„Suizidprävention beginnt nicht erst beim Suizidgedanken“

Beratung & Seelsorge & Diakonie
Jedes Jahr beenden über 10.000 Menschen in Deutschland ihr Leben durch Suizid. Laut Statistik des Nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPRo) sterben dadurch mehr Menschen als bei Verkehrsunfällen, Mord und Totschlag, illegale Drogen und AIDS zusammen. Anlässlich des Internationalen Tages der Suizidprävention am 10. September haben wir Pfarrerin Annemarie Czetsch-Lawrenz von der TelefonSeelsorge Rhein-Neckar gefragt, was Suizidprävention bedeutet und wie man suizidgefährdeten Menschen helfen kann.
Frau Czetsch-Lawrenz, am 10. September ist der Tag der Suizidprävention. Warum ist dieser Tag wichtig?
Über Suizid zu sprechen, ist für viele Menschen schwierig. Sie sind einfach unsicher, wollen nichts falsch machen und gehen dem Thema aus dem Weg. Was kann, darf ich sagen, wenn sich z.B. der Sohn der Nachbarin suizidiert hat? Darf ich eine Person ansprechen, von der ich vermute, dass sie über Selbsttötung nachdenkt? Dazu kommt, dass Menschen, die über Suizid nachdenken, ihre Gedanken aus Scham nicht teilen, auch weil sie befürchten, dass andere nicht damit umgehen können. Der Tag ist wichtig, weil er hilft, das Thema aus der Tabuzone zu holen und Betroffenen Gehör zu verschaffen.
Wie häufig wenden sich Menschen mit Suizidgedanken an die TelefonSeelsorge?
Das hängt von der Art ab, wie sich die Menschen bei uns melden. Es gibt unterschiedliche Wege: Telefon, E-Mail oder Chat. Ein paar Zahlen dazu: Am Telefon äußern 6% der Anrufenden Suizidgedanken, 1% Suizidabsichten. Per Mail schreiben knapp 22% über Suizidgedanken, 3,2% über Suizidabsichten. Im Chat schreiben 19% über Suizidgedanken, 2,3% haben Suizidabsichten. Das sind heftige Unterschiede. Wenn man weiß, dass der Altersschwerpunkt im Chat bei 20 bis 29 Jahren liegt, bei Mail-Schreibenden bei 30-39 Jahren und bei den anrufenden Personen bei 40 bis 70 Jahren, erhalten die Zahlen noch ein ganz neues Gewicht. Jüngere haben deutlich mehr Suizidgedanken und Suizidabsichten.
Wie gehen Sie in der TelefonSeelsorge mit Suizidgedanken um?
Wenn jemand anruft oder schreibt, nimmt er die Beziehung zu uns auf. Das betrachten wir als Ausdruck einer Ambivalenz zwischen Sterbe- und Lebenswunsch.
Die Seelsorger*innen hören zu und versuchen eine Beziehung zu der anrufenden Person herzustellen: „Gut, dass Sie angerufen haben. Erzählen Sie, weswegen Sie anrufen“. Die Seelsorgenden lassen die Person erzählen, sie machen keine Änderungs- oder Verbesserungsvorschläge oder gar Vorwürfe. Sie sind gewissermaßen Anwält*innen der Hoffnung. Sie weichen der Frage nach dem Suizid nicht aus. Sie weisen auf konkrete Hilfsangebote hin. Sie sind aber keine Therapeut*innen. Es geht um den Moment, um dieses Gespräch jetzt. Die ehrenamtlichen Seelsorger*innen sind gut ausgebildet und kennen ihre Grenzen.
Sie tun das, was sie können, wissen aber auch, dass es in der Verantwortung der anrufenden Person liegt, was passieren wird.
Die Seelsorger*innen hören zu und versuchen eine Beziehung zu der anrufenden Person herzustellen: „Gut, dass Sie angerufen haben. Erzählen Sie, weswegen Sie anrufen“. Die Seelsorgenden lassen die Person erzählen, sie machen keine Änderungs- oder Verbesserungsvorschläge oder gar Vorwürfe. Sie sind gewissermaßen Anwält*innen der Hoffnung. Sie weichen der Frage nach dem Suizid nicht aus. Sie weisen auf konkrete Hilfsangebote hin. Sie sind aber keine Therapeut*innen. Es geht um den Moment, um dieses Gespräch jetzt. Die ehrenamtlichen Seelsorger*innen sind gut ausgebildet und kennen ihre Grenzen.
Sie tun das, was sie können, wissen aber auch, dass es in der Verantwortung der anrufenden Person liegt, was passieren wird.
Welche Lebenssituationen führen besonders oft dazu, dass Menschen keinen Ausweg mehr sehen?
Wenn es ein Problem gibt, das überwältigt. Eines, von dem die Person den Eindruck hat, dass sie es mit niemandem besprechen kann. Wenn dann noch finanzielle Ressourcen und menschliche Hilfe fehlt oder eine psychische Grunderkrankung dazu kommt, kann das als aussichtslos empfunden werden. Das ist oft sehr komplex.
Gibt es verbreitete Missverständnisse über Suizid?
Das größte Missverständnis in Bezug auf Suizidalität ist, dass sie immer als eine eindeutige Entscheidung für den Tod verstanden wird. Tatsächlich geht es oft um den Wunsch, ein unerträgliches Leiden zu beenden. Der Todeswunsch kann dabei mit einem starken Lebenswunsch und der Hoffnung auf Veränderung zugleich bestehen.
Was wünschen Sie sich von Politik, Gesellschaft und den Medien im Umgang mit Suizid?
Von der Politik wünschen wir uns eine solide Finanzierung der Suizidprävention. Außerdem leichte Zugänge zu psychotherapeutischer Hilfe, gerade in Krisensituationen. Leider läuft das gerade in die Gegenrichtung.
Auch die Prävention muss auf eine breite Basis gestellt werden.
Der Suizid muss enttabuisiert werden. Menschen sollten mehr darüber sprechen können und gezielte Hilfsangebote erhalten. Dazu gehört auch über psychische Krisen sprechen zu können, ohne gleich abgestempelt zu sein.
Außerdem: Jeder Suizid betrifft mindestens neun oder zehn Menschen in der Familie oder im Umfeld. Auch sie brauchen oft Hilfe.
Gerade die Medien haben eine hohe Verantwortung. Wenn ein Suizid positiv oder romantisierend dargestellt wird, riskiert man, dass andere es nachmachen. Man spricht da vom sog. Werther Effekt. Sachliche Berichterstattung ohne allzu viele Details verknüpft mit dem Hinweis auf Hilfsangebote ist wichtig.
Gerade jüngere Menschen wenden sich mit existentiellen Fragen oft an einen KI-Chatbot. Das kann ihnen helfen, kann aber auch genau das Gegenteil bewirken. Wir brauchen entsprechend trainierte KI-Modelle, die merken, wann Suizidgefahr besteht und dann auf Hilfsangebote verweisen.
Auch die Prävention muss auf eine breite Basis gestellt werden.
Der Suizid muss enttabuisiert werden. Menschen sollten mehr darüber sprechen können und gezielte Hilfsangebote erhalten. Dazu gehört auch über psychische Krisen sprechen zu können, ohne gleich abgestempelt zu sein.
Außerdem: Jeder Suizid betrifft mindestens neun oder zehn Menschen in der Familie oder im Umfeld. Auch sie brauchen oft Hilfe.
Gerade die Medien haben eine hohe Verantwortung. Wenn ein Suizid positiv oder romantisierend dargestellt wird, riskiert man, dass andere es nachmachen. Man spricht da vom sog. Werther Effekt. Sachliche Berichterstattung ohne allzu viele Details verknüpft mit dem Hinweis auf Hilfsangebote ist wichtig.
Gerade jüngere Menschen wenden sich mit existentiellen Fragen oft an einen KI-Chatbot. Das kann ihnen helfen, kann aber auch genau das Gegenteil bewirken. Wir brauchen entsprechend trainierte KI-Modelle, die merken, wann Suizidgefahr besteht und dann auf Hilfsangebote verweisen.
Wie kann man erkennen, ob jemand in einer schweren seelischen Krise steckt?
Bei Betroffenen verengt sich die Wahrnehmung vom Leben. Vieles erscheint aussichtslos. Der Gedanke, niemand kann mir helfen, wird immer stärker. Die Kraft erlischt und Bewältigungsstrategien, die bis jetzt geholfen haben, greifen nicht mehr. Die Vorstellung eines Endes erscheint als Erleichterung. Das können nahestehende Menschen unter Umständen auch durch entsprechende Äußerungen wahrnehmen.
Mein Rat ist dann: Versuchen Sie eine Beziehung herzustellen. Holen Sie sich selbst Hilfe.
Mein Rat ist dann: Versuchen Sie eine Beziehung herzustellen. Holen Sie sich selbst Hilfe.
Hilft es das Thema direkt anzusprechen, wenn man Angst hat, dass die Person sich umbringt?
Ja. Sprechen Sie es an. Das sind unsere elf Leitsätze, die im Gespräch helfen können:
1. Nehmen Sie die Person ernst, die Ihnen von ihren Suizidgedanken berichtet.
2. Hören Sie zu und nehmen Sie auch die Verzweiflung ernst, die dahinter liegt.
3. Machen Sie sich bewusst, dass eine Entscheidung der anderen Person, wie immer sie ausfällt, von ihr selbst gefällt wurde. Sie sind nicht verantwortlich.
4. Vermeiden Sie, Ihrem Gegenüber dessen Gefühle oder Vorhaben auszureden. Sondern nehmen sie die Person (zuerst einmal) mit ihren Gedanken an. Versuchen Sie sich in die geschilderte Gefühlswelt hineinzuversetzen und geben Sie eine Rückmeldung, was Sie verstanden haben.
5. Sie dürfen im Gespräch mit der betreffenden Person nachfragen, ob Sie alles richtig verstanden haben.
6. Fragen Sie, was sich ändern müsste, damit es weitergehen kann.
Vermeiden Sie verallgemeinernde Reaktionen wie „Das wird schon wieder“.
7. Helfen Sie der betreffenden Person, andere Blickwinkel einzunehmen.
8. Behalten Sie sich auch selbst im Blick.
9. Nehmen Sie Hilfsangebote wie die TelefonSeelsorge, örtliche Einrichtungen oder Anlaufstellen wahr.
10. Holen Sie sich, wenn nötig, Unterstützung.
11. Wenn Sie das Gefühl haben, dass unmittelbare Suizidgefahr besteht und die Person nicht mehr anders erreichbar zu sein scheint, dann wählen Sie die 112.
Außerdem ist für Betroffene und Angehörige die App Krisenkompass sehr hilfreich. Das ist wie so eine Art Notfallkoffer, der hilft, Krisen zu bewältigen.
11. Wenn Sie das Gefühl haben, dass unmittelbare Suizidgefahr besteht und die Person nicht mehr anders erreichbar zu sein scheint, dann wählen Sie die 112.
Außerdem ist für Betroffene und Angehörige die App Krisenkompass sehr hilfreich. Das ist wie so eine Art Notfallkoffer, der hilft, Krisen zu bewältigen.
Was kann jede und jeder Einzelne tun, um die Suizidprävention im Alltag zu unterstützen?
Suizidprävention beginnt nicht beim Suizidgedanken. Sie beginnt dort, wo ein Mensch sich nicht mehr gesehen, nicht mehr zugehörig und nicht mehr hoffnungsvoll erlebt. Mir selbst als glaubender Person hilft, dass ich mich von Gott gesehen weiß.
Also geht aufeinander zu, redet miteinander, schaut, wie es dem anderen geht. Hört einander zu, seht den anderen. Ich denke, dass es wirklich wichtig ist, dass man nicht erst reingrätscht, wenn es schon so weit ist. Sondern, dass wir einen Umgang miteinander pflegen, wo wir den anderen Menschen sehen. (09.09.2026)
Also geht aufeinander zu, redet miteinander, schaut, wie es dem anderen geht. Hört einander zu, seht den anderen. Ich denke, dass es wirklich wichtig ist, dass man nicht erst reingrätscht, wenn es schon so weit ist. Sondern, dass wir einen Umgang miteinander pflegen, wo wir den anderen Menschen sehen. (09.09.2026)
Hier findest du weiterführende Angebote
- Hilfe für das Gespräch mit suizidgefährdeten Personen: www.telefonseelsorge.de/sorgen-themen/suizidpraevention
- Krisenkompass (App für Betroffene und Angehörige): www.telefonseelsorge.de/krisenkompass
- TelefonSeelsorge: 0800 1110111 und 0800 1110222 (24-Stunden erreichbar)