Es gibt etwas, das ich jeden Morgen tue, und zwar wirklich jeden Morgen, bevor ich mich aus den Kissen quäle und das warme Bett verlasse. Ich seufze laut und sage: „Gott, Du weißt, ich brauch Dich heut.“ Dann atme ich tief durch und stehe auf. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich damit angefangen habe – aber ich weiß: ich mache das schon sehr lange. Ich habe das nicht bewusst begonnen. Es kam so aus mir heraus. Meine Schwester hat das mal mitbekommen und macht sich seitdem ein wenig über mich lustig. Denn ihr ist aufgefallen: Solche Stoßgebete schicke ich nicht nur morgens, sondern öfter am Tag in den Himmel. Ja, tatsächlich. Ich bin eine große Freundin des Stoßgebets. Es gibt viele Situationen in meinem Alltag, da brauche ich die Gewissheit, dass ich nicht alleine bin. Ein Stoßgebet braucht nicht viele Worte. „Hilf mir.“ „Bleib bei mir.“ „Pass auf sie auf“, oder einfach: „Danke.“ Mehr muss es gar nicht sein.
Das lateinische Wort für Stoßgebet bedeutet: Pfeil. Augustinus, ein Kirchenvater aus dem 4. Jahrhundert, hat dafür ein schönes Bild gefunden. Er sagt: Kurze Gebete sind wie Pfeile, die zum Himmel fliegen. Ja, genau das ist es, denn für ein Stoßgebet muss ich nicht erst meine Gedanken sortieren, die Hände falten und alles andere ausblenden. Es fliegt hoch zu Gott, zwischen Bettkante und Kaffeemaschine. Beim Spaziergang mit dem Hund und auch kurz bevor ich ein schwieriges Gespräch führe. Und sogar abends, wenn ich mein Feierabendbier öffne, dann hebe ich mein Glas und sage: „Prost, Gott.“
Meine Stoßgebete sind weder besonders klug noch schön formuliert. Und trotzdem brauch ich sie. Sie verändern für einen kurzen Moment meine Blickrichtung.
Ich fühle mich begleitet und auch gesehen, bei allem, was ich so im Alltag mit mir herumtrage. Darum: Ein Hoch auf jedes Stoßgebet. Auf all die kleinen Sätze, die mitten am Tag zu Gott fliegen. Und morgen früh, noch bevor ich mich aus den Kissen quäle, wird mein erster Pfeil wieder derselbe sein: „Gott, du weißt, ich brauch dich heut.“
(SWR 3 Gedanken am 15.10.2026)
