- „1. Da unser Herr und Meister Jesus Christus sagt: ‚Tut Buße‘ usw. (Matth. 4, 17), wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein sollte.“ Schon diese erste von Martin Luthers 95 Thesen zeigt, dass Buße ein wichtiges Thema im Protestantismus ist. Allerdings klingt auch schon die typisch protestantische Perspektive an: Buße soll weniger ein besonderer kirchlicher Akt sein, sondern das ganze Leben und mein Herz jeden Tag bestimmen; sonst drohen Werkgerechtigkeit, Moralisierung und Politisierung. Diese Spannung und der gute Zweck haben dazu beigetragen, dass bei der Abschaffung 1995 des Bußtages zugunsten der Finanzierung der Pflegversicherung der ganz große Aufschrei des Protestantismus ausblieb.
- Mit dem Buß- und Bettag stellt die Kirche der Öffentlichkeit einen Tag zur Verfügung zum Innehalten, zur Besinnung auf Misslungenes und zur Neuorientierung.
Die Terminierung zwischen Volkstrauertag und Ewigkeits- bzw. Totensonntag unterstreicht die doppelte Ausrichtung: einerseits auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen und andererseits auf Fragen privater Not und individueller Schuld. Bei „Du musst dein Leben ändern“ geht es um Zeit und Vergänglichkeit, um Familienstreitigkeiten, burn out und die Suche nach Anerkennung, aber eben auch um politische Verantwortung, um unseren Auftrag, Frieden zu schaffen, für Gerechtigkeit hier und weltweit zu sorgen und Gottes Schöpfung zu bewahren, um soziale Identität und sozialen Zusammenhalt.
Der Buß- und Bettag eröffnete historisch Raum für beide Blickrichtungen und zwar in unterschiedlichen Horizonten, seien sie persönlich, politisch oder heute auch interreligiös bestimmt.
Was unterscheidet den Buß- und Bettag als evangelischen Festtag der Umkehr von den alltäglichen Rufen, sich anständig zu verhalten und das Gute zu tun? - Der Buß- und Bettag richtet sich nicht an die Anderen, sondern an mich und führt die Menschen „unter der Sünde“ zusammen: Niemand ist ohne Sünde! Dieser Satz widerspricht allen humanistischen Hoffnungen auf edle Reue. Er ist aber auch schwierig, weil er alles gleich macht: „Aber es gibt doch die Bösen, die dies und jenes tun.“
Paulus hat im Römerbrief diese unterschiedlichen Perspektiven bedacht: die Hartherzigkeit und die Unwilligkeit umzukehren, den Kreislauf der gegenseitigen Vorhaltungen und Schuldzuweisungen, aber auch die Urteile aus dem Gefühl der Überlegenheit und die Unbarmherzigkeit derjenigen, die sich im Recht wissen. Auch die, die mit dem Finger auf andere zeigen, sind nicht gerecht vor Gott und mangeln des Ruhmes.
Das ist eine Herausforderung für die Predigt. Sie steht in der Gefahr mora-lisch und gesetzlich zu werden und damit selbst zu fixieren: auf meinen Wert und meine Werte, statt die Menschen frei zu sprechen. Die Menschen zu schütteln und zu rütteln, führt meist nur dazu, dass sie sich noch weiter hinter ihre Schutzschicht zurückziehen.
Sünde ist nicht nur Tat, sie ist auch Hybris und Trägheit: Ich warte meist lieber erst einmal, was die anderen machen. Ich frage, was ich davon habe, wenn etwas tue. Ich beurteile lieber das, was die anderen tun, bevor ich eine Tür öffne, von der ich nicht genau weiß, wohin sie führt oder wer durch sie eintritt. „Wenn du, Gott, Sünden anrechnen willst, wer wird bestehen?“ (Psalm 130) - Es ist Gottes Güte, die uns zur Umkehr leitet (Römer 2,4). Gott ist gütig, geduldig und langmütig; Gott nimmt sich selbst zurück und gibt uns Gelegenheit zur Umkehr. Sie gibt Zeit (Lukas 13)! Sie überwindet die Moral (Jona 3: Der Moralist Jona scheitert. Eindeutige Selbst- und Feindbilder werden überwunden, durchbrochen. Gott selbst kehrt um und stärkt den Lebenswunsch der Menschen in Ninive. Sie dürfen umkehren. Gott überwindet Gut und Böse als unsere Kategorien: nur im Tod ist Eindeutigkeit, deshalb will Jona sterben – im Leben ist Ambivalenz und: Umkehr möglich.)! Sie schenkt Freiheit, weil wir nicht mehr darin gefangen sind, unser Konto der guten und schlechten Taten abzurechnen. Der Bußtag weist über das hinaus, was wir tun (können), auf das was Gott für uns tut.
Also heißt die Botschaft des Buß- und Bettages:
Schau weg von dir:
- schau auf Gottes Güte, die dich zum Umkehr treibt,
- und schau auf deinen Nächsten, der auch aus Gottes Güte lebt und deine Liebe braucht. (Kriterium der Mitgeschöpflichkeit.)
- Christus öffnet die Tür zu meinem Herzen: Ich gewinne einen realistischen Blick auf meine Lage, auch auf meine Schuld. Aber ich bleibe nicht allein mit ihr hinter der Tür. Christus hilft sie tragen, hilft mir umkehren, bekennen, mich zu entschuldigen. Und steht für mich ein, wenn das, was ich getan habe oder schuldig geblieben bin, nicht mehr gut zu machen ist, nimmt auf sich, was ich nicht tragen kann. Christus öffnet die Tür zu Gott und übt uns ein in die himmlische Gastfreundschaft.
Weil der Ausgangspunkt des Buß- und Bettages die Güte Gottes ist, die sich in Christus zeigt, geht es um mehr als um Moral und Handlungsanweisungen. Der Buß- und Bettag lebt nicht davon, dass einer oder eine von uns die Tür der Umkehr öffnet, sondern der dreieinige Gott, der sich uns in Jesus Christus offenbart hat. Gott ist der gute Weingärtner. Gott tröstet wie eine Mutter. Gott nimmt sich zurück. Wie kann der Buß- und Bettag zu einem Lockruf zur Umkehr werden?
Wir brauchen Geschichten, in denen die Gottes Güte deutlich wird und sich eine Tür öffnet in eine Wirklichkeit, die von Gottes Regeln bestimmt ist. Das Evangelium (Lukas 13,6-9) führt das narrativ vor: Der Weingärtner stellt sich vor seinen Baum und bewahrt ihn davor abgeholzt zu werden. Er holt nicht die Axt, sondern den Spaten, lockert den Boden, düngt und müht sich um den Baum. Er überzeugt sogar den Besitzer des Weinbergs, dass er noch ein bisschen warten soll: Jetzt gibt es noch nichts zu verdienen, aber in einem Jahr. Da wird der Baum blühen und Früchte tragen. Der Weingärtner öffnet eine Tür der Umkehr.
Wir brauchen symbolische Formen, die dem Innehalten eine Gestalt geben und uns im Unterbrechen zur Erkenntnis der eigenen Grenzen führen. Der Buß- und Bettag hat liturgisch deshalb mit Schweigen, mit Fasten und mit Wachen zu tun.
Es geht um eine klare und radikale Unterbrechung, durch die Kopf, Herz und Hand frei werden für eine Neuorientierung: in der Mitte der Woche wird unser alltägliches Handeln mit erheblichen Auswirkungen auf die Wirtschaft unterbrochen um diese Grenzen und Neuorientierung zu markieren.
Wir brauchen des Wort von außen (Jona!), sonst besteht leicht die Gefahr, in den eingefahrenen Debatten hängen zu bleiben. Was kann das heute sein? Ökumenische Gäste?! Die Menschen kommen zu Wort, die sonst durchs Raster fallen. Raum für private Herausforderungen. - Am Buß- und Bettag rücken unter der Perspektive des Evangeliums die unterschiedlichen Menschen, bei Paulus beispielhaft Juden und Heiden im Negativen genauso eng zusammen, wie die grundlegenden biologischen, sozialen und religiösen Dualisierungen zwischen Menschen nach Gal. 3,26-28 auch in positiver Hinsicht im Geist Christi an Bedeutung verlieren.
Das ist eine entscheidende Erkenntnis! Wir unterscheiden uns; wir haben unterschiedliche Gaben, leben in unterschiedliche Ordnungen, kennen Sympathie und Antipathie. Aber wir gehören vor Gott zusammen; alles Sortieren stößt bei Gott an seine Grenzen. - Am Ende: Die Güte Gottes macht nicht faule Leute, sondern treibt zur Um-kehr! Unsere Werke sind wichtig, es ist nicht gleich, was wir tun oder zu tun unterlassen. Wir sind verantwortliche Wesen, zu deren Würde es gehört, dass wir Rechenschaft ablegen.
Für mich lockt der Buß- und Bettag 2018 zur Umkehr von den Bestrebungen und Sicherheit und Identität durch Abgrenzung zu gewinnen.
Da geht es um sehr Konkretes:
Europa befindet sich 2018 in einer neuen Situation. Lange schien es möglich, weltweit wirtschaftlich zu agieren und zugleich Ungerechtigkeit und Unfrieden außen vor zu halten, obwohl die soziale und politische Lage in vielen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens und Afrikas sich verschärfte. Die Flüchtlinge machen die Differenz der Lebensbedingungen unübersehbar. Was bedeutet es, dass wir in einer Welt leben? Wie können wir füreinander Verantwortung übernehmen?
Am Buß- und Bettag 2018 wird diese Konstellation die Menschen beschäfti-gen. Die Versuche, sich abzuschotten und Identität wieder stärker durch nationale oder europäische Abgrenzung zu bestimmen, werden die politischen Debatten prägen. Schnell führen sie ins Sortieren und in unselige Debatten über die, die dazu gehören – und die, deren Leben nicht den gleichen Wert hat.
Da sein für die, die Hilfe brauchen, die Gottes Güte uns anvertraut. Mutig auf die zugehen, die aus Angst ihre Türen verschließen und die Sorge haben, dass es nicht für alle reicht. Einladen, zuhören und reden, den ANDEREN einen Platz anbieten, an dem Tisch, den Jesus uns deckt. Manchmal ergeben sich überraschende Perspektiven: „Ninive kehrt um! Wer hätte das gedacht?“
