen, dann hat das Konsequenzen für den Umgang untereinander: Behandle jeden Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest.
 
Das Interview führte Alexandra Weber.
 
Lesen Sie dazu auch eine Stellungnahme von Landesbischöfin Heike Springhart: