Jedes Jahr aufs Neue kann ich es nicht glauben: schon wieder ist ein Sommer um! Und was war das für ein Sommer; heiß, anstrengend und auch lebensgefährdend. Und trotzdem fällt es mir schwer, ihn ziehen zu lassen.
Bald heißt es wieder morgens frierend am Bahnsteig stehen – ein Körpergefühl, das monatelang einfach weg war. Darum genieße ich jetzt noch ganz bewusst die Wärme auf der Haut. Den Wind. Das Licht.
Die vier Jahreszeiten gehören bei uns zu den großen Lebensrhythmen. Sie kommen und gehen. Jedes Jahr aufs Neue. Wir erkennen sie wieder und richten uns nach ihnen aus. Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Vieles andere verläuft auch in Kreisen: die Gezeiten, Feste im Jahreskreis oder der weibliche Zyklus. Diese Gewohnheiten tun gut. Sie geben Sicherheit und Zuverlässigkeit. Sie machen das Leben planbar.
An anderer Stelle funktioniert unser Leben nämlich ganz anders: Wir leben vorwärts. Kein Sommer kommt zurück. Kein Geburtstag. Nicht derselbe jedenfalls. Dieser August, dieser Tag heute, dieser eine Moment wird nicht wiederkehren.
Die Bibel kennt beides: Kreise und Linien. Da gibt es die wiederkehrenden Zeiten. Tag und Nacht. Saat und Ernte. Sommer und Winter. Und zugleich erzählt die Bibel, wie Gott mit Menschen in der Geschichte unterwegs ist. Die Zeit dreht sich nicht einfach endlos im Kreis. Für jeden einzelnen ist sie ein Weg nach vorn.
Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Denn Gott bewegt sich nicht nur in den Zyklen und auch nicht nur auf einer großen Geschichtslinie. Er kann Menschen ganz überraschend begegnen. Die Bibel erzählt immer wieder von solchen Momenten.
Da sitzen Fischer am See und flicken ihre Netze. Dann spricht Jesus sie an. Und plötzlich sieht ihr Leben anders aus. Aus Fischern werden Jünger. Mitten im Lauf der Zeit öffnet sich eine neue Perspektive. Etwas scheint auf, das vorher nicht da war. Die Zukunft bleibt offen.
Ich habe mir vorgenommen, wieder mehr mit dem Überraschenden zu rechnen. Denn wenn ich zurückschaue, dann hat es in meinem Leben immer wieder solche Momente gegeben, in denen mein Weg oder auch nur ein einzelner Tag eine ziemlich unerwartete Wendung genommen hat. Durch einen Anruf, eine Begegnung, einen Gedankenblitz. (18.09.2026)
Aus: SWR Kultur Wort zum Tag am 31.08.2026
