Neulich habe ich eine Königin gesehen. Aus nächster Nähe. Nein, keine der Monarchinnen, die in der „Yellow Press“ so viele Seiten füllen. Nicht Camilla, Letizia, Maxima oder Mette-Marit oder wie sie alle heißen. Stattdessen: eine echte Bienenkönigin. Unser Nachbar ist nämlich Hobby-Imker. Und ein kleines Bienenvolk lebt nebenan im Garten.
Unlängst war ich dabei, als er einen der Rahmen aus dem Bienenstock gezogen hat. Da hat er uns die Königin gezeigt. Mich hat das fasziniert. Ein kleines emsiges Volk von Bienen, die mit dem gesammelten Blütenstaub immer wieder neu in den Bienenstock fliegen. Ohne die Königin funktioniert das ganze System nicht. Sie legt die Eier. Wenn ein Volk zu groß wird, zieht sie mit einem Teil der Bienen aus. Und im alten Stock übernimmt eine neue Königin. Alles wohlgeordnet, seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Das Bienen-Gemeinwesen – ein staunenswertes Wunder der Natur.
In unseren menschlichen Gemeinwesen läuft das alles nicht so glatt und eingespielt wie bei den Bienen. Die alten Königinnen und Könige sind meist verschwunden. „Alle Staatsgewalt geht vom Volk aus“, heißt es im Grundgesetz. Das ist gut so! Auch wenn sich plötzlich neue „Könige“ aufschwingen. Sie träumen von altem Prunk und alter Machtfülle. Von absolutistischer Herrschaft – so, als ob diese „alten Zeiten“ für alle so wunderbar und gut gewesen wären. Und die Gegenwart schlecht. Kein Wunder, dass die Proteste in den USA meist mit dem Slogan „no kings“, keine Könige, verbunden werden. Nein, wir brauchen sie nicht, diese neuen Könige!
Auch Jesus hat Gottes neue Welt immer wieder mit dem Bild einer „Königsherrschaft Gottes“ verbunden. Aber das war nicht als Werbung für eine bestimmte Staatsform gedacht. Es ging Jesus um ein Gegenbild gegen alle Formen von Herrschaft, die es am Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit mangeln lassen. Um ein Bild für ein Gemeinwesen, in dem nicht das Interesse eines einzelnen die Oberhand hat, sondern die Fürsorge, die Weltzugewandtheit und die Menschenfreundlichkeit Gottes. Der heutige 3. Oktober ist doch ein guter Anlass, sich darüber zu freuen, dass wir – anders als die Bienen – auch ohne eine Königin gut miteinander leben können. Wir sollten sie schützen – die demokratische Form unseres Gemeinwesens. (03.10.2026)
