Faire Arbeit statt Ausbeutung: Beratungsstelle unterstützt Beschäftigte in Not

Erntearbeiter bei der Erdbeerernte

Wenn Menschen zu Renate Zäckel in die Beratungsstelle „Faire Arbeit Baden-Württemberg“ kommen, dann geht es meistens um existenzielle Probleme. Es geht um nicht ausgezahlten Lohn, Verstöße gegen das Mindestlohngesetz oder unseriöse Arbeitsverträge. Wie sie und ihre Kolleg*innen helfen, erfährst du in unserem Journalbeitrag.

Als Renate Zäckel darüber berichtet, mit welchen Problemen Arbeitnehmende in die von der Evangelischen Kirche getragene Beratungsstelle kommen, gerät sie richtig in Fahrt. Vieles, was sie und ihre vier Kolleg*innen zu hören bekommen, hat mit Ungerechtigkeit zu. 
Die Ratsuchenden haben meistens ähnliche Probleme. Zäckel nennt Beispiele: „Die Menschen kommen, wenn sie nicht bezahlt werden, wenn sie am Ende des Monats keinen Lohn bekommen oder wenn sie arbeiten und keinen Urlaub bekommen, Überstunden nicht bezahlt werden oder der gesetzliche Mindestlohn nicht gezahlt wird. Auch bei unrechtrechtmäßiger Kündigung beraten wir.“ 
 
Der Bedarf nach Beratung sei sehr hoch, bestätigt Zäckel, die seit 15 Jahren vorwiegend rumänisch-sprachige Arbeitnehmende berät und dabei auch noch weitreichendere Verstöße gegen das Arbeitsrecht erlebt. 
 
Zäckel spricht von Ausbeutung. Es betrifft Menschen, die regulär in Deutschland arbeiten, die aber häufig nicht so gut Deutsch sprechen und oft nicht wissen, welche Rechte ihnen eigentlich zustehen: „In unsere Beratung kommen Menschen aus Rumänien, Bulgarien und der Ukraine. Wir beraten sie zu arbeitsrechtlichen und sozialrechtlichen Themen und helfen ihnen bei der Durchsetzung ihrer Arbeitsrechte auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland, wenn sie sich in Ausbeutung befinden oder in prekären Lebenslagen aufgrund ihrer Arbeit.“ 
 
Es sind Arbeitnehmende, die in Deutschland leben, aber auch Saisonarbeitskräfte, die auf Zeit hier sind, die das Team von Zäckel kontaktieren, oft per Telefon, aber auch per Chat. Die Berater*innen sprechen auch die jeweilige Muttersprache der Anrufenden, das macht die Kontaktaufnahme einfacher. 
 
Das Team von Faire Arbeit hilft ganz konkret – etwa einem Paketzusteller, der beim Arztbesuch feststellte, dass er keine gültige Krankenversicherung hatte. Sein Arbeitgeber, ein Subunternehmer, hatte keine Sozialbeiträge abgeführt. Die Beratenden schalteten den Auftraggeber ein, der den Subunternehmer schließlich zur Nachzahlung verpflichtete. Solche Fälle sind keine Seltenheit.  
 
Zäckel und ihre Teamkolleg*innen beraten und unterstützen, so gut wie möglich. Die eigentlichen Probleme können sie aber nicht beseitigen. Arbeitsausbeutung gibt es weiterhin in Deutschland, trotz guter Gesetze, wie zum Beispiel dem Mindestlohngesetz oder Arbeitsschutzgesetzen. Denn es gibt Wege, das zu umgehen. Ein Beispiel: Ein großer Internetanbieter lagert die Paketzustellung an ein Subunternehmen aus. Dort wird der Mindestlohn umgangen, weil der Zusteller aufgrund der hohen Arbeitslast Überstunden machen muss, die das Unternehmen aber nicht bezahlt. Oft haben die Betroffenen keine Möglichkeit sich dagegen zu wehren. 
 
„Es gibt auch Arbeitgeber, wo der Verdacht des Menschenhandels zur Arbeitsausbeutung besteht. Das betrifft oft Saisonbeschäftigte in der Landwirtschaft. Da ist die Unterbringung gekoppelt mit dem Arbeitsvertrag. Da werden Menschen z. B. aus Rumänien mit einem Transporter irgendwohin nach Deutschland gebracht, ohne dass sie wissen, wohin, und dann werden ihnen auch noch die Pässe abgenommen und erst zum Saisonende zurückgegeben. Das hat Tendenzen zum Menschenhandel.“ 
 
Zäckel ärgert sich über solche Methoden. Besonders, weil die Menschen in Deutschland dringend gebraucht werden: „Wir brauchen nicht nur Fachkräfte, sondern auch Saisonarbeiter, Reinigungskräfte, Menschen, die LKWs fahren und Pflegekräfte in der häuslichen Pflege. Der deutsche Arbeitsmarkt ist ausgeblutet und kommt ohne ausländische Fachkräfte, Arbeiter, Arbeiterinnen nicht mehr zurecht.“
 
Gute Arbeitsbedingungen und eine faire Bezahlung sind für Renate Zäckel auch eine Frage der Haltung und der Wertschätzung. 
„Ich glaube, dass die Gesellschaft sensibilisiert werden müsste, was Arbeitsschutz überhaupt bedeutet, und dass der Grundsatz gleicher Lohn für gleiche Arbeit für alle gelten sollte, die in Deutschland arbeiten.“ Neben der praktischen Beratung macht das Team deshalb auch immer wieder Aufklärungs- und Lobbyarbeit. 
 
Für Zäckel ist es von großer Bedeutung, dass sich die Kirche für faire Arbeitsbedingungen und für Menschen in prekären Situationen einsetzt. Auch wenn die vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt gegründete Beratungsstelle mittlerweile vollständig aus EU-Mitteln finanziert wird, bleibt ihr Engagement ungebrochen: „Wir sind nah bei den Menschen, wir helfen ihnen und stehen für christliche Werte ein. Das wird von den Menschen, die wir beraten, sehr geschätzt.“ (30.04.2025).
 
  

Renate Zäckel

Leitung Beratungsstelle "Faire Arbeit Baden-Württemberg"
 
Weitere Informationen:  www.faire-arbeit-bw.de