Seit einigen Monaten benutze ich eine Vogelstimmen-App. Wenn ich mich morgens an den Frühstückstisch im Garten setze, bekomme ich schon nach wenigen Minuten zehn verschiedene Vögel angezeigt, die gerade zu hören sind. Ist das nicht großartig?
Inzwischen kann ich schon eine ordentliche Zahl an Vögeln nur an ihrem besonderen Gesang unterscheiden. Ich weiß, wie der Bienenfresser aussieht und die Mönchsgrasmücke. Ich kenne den Ort, an dem man jeden Abend Nachtigallen hören kann, und weiß, wo die Schwarzkehlchen zu hören sind. Und ich freue mich, wenn sich der Distelfink ab und zu zeigt.
Es ist ein bunter Kosmos der Lebendigkeit, in den ich jetzt täglich eintauche. Nicht nur unterschiedliches Aussehen und andere Vogel-Stimmen nehme ich wahr. Ich entdecke auch verschiedene Gewohnheiten beim Verhalten, beim Flug und beim Singen. Ja, in mir werden durch die verschiedenen Vogelstimmen auch unterschiedliche Emotionen geweckt. Manche Vögel faszinieren mich, wie das Amselpärchen, das uns jeden Tag auf der Terrasse besucht. Andere Vögel gehen mir auch auf die Nerven.
Seit ich die Vögel neu entdeckt habe, bekommt für mich ein Satz, den Jesus gesagt hat, plötzlich ein ganz anderes Gewicht: „Seht die Vögel unter dem Himmel an. Sie säen nicht, sie ernten nicht und sie legen sich keine Vorräte an. Aber Gott sorgt für ihre Nahrung und lässt sie leben. Wenn schon die Vögel bei Gott im Blick sind, wie viel mehr gilt das dann auch für euch!“ (Matthäus 6,26)
Die Vögel als Vorbilder für uns Menschen! Nicht in dem, was sie tun, sondern in dem, was ihnen zugestanden wird; indem, wie Gott für sie sorgt. Sie erfahren besondere Wertschätzung, ohne dass sie sich dafür besonders anstrengen müssen. Wenn das schon für die vergleichsweise kleinen Vögel gilt, dann gilt es auch für uns Menschen.
Dieselbe Achtsamkeit, die ich mir von anderen wünsche, sollte ich der ganzen Schöpfung angedeihen lassen. Jeder Baum, der gefällt wird, alles, was wir Menschen tun, um den Lebensraum von Vögeln zu reduzieren, wirkt auf uns Menschen zurück. Nicht nur langfristig, in der drohenden Dezimierung ihrer Artenvielfalt, auch kurzfristig. Denn wenn ich einen Vogel plötzlich nur noch vereinzelt höre oder gar nicht mehr, wird die Welt ärmer an Schönheit und an Vielfalt, an einem Farbtupfer im bunten Gewand der Schöpfung. Vielleicht habe ich heute Glück und meine Vogelstimmen-App zeigt mir eine elfte Vogelstimme beim Frühstück an.
