Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Apostelgeschichte 2,22ff
Liebe Gemeinde,
am heutigen Pfingstmontag befinde ich mich durch den vorgegebenen Predigttext aus dem 2. Kapitel der Apostelgeschichte des Lukas in einer besonderen Situation. Inhalt dieses Textes ist nämlich selbst eine Predigt. Gelegenheit, einmal grundsätzlicher über das Predigen nachzudenken.
Eine Predigt über das Predigen
Im Anschluss an die uns allen sehr vertraute Erzählung vom ersten Pfingstfest der Christenheit lässt der Evangelist Lukas in seiner Apostelgeschichte den Apostel Petrus eine Pfingstpredigt halten: „Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst - diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung ausgeliefert war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Ihr Männer, liebe Brüder, lasst mich freimütig zu euch reden. Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dessen sind wir alle Zeugen. Da er nun zur rechten Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr hier seht und hört. So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat.“ Als sie aber das hörten, ging‘s ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den anderen Aposteln: „Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“ Petrus sprach zu ihnen: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird.“ Und nach dieser Predigt - so vermerkt Lukas abschließend - hätten sich an diesem Tag etwa 3000 Menschen taufen lassen.
Welch eine großartige Predigt und welch eine gewaltige Wirkung derselben! Mit Ihnen will ich mich daran machen, am Beispiel dieser Pfingstpredigt des Petrus nachzudenken, was eigentlich kraftvolles pfingstliches Predigen ausmacht.
1. Pfingstliche Predigt ist Christuspredigt
Im Mittelpunkt der Petrus-Predigt stehen zahlreiche Aussagen über Jesus Christus. Da wird das Leben Jesu in den Blick genommen, seine von Gott gewirkten Taten, durch die er sich unter den Menschen ausgewiesen hat; es wird an sein Leiden und Sterben erinnert, an seine Auslieferung ans Kreuz. Da wird die große Wende beschrieben, die geschah, als Gott ihn auferweckte. Und schließlich wird das gegenwärtige Wirken des erhöhten Christus angeschaut, seine Ausgießung des Heiligen Geistes. Was Petrus hier predigt, das ist keine hohe Christologie, wie sie später von klugen Theologen weiterentwickelt wurde. Nein, das ist eine schlichte Christuspredigt, sozusagen mit einer Christologie für das Volk: Jesus aus Nazareth wird als ein großer Wundertäter dargestellt, als ein leidender Gerechter, der verworfen wurde von seinem Volk. Und zugleich wird er als der Herr des Lebens und als der Christus verkündigt, zu dem ihn Gott durch die Auferweckung von den Toten, durch seine Erhöhung in der Himmelfahrt und durch den Empfang des Heiligen Geistes gemacht hat.
"Davon haben wir in der Predigt Zeugnis abzulegen. In jeder Predigt werden wir zu Zeuginnen und Zeugen des Auferstandenen. Nie darf es darum gehen, eine möglichst ausgeklügelte Lehre von Christus predigend zu verbreiten...."
Das gilt es seit jenem ersten Pfingstfest zu verkündigen. Davon haben wir in der Predigt Zeugnis abzulegen. In jeder Predigt werden wir zu Zeuginnen und Zeugen des Auferstandenen. Nie darf es darum gehen, eine möglichst ausgeklügelte Lehre von Christus predigend zu verbreiten. Jede Predigt kann immer nur einen kleinen Ausschnitt einer Lehre von Jesus Christus in den Blick nehmen. Käme es auf dogmatische Richtigkeit an, wäre Lukas wohl eher durchs Predigtexamen durchgefallen. Nein: Lukas zeigt uns, worauf es ankommt, wenn wir Christus predigen: Es kommt darauf an, dass wir als Predigende den Auferstandenen als Herrn bezeugen. Dass wir die Bedeutung Jesu Christi so auslegen, dass er bedeutsam wird für unser Leben - bedeutsam als der Lebendige, als der Christus, als der Gesalbte Gottes, der uns salbt durch seinen Heiligen Geist, der uns stärkt durch seinen Geist. Pfingstliche Predigt also soll Zeugnis ablegen von dem, der als der von Gott zum Leben Erweckte Herr unseres Lebens ist.
2. Pfingstliche Predigt ist Textauslegung
Hätte ich die Pfingstpredigt des Petrus in voller Länger vorgelesen, wäre ein Grundzug dieser Predigt noch deutlicher hervorgetreten. Diese Predigt ist von Anfang bis Ende Textauslegung - und dies in einem mehrfachen Sinn. Da wird nicht nur eine alte Weissagung des Propheten Joel den Menschen ausgelegt, da werden nicht nur in einer etwas merkwürdig anmutenden Weise Psalmworte auf Christus hin gedeutet, nein: da wird den Menschen von Jerusalem ihre eigene Lebenssituation an diesem Pfingstfest ausgelegt. Da wird ihr Lebenstext gelesen. Petrus hilft den Menschen, ihre Lebenssituation zu begreifen. Die Menschen in Jerusalem können nicht verstehen, was geschieht. Er entschlüsselt den Lebenstext der Pfingstsituation, indem er Texte der Bibel liest. Vor allem nimmt er die Weissagung aus dem Buch des Propheten Joel in Anspruch, um begreiflich zu machen, was da an Unerklärlichem geschieht: „Es soll geschehen, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch, sagt der Prophet.“ Heute ist dies geschehen, „wie ihr hier seht und hört“. Mit diesen Worten ist alles gesagt: Die Gläubigen sind nicht etwa betrunken, sondern sie empfangen den Heiligen Geist, wie es der Prophet geweissagt hat. So entschlüsselt Petrus durch das Lesen eines Bibeltextes einen schwer verständlichen Lebenstext.
"Genau darum geht es bei einer Predigt: Mit den Fragen heutiger Menschen die Texte der Bibel so zu lesen, dass sich Menschen neue Horizonte auftun."
Genau darum geht es bei einer Predigt: Die Lebenssituation von Menschen mit Hilfe biblischer Texte so zu deuten, dass sich ihnen Sinn erschließt. Genau darum geht es bei einer Predigt: Mit den Fragen heutiger Menschen die Texte der Bibel so zu lesen, dass sich Menschen neue Horizonte auftun. „Euch und euren Kindern gilt diese Verheißung.“ Noch direkter kann man gar nicht einen alten Bibeltext und einen heutigen Lebenstext zueinander in Beziehung setzen. Ja, Petrus macht uns vor, wie Menschen biblische Verheißungen für sich in Anspruch nehmen können und wie Menschen die Erfüllung solcher Verheißung auf den Kopf zugesagt werden kann. So wird durch die Auslegung eines alten biblischen Textes Menschen Zukunft zugesagt. Hätten wir doch nur häufiger den Mut, biblische Texte für uns in Anspruch zu nehmen! Hätten wir doch nur häufiger den Mut, Lebenstext und Bibeltext miteinander so zu versprechen, dass sich Lebenssinn erschließt und neue Orientierung gewonnen wird!
3. Pfingstliche Predigt ist öffentliche Rede
Petrus hält seine Pfingstpredigt nicht in einem geschlossenen Raum vor seinen Mitaposteln. Nein: Petrus wagt eine öffentliche Rede, eine Missionspredigt. Er wendet sich mit seiner Predigt an die „Männer von Israel“ und ganz ausdrücklich betont er: „Ihr Männer, liebe Brüder, lasst mich freimütig zu euch reden.“ Wenn wir nun einmal davon absehen, dass Petrus seine Pfingstpredigt als eine reine Männersache anlegt, was aber im Widerspruch steht zur Verheißung des Propheten, die ausdrücklich den Söhnen und den Töchtern galt, so ist doch beeindruckend, wie er sich mit seiner Predigt an die Öffentlichkeit wendet. Damit macht er klar, dass jede christliche Predigt einen missionarischen, einen Öffentlichkeitsanspruch hat. Predigt ist öffentliche Rede. Sie soll darauf angelegt sein, dass sie Menschen erreicht, die bisher noch nichts von Jesus Christus gehört haben.
Wir können uns von Petrus ermutigen lassen, das Predigen als ein öffentliches, freimütiges Reden neu ernst zu nehmen. Dabei sollten wir auch die ganz normalen Gemeindegottesdienste als missionarische Chance wahrnehmen. Ist es nicht leider zutreffend, was ein Theologe einmal ironisch anmerkte: „Ich scheue mich, kirchenfremde Menschen zum Gottesdienst einzuladen, weil die Gefahr zu groß ist, dass sie kommen“? Ist das Geschehen des Gottesdienstes wirklich offen für Kirchendistanzierte oder rechnen wir im Grunde gar nicht damit, dass solche zu uns in den Gottesdienst kommen? Es gibt in unserer Kirche offenbar genügend bestärkende Predigt des Evangeliums, aber zu wenig einladende und in den Glauben einführende Verkündigung, so dass Menschen persönlich zum Glauben gerufen werden.
4. Pfingstliche Predigt ist Herzenspredigt
„Als sie aber das hörten, ging‘s ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den anderen Aposteln: Was sollen wir tun?“ Die Predigt des Petrus wurde von den Menschen nicht nur gehört, sondern diese Predigt traf sie ins Herz. Genauer, sie verursachte in ihren Herzen quälende Schmerzen, Herzstiche. Das kennen wir: Wenn uns jemand ein Wort sagt, das uns ganz persönlich trifft, dann geht es uns wie ein Stich durchs Herz. Und wir wissen ganz genau: Erst wenn uns ein Stich durchs Herz geht, hat es die Kraft, in unserem Leben Veränderungen in Gang zu setzen. Petrus hat offensichtlich seine Hörerinnen und Hörer so persönlich getroffen, dass sie einen quälenden Stich im Herzen spürten und ausriefen: „Was sollen wir tun?“ Damit ist ein weiteres Kennzeichen pfingstlicher Predigt markiert. Sie sollte zum Herzen vordringen. Nur dann kann sie Wirkung entfalten wie jene Pfingstpredigt des Petrus, die 3000 Menschen zur Umkehr trieb. In der Taufe eigneten sich diese Menschen an, was sie zuvor gehört hatten: Jesus Christus wurde für sie zum Herrn des Lebens. Ich frage: Wie viele Predigten haben Sie schon gehört, die Ihre Ohren gehört, die aber Ihr Herz nicht erreicht haben?
"Genau das gehört zum Geheimnis des Heiligen Geistes, dass es nicht in unserer Hand liegt, die Herzen der Menschen zu erreichen. Wo Betroffenheit durch eine Predigt ausgelöst wird, wo Menschen zur Änderung ihres Lebens bereit werden, da wirkt Gottes Heiliger Geist."
Aber, und hier muss ich ein gewichtiges pfingstliches „Aber“ einfügen: Genau das gehört zum Geheimnis des Heiligen Geistes, dass es nicht in unserer Hand liegt, die Herzen der Menschen zu erreichen. Wo Betroffenheit durch eine Predigt ausgelöst wird, wo Menschen zur Änderung ihres Lebens bereit werden, da wirkt Gottes Heiliger Geist. Aber trotzdem darf ich fragen, ob wir beim Predigen diesem Heiligen Geist nicht zu oft im Wege stehen durch Gejammer oder auch durch geistloses Gerede. Sind wir als Predigende wirklich offen genug, Gottes Geist an uns und durch uns wirken zu lassen? Weil Petrus offen war, war das Wunder von Pfingsten möglich.
Liebe Festgemeinde, nun habe ich öffentlich und freimütig über eine Pfingstpredigt gepredigt, und weiß so gar nicht, ob ich dabei wirklich eine Christus- und eine Herzenspredigt gehalten habe. Ich habe mich bemüht, einen Bibeltext zu lesen, muss aber zugleich die Frage unbeantwortet lassen, ob ich dabei auch Ihren Lebenstext gelesen habe. So schließe ich mit offenen Fragen, aber in der getrosten Gewissheit, dass auch durch diese Predigt der Heilige Geist so wirken kann, dass es Ihnen ins Herz geht. Amen.
