Einfach erst mal reden – Die Psychologische Beratungsstelle für Familien, Kinder und Jugendliche (I)

Junges Paar unterhält sich

Andauernd Stress mit den Eltern, ein Kleinkind, das ständig Wutanfälle hat – was ist normal und wann sollte ich Hilfe in Anspruch nehmen? Und wo?  
Birgit Eisenhuth-Meister leitet die beiden Psychologischen Beratungsstellen für Eltern, Kinder und Jugendliche der evangelischen Kirchenbezirke im Landkreis Karlsruhe und sie hat 28 Jahre Beratungs-Erfahrung. Im Interview spricht sie darüber, wann Beratung sinnvoll ist und mit welchen Themen Eltern, Kinder und Jugendliche in die Beratungsstelle kommen können. 

Frau Eisenhuth-Meister, Konflikte innerhalb der Familie sind im Grunde nichts Ungewöhnliches. Wie groß muss ein Problem sein, um Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es, dass Eltern, Kinder und Jugendliche viel früher zu uns kommen. Vielleicht ist die Bezeichnung „Psychologische Beratungsstelle“ eine gewisse Hürde. Ich glaube, viele denken, man kann erst kommen, wenn “das Kind schon halb in den Brunnen gefallen ist”. Wir verstehen uns aber auch als Anlaufstelle für die ganz kleinen Sorgen oder Probleme. Zum Beispiel die Herausforderungen in der Trotzphase, wenn sich Ihr Kind die Zähne nicht putzen will oder ein “Nein” der Eltern nicht akzeptiert.  

Wer kann zu Ihnen in die Beratungsstelle kommen?

Unser Herzstück ist die Beratung von Eltern, von Elternteilen, von Kindern und Jugendlichen, aber im Grunde genommen von allen verwandtschaftlichen oder nicht-verwandtschaftlichen Angehörigen. Das heißt, wir beraten auch Omas oder Opas oder besorgte Tanten, aber auch Nachbarn. Ich sage immer: alle die, sich um das gute Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen sorgen.

Mit welchen Fragen und Problemen kommen Familien oder Einzelpersonen besonders häufig zu Ihnen?

Da wir von 0 bis 21 Jahren zuständig sind, geht es zum einen um die ganze Bandbreite der Entwicklungsfragen, zum anderen um herausfordernde Familiendynamiken. Und da gehört unter anderem der Schwerpunkt Trennung und Scheidung dazu.  
Aber wir haben es auch viel mit komplexeren Fragestellungen zu tun: ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen, Depression, Ängste, Schwierigkeiten im Sozialverhalten oder in Schule und Kita. 
Kinder und Jugendlichen haben übrigens einen eigenständigen Anspruch auf Beratung. Das ist auch gesetzlich so festgelegt. Das heißt, es kann sich auch ein achtjähriges Kind bei uns ohne Wissen der Eltern beraten lassen. Das wird von kleineren Kindern wenig bis gar nicht genutzt, aber bei den Jugendlichen kommt es schon öfter vor, dass sie kommen und sagen: ‚Ich will nicht, dass meine Eltern wissen, dass ich hier bin.‘ Darauf haben sie einen rechtlichen Anspruch drauf. Und das bieten wir auch an.

Mit welchen Anliegen suchen Jugendliche bei Ihnen Hilfe?

Das ist ganz unterschiedlich. Es geht viel um Freundschaft, um erste Partnerschaften, um Schwierigkeiten mit den Eltern, um Mobbing in der Schule. Aber auch selbstverletzendes Verhalten oder Ängste spielen eine Rolle.  
Ich glaube, für Jugendliche ist es ganz wichtig zu wissen: sie können hierherkommen und einfach erstmal reden. Die Eltern müssen nicht unbedingt  etwas davon wissen. Allerdings wenn ich wirkliche Veränderungen implementieren will, dann braucht man halt doch oft die Eltern. Ab einem gewissen Punkt fragen wir dann: Könntest du dir nicht doch vorstellen, dass die Mama oder der Papa mal mitkommt oder dass wir mit denen sprechen.

Wie unterstützen Sie Familien dabei, Lösungen zu finden?

Das Wichtigste ist, dass Kinder eine sichere Bindung in der Beziehung zu den Eltern haben. Teil unserer Arbeit ist es, dass Eltern sehen, dass ihr Kind mehr ist als seine Probleme. Wir fragen zum Beispiel: Was kann Ihr Kind eigentlich Tolles? Oder: Was machen Sie gern mit Ihrem Kind? Allein diese zwei Fragen können die Perspektive verändern. Auch wenn die Situation noch so schlimm ist, möchten wir Eltern immer wieder dafür sensibilisieren, dass sie verantwortlich für die Beziehung sind, dass sie in Kontakt bleiben müssen. Das ist oft “harte Arbeit”. Deshalb geht es immer auch um das Thema Selbstfürsorge. Eltern können ja nur gut für ihre Kinder da sein, wenn der eigene Akku zumindest halbwegs gefüllt ist. Die Anforderungen sind heute aber so hoch, dass es manchmal ganz schön schwer ist, fünf Minuten am Tag zu entdecken, wo sie ein bisschen nach sich gucken können. Die Bindung zum Kind und die Selbstfürsorge für mich als Elternteil oder für uns als Eltern, das sind die Basics. (01.10.2026)
 
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