Predigt zu Mk 8,1-9
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
in diesen Zeiten Erntedank zu feiern – geht das überhaupt? Ich glaube, es geht gerade in diesen Zeiten. Denn Erntedank ist ja keine Schönwetterangelegenheit (und wir müssen uns daran gewöhnen, dass schönes Wetter nicht gleißende Sonne, sondern endlich Regen ist). Erntedank, Danken – das bedeutet den Blick darauf zu lenken, dass nichts selbstverständlich ist. Was bringen Sie heute mit? Was haben Sie im Gepäck hierher in den Gottesdienst zu Erntedank auf dem Hof von Familie Fröhlin?
Heute nach einem Sommer, der unfassbar und viel zu heiß war und der auf einen extrem nassen Winter folgte. Und dann die angespannten Märkte – von Wein bis Schwein. Wo man hinschaut, Druck und Anspannung, vor allem für Sie als Landwirte.
Viele hier heute auf dem Hof können ein Lied von den Sorgen singen, die sie diesen Sommer begleitet haben: Wird das Getreide durchkommen? Wie entwickeln sich Mais und Futterpflanzen? Wird genug Futter für den Winter vorhanden sein? Reicht der Ertrag? Reicht das am Ende für den Betrieb? Wird es reichen? Ist es genug? An diesen Fragen hängt ja weit mehr als die Sorge um die Ernte. Es geht um den Hof, den schon die Eltern und Großeltern bewirtschaftet haben. Es geht um die Verantwortung für Tiere, die versorgt werden müssen. Es geht um das Schicksal von Familien, deren Leben mit dem Betrieb verwoben ist. Und es geht am Ende um die Frage an uns alle, wie wir leben wollen.
Zugleich haben wir alle uns so sehr daran gewöhnt, dass nicht der Mangel das tägliche Bild ist, sondern der Überfluss. Gerade in der Landwirtschaft macht allzu oft die Masse den Preis und die Marge. Und wehe dem, der da nicht mithalten kann oder will. Überfluss und Überproduktion sind vom Feld bis in die Auslagen der Geschäfte schon lange kein Grund mehr, sich zu wundern. Es muss (zu) viel sein, damit es sich rechnet. Das beginnt bei den gleich auf dem Acker wieder untergepflügten zu kleinen und zu krummen Früchten, die eh keiner kaufen würde, geht weiter im Überkonsum der Verbraucher*innen und endet noch lange nicht bei den 129 kg Lebensmittel, die pro Kopf und Jahr in unserem Land vernichtet und weggeworfen werden.
Was für ein Gegensatz! Die bange Frage danach, ob es reicht und ob es genug ist und der Überfluss, der auf Kosten derer, die mit der Mühsal ihrer Hände Landwirtschaft betreiben, grenzenlos zu sein scheint.
In dieser Lage mischt sich in die Frage: ist es genug? der Seufzer: Es ist genug! Es reicht. Mir reicht’s.
Viele Landwirtinnen und Landwirte haben bei der diesjährigen Ernte bei weitem nicht das erreicht, was erwünscht und notwendig ist. Viele Ackerbaubetriebe erleiden erhebliche Verluste, viehhaltende Betriebe haben nicht genügend Futter für ihre Tiere im Winter. Da wird mancher in den letzten Monaten abends mit Sorgen ins Bett gegangen sein.
Die bange Frage, ob es reicht – und die Erfahrung von Mangel und Hunger zieht sich auch durch die biblischen Texte. Zum Erntedankfest erinnern wir uns an eine Situation, die Jesus und seine Jünger gleich mehrfach erlebt haben – und die so wichtig und sprechend ist, dass sie sich in allen Evangelien findet. Jesus ist mit seinen Jüngern über die Grenzen hinaus gewandert. Nach Galiläa, in die Fremde, ins nichtjüdische Ausland. Dorthin, wo die leben, die sich nicht an die Speisegebote aus der jüdischen Tradition halten. Schon drei Tage ist er da. Seit drei Tagen bleiben die Menschen bei ihm. Da, wo sie sind, ist es karg, unbewohnt und einsam. Und über der ganzen Situation hängt die bange Frage: wird es reichen, dass alle satt werden? Ist es genug?
Der Evangelist Markus erzählt davon (Mk 8,1-9):
Zu dieser Zeit war wieder eine große Volksmenge bei Jesus zusammengekommen.
Da die Menschen nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich. Er sagte zu ihnen:
»Ich habe großes Mitleid mit den Menschen. Sie sind nun schon drei Tage bei mir und haben nichts zu essen. Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie unterwegs zusammenbrechen – denn einige sind von weit her gekommen.« Seine Jünger antworteten: »Wo soll in dieser einsamen Gegend das Brot herkommen, um diese Leute satt zu machen?« Und er fragte sie: »Wie viele Brote habt ihr?«
Sie antworteten: »Sieben.« Jesus forderte die Volksmenge auf, sich auf dem Boden niederzulassen.
Dann nahm er die sieben Brote. Er dankte Gott, brach sie in Stücke und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen. Und die Jünger teilten das Brot an die Volksmenge aus. Sie hatten auch noch einige wenige Fischchen. Jesus dankte Gott dafür und ließ sie ebenfalls austeilen. Die Menschen aßen und wurden satt.
Danach sammelten sie die Reste und füllten damit sieben Körbe. Es waren etwa 4000, die Jesus heimschickte.
Am Anfang der Geschichte steht nicht Jesus, der die Arme hochkrempelt und als wundererfahrener Messias sagt: „Kein Problem, das mit den Broten haben wir gleich!“ Am Anfang steht der Blick Jesu auf die, die sich da versammelt haben. Er sieht ihre Sehnsucht. Er sieht, was wir mitgebracht haben in unseren Herzen. Er sieht ihre Hoffnung. Und er hat Mitleid. Sehr konkret, als er sieht, dass sie nichts zu essen haben. Er sieht ihre bange Frage, ob es reichen wird. Er sieht die Sorgen um die Zukunft. „Ich – so sagt Jesus – ich habe großes Mitleid mit den Menschen. Sie sind nun schon drei Tage bei mir und haben nichts zu essen." Die Sorge um das tägliche Brot, die Angst, nicht genug zu haben, der Hunger, das dürre Land und die Sorge um den morgigen Tag – das ist für Jesus keine Nebensache.
Er sieht die Menschen.
Er sieht in die Gesichter voll Sorgen und Hoffnungen.
Er sieht in die Herzen voll Sehnsucht und Zukunftsfragen.
Er sieht das, was auf den Schultern liegt und in der Seele drückt. Die Menschen, die Jesus vor sich sieht, sind Menschen mit knurrendem Magen. Drei Tage lang tragen sie ihren Hunger schon mit sich herum. Drei Tage lang haben sie gehört, was Jesus zu sagen hat. Drei Tage – das ist kein Zufall. Drei Tage waren es, die Jesus nach der Kreuzigung im Tod war – und dann zu neuem Leben auferstanden ist. Drei Tage Leere, Dunkel, Dürre. Aber es gibt eine Hoffnung darüber hinaus. Über die drei Tage Dunkel. Und über den Sommer der Dürre. Es gibt Nahrung gegen den Hunger. Brot für die knurrenden Mägen und Seelennahrung für die, die verzweifelt sind.
Ich liebe diese Geschichte dafür, dass sie so konkret ist. So konkret, wie die Arbeit auf den Feldern und im Stall. Nicht fromme Sätze oder geschliffene Phrasen. Sie ist so konkret wie der Glaube konkret ist. Es geht um das Leben wie es ist. Um den Schlamm der Äcker und die manchmal ganz schön harte Wirklichkeit, gerade in der Landwirtschaft. Das Leben braucht Nahrung. Leben braucht Wasser. Leben braucht das, was auf Feldern wächst und geerntet werden kann. Und noch eine Spur legt die Geschichte von der Speisung der 4000 heute in unsere Herzen: Wir essen das Brot der anderen. Das gilt für uns als Christinnen und Christen und als Kirche, weil unsere Wurzeln in den Völkern liegen. Dort, wohin Jesus mit den Seinen gegangen ist. Über die Grenzen hinaus.
Wir ernten, was nicht wir gesät haben, und wir essen, wo nicht wir geerntet haben. Das ist beim Brot und den Früchten des Feldes so, die ich auf dem Markt oder im Hofladen kaufe – und es ist bei unserem Glauben so. Was uns als Christinnen und Christen nährt, das ist die Güte des Gottes Israels, die Jesus mit uns teilt und uns mit hineinnimmt, es sind alle guten Gaben des jüdischen Volkes und der jüdischen Nachfolger*innen des jüdischen Messias aus Nazareth.
Nie, nie dürfen wir diese Wurzeln und dieses geteilte Brot vergessen. Deswegen ist es mehr als politischer Auftrag, jeder Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden entschieden entgegen zu treten. Wir essen von diesem Brot unserer Ursprünge – deswegen können Christinnen und Christen niemals Antisemitismus akzeptieren. Deswegen ist jeder Angriff auf jüdische Menschen in unserem Land ein Angriff auf uns alle.
Das andere: Wir essen das Brot, das wir nicht gesät haben. Es ist zuallererst der Schöpfer, der das Gras wachsen lässt für das Vieh. Es ist der Schöpfer, der Brot aus der Erde hervorbringt. Wir essen das Brot des anderen und der anderen. Jemand muss säen, pflegen und ernten. Der Regen muss fallen. Die Böden müssen fruchtbar bleiben. Vieles kommt zusammen, damit Menschen satt werden. Das gibt der Frage nach dem täglich Brot eine andere Tiefe. Wer um das tägliche Brot bittet und für die Ernte dankt, kann die Frage nach den Bedingungen, unter denen dieses Brot entsteht, nicht ausblenden. Deswegen ist es nicht egal, was wir einkaufen und wo wir das tun.
Gerechtigkeit und die Zukunft unserer Landwirtschaft wird auch im Einkaufswagen entschieden. In Baden sind wir gesegnet mit kurzen Wegen zu regional erzeugten Produkten. Da können wir alle entscheiden und handeln. Aber das allein reicht nicht. Nicht nur, weil nicht alle Menschen dieselben Möglichkeiten haben, sondern weil manche mit deutlich geschrumpftem Geldbeutel gar nicht anders können als auf den Preis zu achten. Es braucht politische Entscheidungen, die fruchtbare Böden schützen. Es braucht Rahmenbedingungen, die bäuerlichen Familienbetrieben eine Zukunft eröffnen. Es braucht eine Wirtschaft, die den Wert von Lebensmitteln nicht allein über den günstigsten Preis bestimmt. Es braucht eine entschiedene Klimapolitik, um die Ursachen für die Dürre zu bekämpfen. Die Verantwortung für das tägliche Brot ist eine gesellschaftliche und eine politische Aufgabe.
Auf dem Feld damals bei Jesus fragen die Jünger: „Wo soll in dieser einsamen Gegend das Brot herkommen, um diese Leute satt zu machen?" Sieben Brote für viertausend Menschen. Wie soll das gehen? Es ist nicht genug! Aber hier nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung. Jesus fragt nicht danach, was fehlt. Er fragt danach, was da ist. „Wie viele Brote habt ihr?“ Sieben.
Die Jünger sehen die sieben Brote und sehen zugleich die vielen Menschen. Sie stellen die Frage von Menschen, die rechnen müssen. Die wissen, dass zwischen dem, was gebraucht wird, und dem, was vorhanden ist, manchmal ein schmerzhafter Abstand liegt. Viele Menschen auf den Höfen haben in den vergangenen Monaten gerechnet. Sie haben gerechnet mit Regenmengen und Erträgen, mit Kosten und Preisen, mit dem Futter, das für den Winter reichen muss, und mit den Belastungen, die ein weiterer schwieriger Sommer mit sich bringt.
Jesus nimmt die sieben Brote. Er dankt Gott. Er dankt mit denselben Worten, mit denen er beim letzten Abendmahl danken wird. Und erst dann teilt er aus. Der Dank kommt vor der Sättigung. Jesus dankt mitten in der Unsicherheit. Die Menschen sitzen noch immer in der Einsamkeit. Der Hunger ist noch nicht gestillt. Die Zukunft ist noch nicht geklärt. Und trotzdem dankt Jesus. Darin liegt für mich die dritte Botschaft des Erntedankfestes. Dankbarkeit wartet nicht darauf, dass alle Fragen beantwortet sind. Dankbarkeit entsteht nicht erst dann, wenn keine Sorgen mehr da sind. Ein kluger Mensch (Francis Bacon) hat einmal gesagt: „Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“
Wer dankbar ist, geht anders durchs Leben, weil er weiß: Es ist nicht selbstverständlich, was ich habe. Es ist nicht selbstverständlich, was gewachsen ist. Es ist nicht selbstverständlich, was wir ernten konnten. Dankbarkeit macht die Sorgen nicht kleiner. Aber sie verhindert, dass die Sorgen alles andere verdecken.
Jesus nimmt die sieben Brote in die Hand und dankt. Damit verändert sich der Blick auf die Situation.
Die sieben Brote stehen nicht mehr für das, was fehlt. Sie stehen für das, was da ist. Für das, was geteilt werden kann. So wenig es auch ist. Und sie stehen dafür, dass wir aus dem, was wir haben, das Beste machen können. Die Menschen um Jesus teilen das Brot. Und die kleinen Fischchen. Auf wundersame Weise wurden alle satt. Es hat gereicht. Es war genug! Das genügt Markus.
Kein Wort darüber, wie die Menschen nach Hause gehen.
Kein Wort darüber, was sie einander erzählen.
Kein Wort darüber, ob sie verstanden haben, was da geschehen ist. Auch nicht, wie sie morgen aufwachen. Es ist genug für diesen Tag. Genug, um weiterzugehen. Weiterzugehen in den Alltag, in den Herbst und den Winter, auf die Höfe und an die Orte, an denen wir zu Hause sind. Weiterzugehen in unser Leben mit all seinen Herausforderungen und den bangen Fragen, ob wohl der nächste Sommer ein fruchtbarerer wird. Der Blick Gottes auf uns als die Menschen, die im kargen Land bei ihm sind – der bleibt. Das Mitleid Jesu. Und die Gewissheit, dass er uns gibt, was wir zum Leben brauchen.
Gott gibt genug. Genug für heute. Genug für den nächsten Schritt. Genug, um weiterzugehen. Gott gibt uns Atem, damit wir leben. Es ist genug. Auch in diesem Jahr. Gott sein Dank.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.