Ich möchte Sie auf eine kleine Reise mitnehmen. Nach Großbritannien, mitten ins Landesinnere, in die West Midlands. Nach Coventry.
Die Stadt ist ein bisschen größer als Mannheim. Und das Meer ist ungefähr so weit weg, wie es in England nur sein kann.
Vor 86 Jahren, im November 1940, zerstörten deutsche Bomber große Teile der Stadt: Wohnhäuser, Straßenbahnen, Krankenhäuser. Auch die mittelalterliche Kathedrale wurde getroffen. Ihr Dach brannte vollständig aus. Die Ruine blieb stehen. Direkt daneben entstand später eine neue Kathedrale.
Zwei Kirchenräume nebeneinander: der eine vom Krieg gezeichnet, der andere ein Zeichen des Neubeginns. Coventry hat aus seiner Geschichte einen Auftrag gemacht: Versöhnung und Frieden.
Seit den 1960er-Jahren kommen auch Freiwillige der Aktion Sühnezeichen dorthin, um diese Arbeit zu unterstützen. Mein Sohn ist seit September einer von ihnen. Ich habe ihn besucht.
Über die Geschichte dieses Ortes ließe sich viel erzählen. Heute möchte ich Sie aber vor allem in seine Gegenwart mitnehmen.
Stellen Sie sich vor, Sie stehen zwischen den beiden Kirchen: links die Ruine, rechts die Glasfront der neuen Kathedrale. Dort hängt ein Banner. Es ist ein Willkommensbanner. Nun ist „Herzlich willkommen“ vor einer Kirche erst einmal keine große Überraschung. Interessant wird es bei der Frage: Wer ist eigentlich gemeint?
In Coventry klingt die Antwort so:
Wir heißen ganz besonders alle willkommen, die alleinstehend, verheiratet, geschieden oder verwitwet sind; die heterosexuell, schwul oder lesbisch sind oder noch nach ihrer Identität suchen; die auf der Sonnenseite des Lebens stehen oder gerade schwere Zeiten durchmachen. Ganz besonders willkommen sind auch schreiende Babys und aufgeregte Kleinkinder.
Du bist hier willkommen, wenn du dich einfach nur umsehen möchtest, gerade erst aufgewacht bist oder eben aus dem Gefängnis kommst. Es ist uns egal, ob du christlicher bist, als der Erzbischof von Canterbury oder seit Weihnachten vor zehn Jahren nicht mehr in der Kirche warst.
Wir heißen besonders auch diejenigen willkommen, die über 60 sind, aber noch immer nicht richtig erwachsen geworden sind, und Jugendliche, die viel zu schnell erwachsen werden. Wir heißen sportbegeisterte Mütter, fußballbegeisterte Väter, brotlose Künstler, Naturliebhaber, Latte-Macchiato-Trinker, Veganer und Fast-Food-Fans willkommen.
Wir heißen Menschen willkommen, die sich auf dem Weg aus einer Abhängigkeit befinden, ebenso wie diejenigen, die noch immer abhängig sind. Du bist willkommen, wenn du Probleme hast, niedergeschlagen bist oder mit organisierter Religion nichts anfangen kannst. Wir sind davon übrigens auch nicht besonders begeistert!
Wir heißen auch diejenigen willkommen, die glauben, dass die Erde eine Scheibe ist, die zu viel arbeiten, die nicht arbeiten, die nicht richtig schreiben können oder die nur hier sind, weil Oma zu Besuch ist und sich die Kathedrale einmal ansehen wollte.
Wir heißen diejenigen willkommen, die tätowiert oder gepierct sind, beides haben oder keines von beidem. Ganz besonders willkommen sind auch diejenigen, die gerade ein Gebet gebrauchen könnten, denen als Kinder Religion mit Nachdruck aufgezwungen wurde oder die sich im Ringstraßenverkehr verirrt haben und versehentlich hier gelandet sind.
Wir heißen Pilgerinnen und Pilger, Touristinnen und Touristen, Suchende und Zweifelnde willkommen – und ganz besonders dich.
Dieses Banner hat mich angesprochen. Beim Lesen musste ich schmunzeln. Und dann bin ich vor allem an drei Dingen hängengeblieben:
Erstens: Hier kommen Menschen mit ihren Lebensgeschichten in den Blick.
Nicht Zielgruppen, nicht Mitgliederzahlen, nicht die Frage, wer für welche Aufgabe noch zu gebrauchen wäre. Sondern Menschen. Wenige Worte genügen, und schon entstehen Bilder im Kopf: von Jugendlichen, die viel zu früh erwachsen werden mussten. Von Menschen, die mit einer Abhängigkeit kämpfen. Von über Sechzigjährigen, die erfreulicherweise noch nicht ganz erwachsen sind. Und von jemandem, der eigentlich nur Oma einen Gefallen tun wollte – und nun unverhofft in einer Kathedrale steht.
Zweitens: Ich höre eine große Gelassenheit gegenüber Unterschieden.
Da stehen Menschen nebeneinander, die sich sonst vielleicht nicht unbedingt begegnen würden. Menschen, die eng mit der Kirche verbunden sind, und solche, die seit Jahren Abstand halten. Menschen mit einer klaren Überzeugung und solche mit vielen offenen Fragen.
Der Text sortiert sie nicht nach ihrer kirchlichen Betriebstauglichkeit. Er sagt nicht: Die einen sind uns besonders lieb, die anderen nehmen wir notfalls auch. Das Willkommen gilt ihnen allen.
Und drittens: dieser Humor. Vor allem der Humor sich selbst gegenüber.
Christlicher als der Erzbischof von Canterbury? Hereinspaziert! Seit zehn Jahren nicht mehr in der Kirche gewesen? Auch gut. Schwierigkeiten mit organisierter Religion? Kennen wir. Komm erst einmal rein.
Eine Kirche, die so spricht, nimmt Menschen ernst, ohne sich selbst allzu wichtig zu nehmen. In all dem höre ich eine Botschaft: Du musst dich nicht erst ändern, bevor du eintreten darfst.
Ich weiß nicht, welche biblische Geschichte oder welcher Vers bei diesem Banner Pate gestanden hat. Mir kam beim Lesen ein Satz aus dem Römerbrief in den Sinn: „Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ (Römer 15,7)
Was könnte das heißen für die Frage, wie wollen wir als Kirche unseren Auftrag leben?
1. Du musst dir deine Zugehörigkeit nicht verdienen
Wer irgendwo neu hinzukommt, prüft oft sehr genau: Passe ich hierher? Kenne ich die Regeln? Muss ich etwas Bestimmtes glauben, sagen oder können? Und welche Teile meiner Geschichte verschweige ich lieber erst einmal?
Das Banner antwortet darauf nicht mit einer Hausordnung, sondern mit einem Willkommen.
Damit verschiebt sich die Frage. Sie lautet dann weniger: „Wer passt zu uns?“ Sondern: „Wer findet bei uns noch keinen Platz?“
2. Du bist nicht auf deine Vergangenheit festgelegt
Auf dem Banner sind Menschen willkommen, die aus dem Gefängnis kommen. Menschen, die noch mitten in einer Abhängigkeit stecken. Menschen, denen Religion als Kind aufgezwungen wurde. Sie müssen keine bereinigte Lebensgeschichte vorlegen. Und auch keinen fertigen Plan, wie nun alles besser werden soll.
Das heißt nicht, dass alles gleichgültig wäre. Es heißt aber: Kein Mensch geht in dem auf, was bisher gewesen ist. Und niemand ist nur das Problem, das er gerade hat.
Kirche, egal, wie sie aussieht, kann ein Raum sein, in dem Menschen neue Wege entdecken dürfen. Nicht, weil dort jemand schon weiß, wie diese Wege auszusehen haben. Sondern weil Menschen da sind, die zuhören, mitgehen und ihnen etwas zutrauen.
3. Deine Geschichte darf unsere Gemeinschaft verändern
Das ist für mich der anspruchsvollste Gedanke. Wir sagen gern: „Du darfst kommen, wie du bist.“ Schwieriger wird es bei dem Nachsatz: „Und wenn du kommst, darf dadurch auch bei uns etwas anders werden.“
Wer Menschen wirklich willkommen heißt, begegnet nicht nur ihren Bedürfnissen. Er begegnet auch ihren Fragen, ihren Erfahrungen und ihrem Widerspruch.
Vielleicht stellen sie etwas infrage, das wir immer selbstverständlich fanden. Vielleicht sehen sie eine Schwelle, die uns längst nicht mehr auffällt. Vielleicht bringen sie eine Idee mit, auf die wir allein nie gekommen wären.
Kirche ist dann nicht nur Gastgeberin, die anderen einen Platz an ihrem fertig gedeckten Tisch anbietet. Sie ist eine Gemeinschaft, die bereit ist, gemeinsam noch einmal umzuräumen.
Dabei hilft der Humor dieses Banners. Wer über sich selbst lachen kann, muss nicht so tun, als sei bei ihm schon alles vollkommen.
Ich bin nach Coventry gefahren, um meinen Sohn zu besuchen. Mitgebracht habe ich auch eine Frage an uns als Kirche:
Wenn wir „Herzlich willkommen“ sagen – sind wir dann bereit, uns auf die Menschen einzulassen, die tatsächlich kommen? Wie sieht das aus? Wer merkt es?
„Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.“
Wie gelingt es, diesem Auftrag gerecht zu werden? Ihn anzunehmen, handhabbar zu machen, zu übersetzen in Diskussionen und Entscheidungen?
Diese Frage nehmen wir auch mit in die Arbeit dieser neu konstituierten Landessynode. Vielleicht kann das Banner aus Coventry dabei ein Begleiter sein. Nicht als fertiges Programm für sechs Jahre. Aber als Erinnerung daran, für wen Sie und wir gemeinsam beraten, planen und entscheiden.
(Abendandacht bei der Landessynode am 19. Oktober 2026)
Dr. Anke Spory
Oberkirchenrätin, Leiterin des Referats 2 "Personal", ständige Vertreterin der Landesbischöfin
