Was gerade obenauf liegt - Psychologische Beratungsstelle für Familien, Kinder und Jugendliche (II)

Manche Themen prägen die Beratungsarbeit seit Jahren, andere kommen mit den neuen Herausforderungen und Entwicklungen dazu. Denn: Beratung beginnt nicht erst in der Krise. Davon erzählt Birgit Eisenhuth-Meister im zweiten Teil unseres Interviews.
Frau Eisenhuth-Meister, Sie beraten Einzelpersonen und Familien in akuten Krisen. Welche Angebote gibt es sonst noch?
Gruppen für Kinder und Jugendliche liegen uns sehr am Herzen. Da gibt es bewährte Angebote wie die Trennungs-Scheidungs-Gruppe, aber immer wieder auch neue. Seit drei Jahren haben wir zum Beispiel eine Gruppe für Kindergartenkinder zum Thema „soziale Kompetenz“. Die nennt sich die Bella-Braunbär-Gruppe. Sie ist aus dem aktuellen Bedarf entstanden, von dem Erzieher*innen uns immer wieder erzählt haben.
Dann haben wir für Jugendliche die Aurora-Gruppe. Auch wenn es für Jugendliche manchmal eine Hürde ist, über sich in der Gruppe zu sprechen, schaffen wir es, dass sich in dieser Peer-to-Peer-Gruppe Jugendliche einmal in der Woche treffen. Sie kommen über das ganze Spektrum, das sie beschäftigt, miteinander ins Gespräch und können dann Dinge ausprobieren, die für andere hilfreich waren.
Gibt es auch Gruppen für Erwachsene?
Für Eltern, die sich getrennt haben bzw. geschieden sind, haben wir die Gruppe „Trennung meistern, Kinder stärken“. Seit vielen Jahren bewährt sich auch eine Gruppe für Eltern, deren Kinder in der Pubertät sind. Sie heißt „Einen Kaktus umarmen“ und das finde auch nach wie vor ein total stimmiges Bild für diese für alle sehr herausfordernde Entwicklungsphase.
Außerdem bieten wir Fachtage für Erzieher*innen und Lehrer*innen an. Da geht es um Themen wie „Herausforderndes Verhalten in der Kita“ oder „Umgang mit psychisch erkrankten Eltern“.
Was prägt Ihre Beratungsarbeit?

Birgit Eisenhuth-Meister
Sie sind seit fast drei Jahrzehnten in der Beratungsarbeit tätig. Welchen Blick haben Sie heute auf Familien?
Ich bin oft fasziniert, wie resilient Kinder und Jugendliche sind. Wir haben es hier manchmal mit Familiendynamiken zu tun, die sind unfassbar schwer. Ich erinnere mich an eine Mutter mit einer schwersten Borderline-Erkrankung. Ich habe ihre Tochter länger begleitet. Dass sich dieses Mädchen so gut entwickelt hat, ist nahezu ein Wunder. Das beeindruckt mich immer wieder, wie Kinder sich trotz schwerster Bedingungen auch gut entwickeln können, wenn sie auf der anderen Seite Schutzfaktoren haben.
Ich beobachte aber auch, dass es anscheinend immer schwieriger wird, sich als Paar zu trennen und Eltern zu bleiben. Womit hängt das zusammen? Trennung und Scheidung gab es schon immer. Aber diese Zunahme an Aggressivität und Hochkonflikthaftigkeit beschäftigt uns schon sehr.
Sie begleiten auch den konflikthaften Umgang zwischen getrennt lebenden Paaren und ihren Kindern.
Wir haben seit fünf Jahren in Bruchsal das Umgangs-Café „Pusteblume“. Ursprünglich wollten wir einfach einen schönen Ort schaffen, wo sich Elternteile mit ihren Kindern treffen können, wenn das sonst nirgends möglich ist. Inzwischen ist es aber so, dass wir dort überwiegend Familien haben, bei denen es einen hochkonflikthaften Hintergrund gibt, weil Anschuldigungen im Raum stehen oder man der Ansicht ist, dass der Vater oder die Mutter sich nicht allein mit dem Kind treffen darf, sondern jemand dabei sein muss. Das Umgangscafé kann zur Stabilisierung der Familiensituation beitragen und wir sind sehr froh, dass uns Ehrenamtliche dabei unterstützen.
Welche Rolle spielen KI und Social Media?
Wir bemerken natürlich, dass Social Media inzwischen ein harter „Konkurrent“ ist. Das ist neu, dass viele Jugendliche schon mit einer Diagnose kommen und sagen: ‚Ich habe…‘ Wenn wir dann nachfragen: Wie kommst du darauf?, heißt es auch oft: ‚Ich habe die KI gefragt.‘ KI spielt also auch in unserer Beratung zunehmend eine Rolle, gerade bei den Jugendlichen. Viele Jugendliche befragen die KI auch zu Lebensfragen. Aber auch wenn wir Eltern fragen: Woher beziehen Sie Ihre Infos?, sagen inzwischen die wenigsten: ‚Ich habe ein Buch gelesen.‘
Und wenn Sie sich etwas wünschen dürften?
Wenn wir mehr Ressourcen zur Verfügung hätten, würde das viel bringen. Dass wir nur 1-5 Beratungskontakte haben, lässt einen manchmal schon auch mit einem nicht so guten Gefühl zurück. Früher konnten wir sagen: die Eltern oder die Familien bekommen das, was sie brauchen. Davon sind wir heute weit entfernt.
Was gibt Ihnen und Ihrem Team Kraft für diese anspruchsvolle Arbeit?
Das Wichtigste für mich ganz persönlich ist, dass wir an beiden Beratungsstellen ein tolles Team haben. Ich glaube, wenn wir nicht so gut im Austausch wären, würde jede und jeder von uns viel mehr mit nach Hause nehmen. Also diese schnelle Entlastung, auch zwischen Tür und Angel, ist unglaublich hilfreich, aber auch die regelmäßigen Teamsitzungen und Supervision. Gerade der Umgang mit hochstrittigen Menschen und Situationen fordert uns einiges ab. Da gibt es vom Diakonischen Werk aber viel Unterstützung. Und dann ist es natürlich auch sehr individuell, wie Psychohygiene betrieben wird. Manche finden große Kraft im Glauben, andere radeln die lange Strecke zwischen Arbeitsplatz und ihrem Zuhause. (07.10.2026)
Eine Auswahl an Büchern über Beziehungs- und Erziehungsgestaltung findet du hier:
Quelle: Diakonisches Werk der Kirchenbezirke im Landkreis Karlsruhe