Dankbarkeit reformiert den Alltag – Impuls

Klaus Nagorni
Gegen Missmut, schlechte Laune und Gereiztheit gibt es ein gutes Rezept. Es heißt: Dankbarkeit. Das findet jedenfalls Martin Luther, an den ich heute – am Reformationstag – erinnern will.
„Es ist eine große Schande“, hat er vor über vierhundert Jahren geschrieben, „dass man uns allererst zur Dankbarkeit muss reizen wie die Faulen, und aufwecken wie die Schlafenden; auch die Wohltaten Gottes erst nennen und uns vorhalten muss, so wir doch täglich damit überschüttet werden, und ohne Unterlass sie brauchen und davon leben.“
Und ich denke: Ist das alles nichts Besonderes und einfach nur selbstverständlich? Dass frühe Licht vor dem Fenster. Die volle Kaffee- oder Teetasse, die einen wunderbaren Duft verströmt. Das Brot auf dem Tisch. Die beschwingte Musik im Radio. Die freundlichen Worte, die den Morgen heller werden lassen.
Martin Luther schreibt: „Der Mensch nimmt alles dahin, als käme es von ungefähr, und als hätte er es erworben durch Arbeit, Fleiß und Weisheit. Aber wer nur seine Augen auftut, der muss doch die Werke sehen, die der große Gott uns zum Dienst und Nutzen geschaffen hat. Sonne und Mond muss uns leuchten Tag und Nacht, die Wolken müssen uns Regen und Tau geben, die Erde allerlei Gewächse und Tiere, die Luft Vögel und das Wasser Fische. Und wer kann es alles erzählen?“
Manchmal denke ich, Dankbarkeit könnte das Band sein, das Menschen miteinander verbindet. Gerade in Zeiten, wo so vieles auseinanderstrebt und auseinanderfällt.
Weil Dankbarkeit den Blick auf das richtet, was einfach da ist an guten und schönen Dingen. Und nicht auf das, was fehlt. Weil Dankbarkeit die Sicht öffnet für das, was mein Leben reich macht. Nicht auf das, was ich auch noch gerne hätte. Auf die vielen kleinen Dinge, die ich oft übersehe. Oder als selbstverständlich voraussetze. Und die doch alle alles andere als selbstverständlich sind.
Heute am Reformationstag mache ich darum einen Vorschlag. Nämlich: einmal die eigene Wahrnehmung zu reformieren. Die blinden Flecken zu finden, die mich bestimmte Dinge gar nicht mehr bemerken lassen. Und es einfach mal mit Dankbarkeit zu probieren!
(SWR Kultur Wort zum Tag am 31.10.2026)