Hinterm Mond

Vollmond

Klaus Nagorni

„Da lebst du aber hinterm Mond!“ Wer das gesagt bekommt, wird sich nicht gerade geschmeichelt fühlen. Hinterm Mond zu leben, das heißt ja so viel wie: du bist nicht auf der Höhe der Zeit, liegst ziemlich daneben. 
 
Aber vor kurzem haben eine Frau und drei Männer, die Crew der Artemis Mission, tatsächlich hinter den Mond geschaut. Noch nie waren Menschen bis dahin so weit weg gewesen von der Erde.    
 
Hinterm Mond waren sie vierzig Minuten lang getrennt von jeder Verbindung zur Erde. Niemand konnte sie während dieser Phase ihrer Expedition hören oder sehen. Ich habe mich gefragt: was macht man da, allein in der unendlichen Schwärze des Alls? 
 
"Ich habe ein kleines Gebet gesprochen, aber dann musste ich weitermachen", so hat der Astronaut Victor Glover diesen besonderen Moment kommentiert. 
Ein kleines Gebet? Ich wäre vermutlich sprachlos gewesen. Oder hätte mir irgendwo Worte gesucht. Solche vielleicht wie in dem Psalm 139 aus dem Alten Testament: „Von allen Seiten umgibst du mich. Führe ich gen Himmel, so bist du da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen. Spräche ich: Finsternis möge mich decken, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag.“ 
 
Ich weiß nicht, ob der Astronaut Victor Glover diese Worte für sein Gebet gewählt hat. Aber sie würden passen. Das Vertrauen, das darin liegt, dass Gott noch in der schwärzesten Einsamkeit und Weite des Universums da ist. Dass der Mondschatten noch so groß und das Weltall noch so finster sein kann - und es dennoch kein gottverlassener Ort ist. 
 
Und dann noch die Worte der einzigen Frau an Bord, Christina Koch! Als die Kapsel den Funkschatten hinter dem Mond wieder verlassen hatte und die Verbindung zur Erde wieder hergestellt war, hat sie spontan gesagt: "Wir werden uns immer für die Erde entscheiden, wir werden uns immer füreinander entscheiden.“ 
Was für ein schönes Versprechen! Genau so soll es sein, denke ich, beides gehört doch unbedingt zusammen: ein Gottvertrauen, das hinterm Mond nicht endet. Und das Bekenntnis zur Erde. „Wir werden uns immer füreinander entscheiden.“ 
 
  

Klaus Nagorni

Akademiedirektor i. R.