Fünf Minuten reichen als Anfang - Christliche Naturspiritualität Teil 2

Junge Frau mit Rucksack steht auf einem Waldweg

Christliche Naturspiritualität beginnt nicht erst beim Pilgerwochenende. Schon wenige Minuten können helfen: stehen bleiben, atmen, wahrnehmen – und fragen, was die Schöpfung gerade von mir braucht, meint Detlef Lienau, Theologe und Initiator des Netzwerks christliche Naturspiritualität geerdetglauben.de. 

Herr Lienau, was wäre eine einfache Einsteigerübung für Menschen, die Naturspiritualität ausprobieren möchten?

Der erste Schritt ist: leiblich präsent werden, die eigene Wahrnehmungsfähigkeit steigern. Also bewusst atmen, die Sinne öffnen und am Ort ankommen. Ich schließe oft zuerst die Augen, weil das Sehen sonst alles dominiert. Dann spüre ich: Was ist unter meinen Füßen? Was ist auf meiner Haut? Was höre ich? Was rieche ich? Es geht nicht darum, sofort zu bestimmen, ob es eine Eiche oder Buche ist, sondern die Atmosphäre wahrzunehmen.

Sie schlagen auch vor, sich einfach mal hinzusetzen. Warum ist das wichtig?

Im Gehen sind wir oft viel zu schnell unterwegs und nehmen gar nicht richtig wahr, wo wir sind. Darum ist es hilfreich, fünf, sieben oder besser fünfzehn Minuten an einem Ort zu bleiben. Dann merken wir erst, was dort alles geschieht. Diese Achtsamkeit ist so etwas wie ein Warmmachen für Naturspiritualität.

Und was kommt nach diesem ersten Wahrnehmen?

Der zweite Schritt ist: sich in Anspruch nehmen lassen. Ich kann zum Beispiel unter einem Apfelbaum sitzen und schauen: Wo bleibt meine Aufmerksamkeit hängen? Will ich den Apfel nur essen, weil er lecker aussieht? Oder frage ich auch: Wie geht es dem Apfel? Was braucht der Baum? Braucht er Wasser, Pflege, Schnitt? Diese Frage schult die Aufmerksamkeit dafür, was mein Gegenüber von mir braucht.

Sollte man sich dabei vor allem schöne Natur suchen?

Nicht nur. Eine wichtige Übung ist, auch etwas wahrzunehmen, bei dem ich Widerstand spüre: Brennnesseln, eine Fichtenmonokultur, einen Ort, der mir nicht sofort gefällt. Natur ist nicht immer nur schön und nett. Das sollten wir nicht verklären. Gute Naturspiritualität geht auch in Konflikte hinein und fragt: Wie gelingt Beziehung zu einer Natur, die nicht wohlgefällig ist?

Kann man das auch in einer Gemeinde umsetzen?

Eine Kirchengemeinde in Freiburg hat Hochbeete vor die Kirche gestellt – aber keinen festen Gieß- oder Jätedienst organisiert. Die Idee war: Menschen, die vorbeigehen, sollen wahrnehmen, wenn das Beet trocken ist oder ein Salatkopf Platz braucht – und dann zur Gießkanne greifen. Das ist eine einfache, aber starke Übung: nicht planen, sondern wahrnehmen üben.

Gibt es auch eine Übung, die mitten im Alltag funktioniert?

Ja, zum Beispiel beim Essen. Franz von Assisi sagt: Jedes Essen geschieht auf Kosten von anderem Leben. Selbst wer vegetarisch isst, lebt davon, dass anderes Leben zur Nahrung wird.
Daraus kann eine dreifache Alltagsübung entstehen: Erstens achte ich darauf, wie meine Ernährung möglichst wenig Schaden anrichtet. Und wenn ich schon dem Apfelbaum etwas wegnehme, pflanze ich zweitens Kerne ein, damit wieder etwas wächst. Und ich nehme mir drittens vor dem Essen einen Moment für Dankbarkeit – etwa mit einem Tischgebet oder einem stillen Innehalten. Das ist Naturspiritualität mitten im Alltag - in der Kantine oder zu Hause.

Wie viel Zeit braucht man dafür?

Es geht nicht darum, gleich mit einem ganzen Wochenende einzusteigen. Fünf Minuten reichen als Anfang. Wie beim Sporttraining: Es ist besser, regelmäßig kleine Dehnungsübungen zu machen, als auf den einen großen Moment zu warten. Naturspiritualität lässt sich üben.

Was kann sich verändern, wenn Menschen solche Übungen ausprobieren?

Viele Menschen erleben Natur als belebend und erfrischend. Natur macht uns lebendiger und fröhlicher. Das bestätigen auch medizinische und psychologische Studien. Wir Menschen haben also etwas davon, wenn wir in der Natur sind. Außerdem – das merken wir – wird das eigene Beziehungsnetz größer. Bäume, Pflanzen, Tiere und Landschaften gehören dazu. Und drittens kann sich der Glaube erweitern, weil die Schöpfung zu einem weiteren Erfahrungsraum der Gottesbeziehung wird.

Wie und wo können Interessierte weitermachen?

Wer tiefer einsteigen oder selbst Angebote anleiten möchte, findet unter geerdetglauben.de Informationen zu christlicher Naturspiritualität, Kursen und Qualifizierungen.
Außerdem startet am 1. September die Aktion „Impulse für die Schöpfungszeit“. Bis zum 4.Oktober laden tägliche Meditations- und Handlungsimpulse dazu ein, Gottes Gegenwart in der Schöpfung zu entdecken und verantwortungsvoll als Mitgeschöpfe zu handeln.