Der Wald ist nicht alles - Christliche Naturspiritualität Teil 1

Gewässer umgeben von Wald

Viele Menschen fühlen sich Gott in der Natur besonders nah. Aber was unterscheidet christliche Naturspiritualität von einem schönen Spaziergang im Wald? Der Theologe Detlef Lienau erklärt, warum Naturerfahrung für den Glauben wichtig sein kann – und warum sie Kirche, Bibel und Gemeinschaft nicht einfach ersetzt.

Herr Lienau, wenn Sie christliche Naturspiritualität in einem Satz erklären müssten: Was ist der Kern?

Naturspiritualität bedeutet zunächst: Ich trete zur Natur in eine Beziehung, in eine Art von Verbundenheit. Christlich wird diese Beziehung durch eine bestimmte Haltung: Ich benutze sie nicht, sondern lasse mich von ihr ansprechen und in Anspruch nehmen. Nichts gegen einen Psalmvers oder Paul-Gerhardt-Lied - aber das reicht nicht.

Bestimmt kennen Sie das auch, dass Menschen sagen: Ich gehe nicht so oft in die Kirche, aber ich bin viel im Wald. Da fühle ich mich Gott näher. Was antworten Sie darauf?

Ich will das nicht schlechtmachen. Es ist schön, wenn jemand im Wald etwas von Gott erlebt. Diese Erfahrung hat ihren Wert. Aber ich würde fragen: Reicht das aus? In der Naturerfahrung ist vieles enthalten – Gott schenkt Leben, erfrischt und ist schöpferisch präsent. Ich bin eingebunden in ein Netzwerk von Leben. Aber nicht alles, was den christlichen Glauben ausmacht, ist dort vorhanden. 

Was fehlt, wenn der Wald der einzige Ort des Glaubens bleibt?

Der christliche Glaube braucht Gemeinschaft. Naturerfahrung bleibt aber oft beim Einzelnen Im Wald wird nicht deutlich, dass Gott uns erlöst, befreit und die Welt vollendet. Auch die Auseinandersetzung mit biblischen Texten, Liedern und Glaubenszeugnissen unserer Vorfahren fehlt dort, das Eintreten in eine Traditionsgemeinschaft.  Der Wald ist in der Hinsicht auch bequem: Da bin nur ich, ohne Gemeinde, ohne sperrige Tradition, ohne die Zumutungen der Gemeinschaft. Also, da fehlen einige Aspekte von Religiosität, die Kern unseres Glaubens sind, die aber im Wald nicht auftauchen.

Wann wird aus einer Naturerfahrung etwas Spirituelles?

Spirituell wird Naturerfahrung, wenn ich mich bewusst öffne. Ich bin ja selbst Natur, ein leibliches Wesen. In der Natur komme ich gewissermaßen nach Hause. Wenn ich in Resonanz trete mit einem Raum, mit der Atmosphäre und dem, was dort lebt, entsteht eine andere Haltung. Wir können uns in der Natur auch mit ganz anderen Interessen und Zielen aufhalten: Wenn ich zum Beispiel als Rodler mit meinem Schlitten den Hang runterrase, dann benutze ich die Natur dafür, dass ich ein tolles Tempoerlebnis habe. Wenn ich mich der Natur mit einem naturwissenschaftlichen Blick widme, dann will ich sie verstehen, dann erforsche ich ein Objekt. Oder ich gärtnere, um etwas zu Essen rauszuholen. Naturspiritualität macht aber Natur nicht zum Objekt, sondern tritt in wechselseitige Resonanz mit ihr. Sie fragt stark: Wie kommt Natur auf mich zu?

Welche biblischen Texte sind für christliche Naturspiritualität wichtig?

Naheliegend sind natürlich die Schöpfungsberichte. Besonders spannend finde ich aber Römer 8: dort seufzt die ganze Schöpfung sehnt sich nach Vollendung. Die Hoffnung auf Gottes Reich ist also nicht nur ein menschliches Phänomen, sondern umfasst die ganze Schöpfung. Wichtig ist auch Psalm 104, das große Schöpferlob.

Franz von Assisi wird oft als Vorbild genannt. Taugt er dazu für heutige christliche Naturspiritualität? 

Ja, man kann bei Franziskus auch nach 800 Jahren noch viel gewinnen. Nicht umsonst ist er Patron der Umwelt im katholischen Bereich.  Viele Legenden berichten von einem freundschaftlichen Verhältnis zur Natur. Die haben vielleicht ein bisschen naive Züge, können uns aber trotzdem viel beibringen. 
Aus christlicher Perspektive sagen wir ja nicht: Ich schau mal, was für schöne Gefühle die Natur mir verschafft. Hauptsache ich komme beglückt aus dem Wald raus. Sondern christlich sein heißt empathisch sein, sich ansprechen lassen, aber auch in Anspruch nehmen lassen, verantwortlich sein. Und das hat Franziskus ganz stark gelebt. Tiere und Natur sind für ihn nicht nur Beiwerk. Sie stehen selbst in Beziehung zu Gott und loben Gott auf ihre Weise. Darum war es naheliegend, dass gerade ein Papst Franziskus in seiner bekannten Enzyklika Laudato si an Franz von Assisi anknüpft.

Wie steht es mit evangelischen Anknüpfungspunkten?

Die gibt es. Zum Beispiel in Chorälen des Evangelischen Gesangbuchs. In der evangelischen Theologie gibt es aber auch eine gewissen Distanz zur Natur. Das „Eigentliche“ wird eher im Wort gesucht als in der Natur. Gott zeigt sich vor allem in der Bibel – das liegt uns in der reformatorischen DNA. Ich muss sagen, mir ist es ganz sympathisch, dass wir da mit angezogener Handbremse rangehen. Ich sehe das als evangelische Stärke, dass wir Vorbehalte gegen Naturschwelgerei haben. Bitte nicht Natur vergotten. Bitte nicht Schöpfungsordnungen 1:1 übertragen. Die Natur ist sehr durchwachsen, wie der Rest der Schöpfung auch. Borkenkäfer und Erdbeben zeigen: Natur ist nicht einfach gut.

Warum spricht Naturspiritualität gerade heute so viele Menschen an?

Natur ist einfach hip, das ist ein  gesamtgesellschaftlicher Trend. Das hat erst mal nichts mit Religion zu tun. Menschen finden Natur gut und das kann ich auch gut nachvollziehen. Unser Alltag nimmt uns ganz stark aus der Natur raus. Da ist also ein Defizit. Ein zweiter Punkt ist: je mehr wir an unserer Gesellschaft und den Problemen verzweifeln, umso mehr suchen wir Räume, die davon nicht so stark durchtränkt sind. Das sind allgemein gesellschaftliche Trends, die dann auch in den Bereich Religion rüber schwappen. Es ist gut, wenn wir uns als Kirche damit befassen. Sonst suchen die Menschen ihre Anregungen und Antworten woanders. 

Kann Naturspiritualität auch zu ökologischem Handeln motivieren – ohne moralischen Zeigefinger?

Menschen engagieren sich für das, was ihnen am Herzen liegt, wozu sie eine Beziehung haben. Dann ist es kein Müssen. Das ist in Bezug auf meine Kinder und Nachbarn nicht anders als bei einer Landschaft oder der Artenvielfalt.  
Psychologische Studien belegen schon seit über 20 Jahren sehr eindeutig, dass Menschen, die naturverbunden sind, sich im Alltag umweltfreundlicher verhalten. Insofern kann man fast sagen: Jede Minute, die ich draußen verbringe, ist ökologisch wirksam. 
 
Von Detlef Lienau ist 2025 im Vandenhoeck & Ruprecht Verlag das Buch "Geerdet glauben. Christliche Naturspiritualität" erschienen.