„Die Trauer gehört zu mir. Aber ich gehöre ihr nicht.“ - Teil 1

Frau schaut mit geschlossenen Augen nach oben

Trauer lässt sich nicht einfach überwinden – sie verändert das Leben und bleibt ein Teil davon. Im Interview spricht Trauerbegleiter Ludwig Burgdörfer darüber, wie wir trauernden Menschen beistehen können und wie es möglich ist, den Schmerz anzunehmen und sich zugleich neu für das Leben zu entscheiden. 

Herr Burgdörfer, was ist für Sie „Trauer“?

Trauer ist ein sehr komplexes Phänomen. Seit 100 Jahren wird darüber auch viel geforscht. Ich halte Trauer für eine brisante Liebeskummererfahrung. Sie ist immer ein Spiegel einer gelebten Beziehung. Und wenn die gut war, wenn sie glücklich war, dann ist im Abschied sozusagen zwangsläufig die Liebe zum Kummer geworden.

Kann man Trauer überwinden?

Ich habe über viele Jahre hinweg ein Trauer-Telefon betrieben. Die meisten Anrufe drehten sich um die Frage: Wie lange dauert es, bis der Schmerz weg ist? Es ist aber kein Schnupfen. Leider ist in der Trauerforschung lange propagiert worden, das Ziel von erfolgreicher Trauerarbeit sei, dass am Ende das Loslassen stattfindet und man wieder in eine Normalität ohne den Menschen, den man verloren hat, zurückfindet. Das ist eigentlich eine Zumutung. Ich kehre nicht eines Tages in eine Verfassung zurück, die ich vorher hatte. Trauer verändert mich. Die Frage ist also: Wie wird es jetzt anders werden?

Man sagt ja, dass jede*r anders trauert. Was sollte ich trotzdem wissen, um trauernde Menschen zu verstehen und nichts falsch zu machen?

Porträtfoto Ludwig Burgdörfer
Trauerbegleiter Ludwig Burgdörfer

Quelle: Ludwig Burgdörfer/privat

Das ist ein typisch menschliches Verhalten: wenn wir mit etwas zu tun haben, das uns verunsichert, womöglich sogar ängstigt, dann sehen wir den Lösungsweg darin, dass wir Erklärungen, Regeln und Schrittfolgen erfinden, die das „Gespenst“ zähmen sollen. Genau das ist aber nicht möglich, weil Trauer ein individuelles Phänomen ist. Alle Plausibilitäten sind gut gemeinte Absichten, die im konkreten Umgang mit trauernden Menschen aber nicht funktionieren. Die Einzigartigkeit von Menschen gilt auch in Bezug auf ihre Art zu trauern. Wann jemand wie und in welcher Art und Weise und im Hinblick auf welche Verfassung in seinem Trauerprozess unterwegs ist, ist nicht zu schematisieren, sondern ist einfach nur in seinem rätselhaften und unkalkulierbaren Umgang zu ertragen. Das macht den Umgang mit Trauernden natürlich auch schwer.

Gibt es gar nichts, wie ich mich zum Beispiel auf einen Trauer-Besuch vorbereiten kann?

Doch natürlich. Wenn wir in so ein Gespräch, so eine Krise hineingehen, wollen wir es gut machen. Am besten soll es dem trauernden Menschen hinterher erkennbar besser gehen. Das passiert nicht oft und dann ist man in der Regel total unsicher. Eigentlich ist das schon der Schlüssel. Denn wenn ich jemanden treffe, bei dem ich verunsichert bin, ist es das Wichtigste, genau das zu sagen: ‚Ich bin unsicher. Ich bin ganz ratlos. Ich befürchte, ich kann dir gar nicht helfen. Sag es mir, wenn ich dir was Gutes tun kann.‘ Die höchste Kunst, trauernde Menschen zu begleiten, ist zu kommen und den Mund zu halten und das auszuhalten. Trauer verträgt keine Beschallung und fürsorgliche Belagerung. Trauer möchte eigentlich nur gesehen und ertragen werden.

Trauern Männer anders als Frauen?

In den Jahrzehnten, in denen ich Trauergruppen begleitet habe, waren gut 80% weiblich und die 20% Männer, die gekommen sind, waren oft nach 3-4 Sitzungen der Meinung: Wenn sich das nicht bald besser anfühlt, haben wir nicht erfolgreich daran gearbeitet, und sie haben weitere Gespräche in Frage gestellt haben. Ich habe großen Respekt vor allen unterschiedlichen Trauerformen. Man kann das nicht schematisieren. Aber es kann schon schwer sein, wenn zum Beispiel Eltern ein Kind verlieren und dann total unterschiedliche Trauerschritte gehen. Ich habe oft mit Ehepaaren darum gerungen, dass sie ihre Eigenartigkeit auch im Hinblick auf die bittere Erfahrung vom Verlust eines Kindes einander zugestehen und sich nicht vorwerfen.

Was raten Sie Menschen, wie sie mit ihrer Trauer leben können? Vielleicht auch gut leben. Was hilft da Ihrer Erfahrung nach am meisten?

Meiner Erfahrung nach besteht die beste anzustrebende Umgangsweise darin, der Trauer ihr begrenztes Recht zu lassen. Im Sinne von: Die Trauer gehört ab sofort zu mir. Aber ich gehöre ihr nicht. Das ist der Unterschied. Die Trauer ist ein Teil meines Lebens. Sie wird jetzt bei mir bleiben, aber sie darf nicht schon in jedem Raum sitzen, wenn ich den Raum betrete. Das Ziel muss sein, dass ich meiner Trauer ihr Wohnrecht in meinem Lebenshaus zugestehe, ihr aber nicht bei allem, was ich tue und lasse, das erste Wort erteile.  
Wenn das gelingt, komme ich auch wieder in eine Balance, dass ich singen, tanzen, Blumen pflanzen, Kontakte pflegen, reisen, Hobbys nachgehen kann. Und trotzdem mit mir einig darüber bin, dass ich die Trauer nicht verleugne und meinen verlorenen Menschen nicht vergesse. Das ist der beste, gesündeste, ausbalancierteste Prozess, den man Menschen wünschen kann, dass sie das Leben wieder wählen bei gleichzeitiger Akzeptanz des Untermieters Trauer. (05.11.2026)