Umkehr ist möglich

Predigt zum Buch Jona am Buß- und Bettag in der Christuskirche Mannheim am 20.11.2013

Umkehr ist möglich, liebe Gemeinde. Es lässt sich etwas än-dern! Das ist die Botschaft des Buß- und Bettages. Umkehr ist möglich! Warum? Weil Gott sich zu uns umkehrt, weil Gott unsere Welt erhalten will. Das feiern wir am Buß- und Bettag.
 
I
Das Jonabuch erzählt von einem biblischen Bußtag: Jona, ein frommer Mann aus Israel, wird von Gott nach Ninive geschickt: „Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.“ Nach Osten soll Jona gehen, viele Tagesreisen weit, in den Norden des heutigen Irak, in die Nähe von Mossul. Dort liegt Ninive, die große Stadt: Wer die Stadt durchwandern will, braucht drei Tage. 120.000 Menschen leben in ihr. Dorthin soll Jona gehen und wider diese Stadt predigen, weil in ihr die Bosheit herrscht.
 
II
Was ist das: die Bosheit einer Stadt? Ich habe vor einiger Zeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden in Durlach über das Jonabuch gesprochen und sie gefragt: Was könnte die Bosheit von Ninive gewesen sein? Und: Warum würdet ihr heute eine Stadt böse nennen?
Zu Ninive ist den Jugendlichen viel eingefallen:
Jeder hat nur an sich selbst gedacht! Sie waren gleichgültig gegenüber den anderen Menschen. Sie haben gelogen und betrogen. Es gab eine hohe Kriminalitätsrate: Raub und Diebstahl, Mord und Totschlag, viel Gewalt, Missbrauch und Misshandlung. Es war eine Ständegesellschaft. Die Mächtigen haben die Schwachen abgezockt, sie wie Sklaven behandelt und unterdrückt. Es war wie in einer Diktatur.
Es gibt zu viel Armut. Die Reichen helfen den Armen nicht, sondern rauben sie aus und leben selber in Glanz und Reichtum. Es gab keine Gleichberechtigung. Die Männer haben ihre Ehefrauen betrogen.
Die Liste des Bösen wird schnell lang, damals wie heute. Gott sagt zu Jona nur: „denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen“; und uns fallen sofort viele konkrete Bosheiten ein: Meldungen aus den Zeitungen, Geschichten aus den Geschichtsbüchern, aber auch aus dem eigenen Leben.
 
III
Und was ist heute die Bosheit einer Stadt? Schnell zeigte sich, dass das Thema Klimawandel den Jugendlichen besonders wichtig ist.
Unser Klima ändert sich. Sie haben Filme gesehen, sie haben darüber gelesen und in der Schule darüber gesprochen. Viele Einzelheiten fallen ihnen ein: Da werden Inseln im Pazifik überflutet und jetzt verhandeln Gerichte darüber, ob die Bewohnerinnen und Bewohner Anspruch auf Asyl haben? Als wir darüber sprachen, standen den Jugendlichen die Bilder von den Stürmen in New Orleans, Fukushima oder New York vor Augen, so wie uns heute die Schrecken des Taifuns Haiyan auf den Philippinen.
Aber was hat das mit Bosheit zu tun? „Das hat mit unserem Lebensstil zu tun“, antwortet ein Mädchen. „Wir verbrauchen zu viel. Zu viel Brennstoff, zu viel Fleisch, zu viel Kleidung.“ Zustimmung in der Gruppe, aber auch Lachen und betretenes Schweigen. „Kann man dagegen etwas tun?“ Jetzt gehen die Meinungen weit auseinander: „Ja“, sagen die einen, „Windräder, Energiewende, Elektroautos.“ Die anderen halten dagegen: „Das nützt ja doch alles nichts. Die Erwärmung ist nicht mehr zu stoppen.“ Oder: „Das ist Schicksal. Wir können bloß froh sein, dass wir hier leben, in dem gemäßigten Klima.“
Würdet ihr losgehen nach Ninive? Würdet ihr nach Karlsruhe gehen, nach Mannheim – und wider die Stadt predigen? Sie zur Umkehr rufen?
 
IV
Jona ist erschrocken über diesen Auftrag. Warum ich? Statt tausend Kilometer nach Osten zu reisen, schifft er sich nach Westen ein. Er will ans andere Ende des Mittelmeers fliehen, ans andere Ende der damaligen Welt, nach Tarsos in Spanien. Er will es nicht so genau wissen; er will nicht gegen die Bosheit, gegen die Verschwendung, gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen vieler Menschen predigen; er will lieber seine Ruhe – und flieht.
Vielleicht ist Ihnen die weitere Geschichte noch im Ohr. Auf der Fahrt mit dem Schiff nach Westen bricht ein Sturm los. Jona schläft, aber die Seeleute verzweifeln. Sie wecken ihn. Er gesteht ihnen: „Gott hat den Sturm geschickt, weil ich den Auftrag nicht übernehme. Werft mich über Bord, dann werdet ihr gerettet.“ Die Seeleute wollen nicht; sie sind fromm, sie wollen keinen Menschen opfern. Sie rudern. Doch schließlich werfen sie ihn ins Wasser. - Da legt sich der Sturm.
Wunderbar geht es weiter: Jona ertrinkt nicht. Er wird von einem Wal geschluckt und bleibt drei Tage und Nächte in dessen Bauch. Er betet zu Gott um Rettung. „Und Gott sprach zu dem Fisch und der spie Jona aus ans Land.“
Wieder schickt Gott Jona nach Ninive: „Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage.“
Jetzt geht Jona! Wie lange wird er für die tausend Kilometer gebraucht haben? Jedenfalls hatte er genug Zeit, seine Angst zu überwinden und seine Bußpredigt vorzubereiten. Jona kommt nach Ninive und predigt: „Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.“
 
V
Bevor wir weiter gelesen haben, haben wir in der Konfergruppe spekuliert: Wie werden die Menschen in Ninive wohl reagiert haben? Haben sie betreten weggeschaut? Haben sie gedacht, was für ein Spinner? Haben sie ihn angegriffen? Haben sie gedacht: recht hat er, aber was soll man machen?
Wir sind es nicht gewohnt, gemeinsam Verantwortung für Bosheit und Schuld zu übernehmen. Wir suchen lieber den oder die einzelne Schuldige. Wir wollen möglichst genau unterscheiden: wer hat wofür wie viel Schuld? Selbst wenn ich beteiligt war, der trägt noch mehr Schuld! Vielleicht ließ sich der Buß- und Bettag vor 18 Jahren auch deshalb so leicht als gesetzlicher Feiertag streichen, weil Schuld und Buße lieber einzelnen zugerechnet werden sollen, statt gemeinsam Verantwortung dafür zu übernehmen.
Dabei wissen wir doch 75 Jahre nach der Reichspogromnacht, dass Schuld nicht in dem aufgeht, was einer oder eine tut und verantwortet. Dass wir in Sünde verstrickt sein können, auch wenn wir das gar nicht wollen, auch wenn wir es doch gut meinen und machen wollen. Dass eine globale Bedrohung wie der Klimawandel nur gemeinsam getragen werden kann; dass dabei die vorausgehen müssen, die mehr haben, denen es besser geht. Dass wir mutig sein müssen in unseren Schritten heraus aus der Verschwendung in einen neuen Lebensstil.
 
VI
Da ist das böse Ninive vorbildlich. „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.“
Es ändert sich etwas. Umkehr ist möglich! Die normale Bevölkerung in Ninive beginnt. Sie fragen nicht, wer ist am meisten schuld. Sie sagen nicht zu Jona: „Geh doch zum König, der hat doch alles bestimmt! Der soll jetzt auch die Zeche zahlen!“ Sie rechnen sich nicht gegenseitig ihren Anteil an Schuld und Versagen vor: „Mein Nachbar, der hat doch immer ….“ Nein, sie nehmen wahr, dass sie gemeinsam in Schuld verstrickt sind und beginnen gemeinsam umzukehren. Vielleicht geht es ja gemeinsam leichter? Vielleicht hilft mir und anderen, dass einer oder eine für meine Schuld mit einsteht!
Den Konfirmandinnen und Konfirmanden macht es zu Spaß zu phantasieren, wie sich das auf heute übertragen lässt: Wir fasten und stellen das Fleischessen ein. Da werden in Argentinien und Paraguay Flächen frei für Kleinbauern, um Nahrung anzubauen, die vorher für die Produktion von Futtermitteln genutzt wurden. Wir ziehen Säcke an, statt Kleider bei Primark aus Fabriken zu kaufen, in denen die Arbeiterinnen wie Sklavinnen gehalten werden. Wir fahren weniger Auto und fordern, dass sich der König bzw. die Kanzlerin für eine gesetzliche Regelung für niedrigere Schadstoffwerte in der EU einsetzt.
Ninive ist vorbildlich! Als der König und die Mächtigen merken, was für eine Bewegung durch das Land geht, leugnen auch sie nicht mehr ihre Bosheit. Auch sie zeigen nicht mehr mit dem Finger auf die anderen, die Opposition. Sie folgen dem Beispiel der Leute. Sie fasten, hüllen sich in Sack und Asche, bitten Gott um Erbarmen.
Ninive ist vorbildlich! Gemeinsam bekennt die Stadt ihre Schuld, kehrt um und ruft einen Buß- und Bettag aus. Umkehr ist möglich. Es ändert sich etwas.
 
VII
„Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, dass er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.“
Umkehr ist möglich. Nicht nur bei den Menschen, vor allem auch bei Gott. „Und tat’s nicht!“ Drei Worte retten 120.000 Menschen das Leben.
Die Konfirmandinnen und Konfirmanden fanden das spannend. Dass Gott selber umkehrt und mitmacht, dass Gottes Kraft die Bewegung in Ninive aufnimmt und unterstützt, dass Gott sich bewegen lässt.
 
VIII
„Jona aber verdross das sehr!“
Erst hat er sich vor dem Auftrag gefürchtet; dann hat er allen Mut zusammen genommen und sich auf den Markt gestellt und gepredigt. Und jetzt das! „Da hättest du mich auch nach Tarsis reisen lassen können, Gott. War doch sowieso klar: du bist gütig, gnädig, langmütig und von großer Güte. Warum also das alles?“
Jona ärgert sich, weil er verkündigt hat, was Gott wollte. Und nun stellt ihn Gottes Güte bloß: Der Prophet ist gescheitert. Er behält nicht Recht; Ninive geht nicht unter!
Weil Gott Barmherzigkeit wichtiger ist als Konsequenz, weil Gott die Möglichkeit zur Umkehr wichtiger ist als ausgleichende Gerechtigkeit. Doch gerade indem sich Gott als barmherziger, Leben schaffender und erhaltender Gott zeigt, zeigt sich Gottes Kraft. Ja, es ändert sich etwas. Menschen kehren um. Das Land hat eine Zukunft.
IX
Die Konfirmandinnen und Konfirmanden haben über diesen beweglichen Gott gestaunt. Sie haben gespürt, dass dieser Gott Freiheit lässt, aber trotzdem dabei bleibt, es noch ein-mal wagt und auf Wege des Friedens und der Gerechtigkeit führt.
Auch wenn für jeden einzelnen von uns der Klimawandel ein zu großes Problem zu sein scheint, selbst zu schwierig für einzelne Staaten, die EU, die GB usw. Auch wenn es vielleicht politisch einfacher und erfolgreicher scheint, sich dann im Zweifel für die heimische Industrie und Arbeitsplätze einzusetzen. Gott eröffnet die Möglichkeit zur Umkehr.
X
Jona geht aus der Stadt, auf einen Hügel, um zu sehen was geschieht. Es ist furchtbar heiß! Da lässt Gott eine Rizi-nusstaude wachsen, einen schönen Baum mit großen Blättern, ein wunderbarer Schutz gegen die heiße Sonne. Der Baum spendet Schatten und auch ein bisschen Trost für Jona, der sich darunter setzt.
Doch dann kommt ein Wurm und sticht in die Staude, so dass sie verdorrt. Wieder ärgert sich Jona und hadert mit Gott.
Da sagt Gott zu ihm: „Dich jammert die Staude, um die du dich nicht gesorgt hast. Und mich soll nicht jammern um Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?“
Umkehr ist möglich. Es ändert sich etwas. Das ist die Bot-schaft des Buß- und Bettages. Ninive hat es erlebt. Jona hat es erlebt. Weil Gott barmherzig ist. Weil Gott selbst umkehrt. Weil Gott nicht den Tod will, sondern das Leben, unser Leben.
Amen.