Seelsorge lernen: Haltung statt schneller Antworten

Frau mit langen Haaren hält große Muschel an ihr rechtes Ohr

Zuhören klingt einfach – ist es aber nicht. Gute Seelsorge braucht Übung, Selbstkenntnis und die Fähigkeit, im richtigen Moment nicht vorschnell zu reagieren. Ein Gespräch mit Judith Winkelmann, der Studienleiterin am Zentrum für Seelsorge der Abteilung Seelsorge, über Ausbildung, Haltung und die neuen Herausforderungen in der Seelsorge.

Kann man Seelsorge lernen oder muss man dafür gemacht sein?

Man muss Lust haben auf Kommunikation und neugierig sein auf Menschen. Beides kann man aber auch lernen. Es gibt natürlich Menschen, denen fällt es sehr leicht, mit anderen in Kontakt zu kommen. Aber das heißt noch lange nicht, dass das eine gute seelsorgliche Kommunikation ist. 

Was gehört denn zu einer guten seelsorglichen Kommunikation?

Dazu gehören ganz verschiedene Aspekte, zum Beispiel das Rollenbewusstsein. In welcher Rolle rede ich mit dem anderen? Bin ich gerade die gute Freundin oder bin ich die Seelsorgerin? Bin ich die Arbeitskollegin, bin ich die Vorgesetzte? Dieses Rollenbewusstsein zu entwickeln, gehört elementar dazu.
Dann gehört dazu das Zuhören können. Das heißt die eigenen Gedanken und Ideen, die mir während eines Gespräches kommen, erst mal zurückzustellen und stattdessen bei dem zu bleiben, was der oder die andere mir erzählt. Wichtig wäre zu überlegen, was könnte der Auftrag, was könnte die Fragestellung sein dahinter, um dann dementsprechend zu reagieren. Auch dieses Bewusstsein gilt es zu entwickeln. 

Und wie kann man genau das lernen: gut zuhören, ohne vorschnell zu reagieren?

Indem ich mir meiner eigenen Geschichte bewusstwerde. Zum Seelsorge lernen gehört viel Selbsterfahrung. Das heißt, die eigenen Themen kennenzulernen. Wo ist meine Achillesferse? Wo reagiere ich emotional? Was sind Themen, bei denen bei mir sofort ein eigener Film abläuft? Dazu gehören zum Beispiel Selbsterfahrungsübungen in der Gruppe, um zu schauen: Was passiert in einer Gruppe, wenn jemand ein Thema anspricht und wie reagiere ich darauf? 
Die Übungen und Gruppengespräche werden danach ausgewertet und reflektiert. Wie bin ich dabei mit meinen eigenen Themen umgegangen? Welche Emotionen sind bei mir wachgerüttelt worden? 

Und was gehört noch dazu?

Es ist dann auch noch eine Frage von Selbststeuerung. Wie gehe ich mit mir um?
Ruth Cohn, die Begründerin der Themenzentrierten Interaktion, hat den schönen Satz gesagt: 'Schau nach innen, schau nach außen und entscheide dann.‘ Also: guck nach innen, was in dir passiert. Schau nach außen: In welchem Kontext bewegst du dich? In welcher Konstellation findet das Gespräch gerade statt? In welcher Rolle bist du? Diesen Kontext zu betrachten und dann bewusst zu entscheiden, wie ich reagiere.

Wie sieht die Seelsorgeausbildung konkret aus?

Da muss man zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen differenzieren. 
Angehende Hauptamtliche können schon im Studium sechswöchige Grundkurse für Seelsorge machen. Damit haben wir in der Badischen Landkirche vor 3 Jahren angefangen und das Interesse ist sehr groß. 
Dann geht das weiter über die Ausbildung:  vier Woche Seelsorge im Vikariat und punktuell im Probedienst. 
Danach gibt es die Möglichkeit von sechswöchigen Kursen. Mit zwei sechswöchigen Kursen erwirbt man das Seelsorgezertifikat der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie. Damit kannst du dich im Rahmen des Fachverbandes für Pastoralpsychologie weiterbilden und EKD-weit auf Stellen in der spezialisierten Seelsorge bewerben.
Für Ehrenamtliche gibt es Qualifikationskurse. Die werden als Abendkurse angeboten, damit es zum beruflichen Alltag passt. Das Setting besteht aber auch da aus Theorie, Supervision und Selbsterfahrung. 
Immer gilt, dass man nicht sagen kann: ‚Jetzt habe ich den Kurs gemacht, deshalb bin ich fertig mit der Seelsorgeausbildung.‘ Die Welt verändert sich, ich verändere mich, die Themen verändern sich. Seelsorge lernen ist ein lebenslanges Lernen.

Inwiefern hat sich Seelsorge in den letzten Jahren verändert?

Digitale Seelsorge ist ein großes und auch disparates Feld. Da gibt es Fragestellungen auf verschiedenen Ebenen: von der Frage wie sich die Rolle in der digitalen Seelsorge verändert bis hin zum Datenschutz. 
Dazu gehört auch Seelsorge und KI. Wie gehen wir mit Chatbots um in der Seelsorge? Was vermögen sie und wo sind Grenzen?
Neu dazugekommen sind einige Themenbereiche wie zum Beispiel die traumasensible Seelsorge oder die diversitäts-sensible Seelsorge.

Was hat dich in deiner Seelsorgeausbildung persönlich am meisten geprägt?

Das ist schwer zu sagen, weil es ja nicht die eine Seelsorgeausbildung gibt, sondern eine lange Entwicklung ist, die auch immer noch weitergeht. Aber es fasziniert mich immer noch, welch großes Vertrauen uns als Seelsorgenden entgegengebracht wird, wie schnell sich Menschen öffnen. Darin liegt einerseits ein Vertrauensvorschuss, aber auch eine hohe Verantwortung, die wir übernehmen. Und mich begeistert immer noch die Idee, dass Seelsorge religiöse Kommunikation ist. Es ist eine Haltung, mit der ich auf Menschen zugehe und die sich eben nicht nur beschränkt auf das seelsorgliche Gespräch, sondern die sich in allen pastoralen Arbeitsfeldern zeigen kann.
Seelsorge ist ein Bereich, wo Menschen sich als sehr lebendig erleben und ihre eigene Urteilskraft, ihr eigenes Fingerspitzengefühl einsetzen können. Das macht uns zum Menschen.
  

Dr. Judith Winkelmann

Studienleiterin im Zentrum für Seelsorge; Supervisorin DGSv, DGfP/GOS