„Nie wieder“ gilt für alle – Oberkirchenrat Wolfgang Schmidt zu Israelsonntag, Antisemitismus und Gaza

leuchtendes friedenssymbol auf dunklem Hintergrund

Noch immer hält die Hamas israelische Geiseln gefangen, während die israelische Armee den Gazastreifen bombardiert. Inmitten dieser Eskalation ruft der Israelsonntag am 24. August zur Besinnung auf. Oberkirchenrat Wolfgang Schmidt, langjähriger Propst in Jerusalem und Vorsitzender des Jerusalemsvereins, warnt vor religiös motivierter Gewalt und plädiert für eine klare Haltung gegen Antisemitismus – und für Menschenwürde auf beiden Seiten.

Herr Schmidt, am 24. August ist Israelsonntag. Was verbinden Sie mit diesem Gedenktag?
Wolfgang Schmidt: Ich verbinde damit die jahrtausendealte theologisch begründete Feindschaft der Christen gegenüber den Juden. Dieser Sonntag kann unser Bewusstsein dafür schärfen, dass der Wandel der Theologie in den vergangenen 50 Jahren immer wieder neu durchbuchstabiert werden muss in unseren Predigten und Gebeten und in unserem Reden über den jüdischen Glauben. Anders als „Israelsonntag“ vermuten lässt, hat der Tag erst einmal wenig mit dem Staat Israel zu tun. 
 
Welche Bedeutung kommt ihm angesichts der Ereignisse um und nach dem 7.Oktober 2023 und dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland zu?
Wolfgang Schmidt: Die jahrtausendealte Judenfeindschaft gipfelte in der Massenvernichtung der Juden, in der Shoah. Eine Israelin, deren Vater darin umkam, lehrte mich das „Nie wieder“: Sie macht sich dafür stark, dass niemals wieder Menschen – wer sie auch seien - in dieser Weise Opfer von Ausgrenzung, Missachtung und Verfolgung werden. Das gilt für Juden wie Muslime, für Palästinenser und Israelis, das gilt für alle Menschen gleichermaßen. Insofern sind Antisemitismus, Islamophobie, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus rote Tücher, die uns aufschreien und handeln lassen. In dieser Hinsicht ist das unterschiedslose Morden der Hamas verabscheuenswürdig, wie auch das skandalöse Vorgehen Israels im Gazastreifen zu verurteilen. Der Israelsonntag erinnert daran, wo es hinführt, wenn Menschenwürde – womöglich noch religiös motiviert – missachtet wird.
 
Oft wird gesagt, Christ*innen in Deutschland haben eine besondere Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk und dem Staat Israel. Warum? 
Wolfgang Schmidt: Die Idee des Massenmords an den Juden ist in deutschen Köpfen geboren und die Hände unserer Vorfahren haben ihn vollbracht. Der entstehende Staat Israel wurde zur Zuflucht der Geschundenen und ist für viele Juden weltweit bis heute ein Fluchtpunkt geblieben. Wir sind solidarisch mit diesem Staat, aber nicht um den Preis der Menschenrechte, nicht um den Preis einer Grenzziehung bis zum Jordan oder darüber hinaus, nicht um den Preis jüdischer Gewalt an der einheimischen Bevölkerung im Westjordanland. Für ein Israel in den Grenzen, die es bis 1967 respektiert hat und das sich „auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Visionen der Propheten“ stützt“, wie es die Unabhängigkeitserklärung des Staates formuliert, stehe ich gerne ein.
 
Die Situation in Israel und Palästina polarisiert die Menschen zunehmend: Der Solidarität mit Israel steht Unverständnis im Hinblick auf die anhaltende militärische Gewalt bis hin zum Antisemitismus gegenüber. Viele Menschen sind verunsichert, ob und wie sie sich verhalten sollen. Was meinen Sie dazu? 
Wolfgang Schmidt: Es ist Krieg. Und jeder Krieg hat seine Propaganda, die polarisiert. Wir haben vielfach den Kompass verloren: die Menschenwürde, das humanitäre Völkerrecht, die Menschenrechte. Diese sind blind für Nation und Religion. Das aber brauchen wir. Und dann können wir uns auch leichter mit jenen Juden und mit jenen Palästinensern verbinden, die diese Werte teilen und gewaltfrei nach Lösungen suchen. Es gibt ja nicht die Israelis oder die Palästinenser, sondern es gibt jeweils die, deren Werte wir teilen und die anderen.
 
Wir haben nach Ihrer Reise in die palästinensischen Gebiete im letzten Jahr über die schwierige Situation von Christen im Heiligen Land gesprochen. Haben Sie seither Kontakt zu Christen gehabt? Was sagen die über die Lage?
Wolfgang Schmidt: Als Vorsitzender des Jerusalemsvereins und über den Dialogweg der Landeskirche bin ich im ständigen Austausch mit palästinensischen Christen. Die Verzweiflung und die Empörung sind groß über das Unrecht, das täglich in der Westbank geschieht. Aber auch angesichts der Gewalt in Gaza ist man verzweifelt. Der lateinische und der griechisch-orthodoxe Patriarch waren jüngst gemeinsam in Gaza, nachdem ein israelischer Panzer die einzige katholische Kirche dort beschoss und Menschen dabei zu Tode kamen.
 
Inzwischen ist der Gazastreifen in weiten Teilen von der israelischen Armee zerstört worden. Wir sehen täglich Bilder von Trümmern und verzweifelten Menschen. Die Terrororganisation Hamas scheint aber nach wie vor großen Einfluss zu haben und noch immer werden israelische Geiseln gefangen gehalten. Sehen Sie einen Ausweg aus dieser Situation?
Wolfgang Schmidt: Ein sofortiger Waffenstillstand ist der erste Schritt und schon überfällig! Der Not der Bevölkerung und der verzweifelten Lage der Geiseln kann man nur begegnen, indem Israel die Waffen schweigen lässt. Viele Israelis nennen die Besetzung der Westbank 1967 einen „Sündenfall“, der Israel in seinen Grundfesten bis zum heutigen Tag zersetzt. Eine fortdauernde Besetzung des Gazastreifens brächte den palästinensisch-israelischen Konflikt vollends in eine Endlosschleife. Im Übrigen sehe ich nicht, wie Deutschland und andere Länder unter solchen Umständen noch Waffen liefern können.
 
Kann eine Zweistaaten-Lösung langfristig Frieden schaffen?
Wolfgang Schmidt: Die Hamas und die Siedler wollen beide das gleiche: das gesamte Land unter ihrer jeweiligen Herrschaft. Mit beiden gibt es keinen Frieden. Und wie man angesichts der Zerstückelung der Westbank überhaupt noch einen palästinensischen Staat schaffen kann, ist mir schleierhaft. Wäre es aber möglich, so wäre sichergestellt, dass die Mehrheit in Israel jüdisch bleibt, was ja dem Anliegen der Staatsgründung entspricht. Dass ein Staat Israel je andere Mehrheitsverhältnisse akzeptieren würde, bezweifle ich. Darum halte ich die „Integration“ von Juden und Palästinensern in einem gemeinsamen Staat für kaum denkbar. Im Übrigen wollen ja auch letztere ihre Belange selbst regeln. Ich glaube, dass zwei Staaten Seite an Seite mit entsprechenden internationalen Garantien Frieden bringen könnten, denn die meisten Menschen dort haben den Konflikt so satt, dass von einem palästinensischen Staat eine geringe Gefahr ausginge.  
 
Immer wieder wird von den Kirchen ein klares Wort gefordert, das die israelische Politik gegenüber den Palästinensern verurteilt – jüngst vom Forum Friedensethik. Wie sehen Sie diese Forderung?
Wolfgang Schmidt: Wir müssen realistisch sein. Hunderttausende demonstrieren wöchentlich in Israel gegen den Krieg, ehemalige israelische Spitzenpolitiker machen sich für einen Waffenstillstand stark, Juden weltweit unterschreiben zu Tausenden Petitionen, die internationale Gemeinschaft der Staaten spricht sich mit übergroßer Mehrheit für ein Ende der Gewalt aus – die Regierung Netanjahu hat gerade das Gegenteil beschlossen. Was kann hier eine kirchliche Verlautbarung aus Baden bewegen? Hinzu kommen die gewachsenen Beziehungen zu den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Wegen der hohen Bedeutung, die Israel für sie hat, fühlen sie sich durch die Kritik am Staat vielfach persönlich getroffen. Vertrauen wird dadurch nicht selten nachhaltig beschädigt. Aber – da stimme ich dem Forum Friedensethik zu – das darf uns nicht hindern, uns auch öffentlich zu unseren Werten zu bekennen und damit in der Politik jenen den Rücken zu stärken, die diese Werte vertreten. Wir äußern uns als Kirchen nicht zu jedem Konflikt auf der Erde, aber das Heilige Land als Wiege des Christentums ist nicht irgendein Land. Deshalb pflegen wir ja auch Beziehungen zu den Christen dort. Persönlich hoffe ich, dass die Synode auf ihrer Herbsttagung im Rahmen des Dialogwegs Israel-Palästina klare Worte findet, die nicht polarisieren, aber unsere Werte unmissverständlich zum Ausdruck bringen. 
 
Können wir etwas zu einer Lösung des Konflikts beitragen? 
Wolfgang Schmidt: Wer hofft und betet, gibt die Menschen dort nicht auf. Wer Geld spendet für diakonische Arbeit und humanitäre Hilfe oder für zivilgesellschaftliches Engagement gegen die Gewalt stärkt die Hoffnung praktisch. Wer antisemitischen und rassistischen Parolen widerspricht, verteidigt die Menschenwürde. Auch wenn der Israelsonntag zunächst wenig mit dem gleichnamigen Staat zu tun hat, gibt er Gelegenheit, für ein differenziertes Urteil zu sensibilisieren. (18.08.2025)
 
Wie Sie helfen können: 
Der New Israel Fund (NIF) fördert seit mehr als 40 Jahren die Arbeit von Israelis und Palästinenser:innen, die sich gemeinsam für eine demokratische, gleichberechtigte und friedliche Zukunft einsetzen. NIF Deutschland ist die Plattform für alle, die die israelische Zivilgesellschaft auf diesem Weg unterstützen wollen.
Spendenkonto: New Israel Fund Deutschland e.V. 
IBAN: DE80 4306 0967 1168 4348 00
BIC: GENODEM1GLS
 
Das Programm »Kirchen helfen Kirchen« unterstützt mobile Kliniken in Gaza, die 2.000 Menschen wöchentlich eine Basisgesundheitsversorgung ermöglichen, vor allem Müttern und Kindern. Eine langjährige Partnerin, die Diakonie des Nahöstlichen Kirchenrates (DSPR), leistet diese Hilfe, die direkt bei denen ankommt, die in dem Krieg die größten Lasten tragen.
Spendenkonto von Kirchen helfen Kirchen
IBAN: DE10 1006 1006 0500 5005 00
BIC: GENODED1KDB
Bank für Kirche und Diakonie
Verwendung: »KhK – DSPR«

 
  

OKR Silke Dangel

Oberkirchenrätin - Leitung Referat 4 - Bildung und Erziehung in Schule und Gemeinde
Frau Pfarrerin Dr. Silke Dangel ist seit dem 1. Februar 2026 die Leiterin von Referat 4 - Bildung und Erziehung in Schule und Gemeinde.