Klimaschutz und Klimaanpassung Hand in Hand in Rheinfelden

„Geduld und viele Schrauben drehen, um langsam den CO₂-Ausstoß zu reduzieren.“

Baum pflanzen an der Kirche Minseln
Baum pflanzen an der Kirche Minseln
Steigende Temperaturen setzen nicht nur Ökosysteme unter Druck, sie belasten zunehmend auch die Räume, in denen Kinder ihren Alltag verbringen. In den vier Kindertagesstätten der Kirchengemeinde Rheinfelden erreichen die Raumtemperaturen an heißen Sommertagen inzwischen regelmäßig 28 bis 33 °C.
Für Kinder, die in diesen Räumen spielen, essen und schlafen sollen, wird das zur Belastung. Die evangelische Gemeinde in Rheinfelden, seit 2011 mit dem Grünen Gockel und EMAS zertifiziert, hat über 15 Jahre hinweg systematisch an Klimaschutz und mittlerweile auch an Klimaanpassung gearbeitet. Während in den vergangenen Jahren vor allem die Verringerung von Emissionen im Mittelpunkt stand, rückt heute zunehmend der Umgang mit den bereits spürbaren Folgen des Klimawandels in den Fokus. Beide Aufgaben werden in Rheinfelden gemeinsam gedacht.
 
 
 
 
Eine Erfolgsbilanz in Zahlen
 
„Also in Zahlen gesprochen: Wir haben den CO₂-Ausstoß unserer Gemeinde um etwa 55 Prozent gesenkt. Das ist natürlich viel. Wir haben sowohl unseren Energieverbrauch gesenkt als auch den weitgehenden Umstieg auf CO2-freie Wärmeversorgung geschafft.“, bilanziert Joachim Schoch-Bösken, langjähriger Verantwortlicher für das Umweltmanagement. Hinzu kommen Maßnahmen zur Erhöhung der Biodiversität auf den Außenflächen und die Tatsache, dass das Umweltteam trotz Fusion der früheren vier Gemeinden und trotz knapper personeller Ressourcen mit acht Engagierten arbeitet. Seit 2011 wurden rund 90 Einzelmaßnahmen umgesetzt. Von Heizungsoptimierungen über den Anschluss an das kommunale Nahwärmenetz bis hin zu konkreten Hitzeschutzmaßnahmen in den Kitas.
 
 
Passive Maßnahmen: Was bereits wirkt
 
Die Kindergärten selbst haben über Jahre ein Bündel an passiven Lösungen entwickelt und erprobt. Alle vier Einrichtungen verfügen über umfangreiche Begrünung und Baumbestand, der große Teile der Außenspielflächen beschattet. Auf den Terrassen stehen Sonnenschirme und -Sonnensegel, an vielen Fenstern Außenjalousien und Rollläden.
 
 
Neue, sehr wirkungsvolle Praktiken kamen in den letzten Sommern hinzu:
Fenster mit reflektierenden Rettungsdecken
Fenster mit reflektierenden Rettungsdecken
 
  • Fenster bleiben nachts gekippt, teilweise mit hochgezogenen Jalousien, um Durchzug zu erzeugen.
  • In einer bereits energetisch sanierten Kita unterstützen zusätzlich schmale, einbruchsichere Schlitze mit Insektenschutz die nächtliche Abkühlung der Räume.-
  • Die Kita-Leitungen erscheinen bereits um 6:30 Uhr, um eine Stunde vor Öffnung gründlich durchzulüften.
    Lüftungsschlitze
    Lüftungsschlitze
  • Fenster, auch solche mit nordöstlicher Ausrichtung, werden von außen mit reflektierenden Rettungsdecken verhängt. Diese ursprünglich für Notfälle gedachten, silberbeschichteten Decken reflektieren einen Großteil der Sonneneinstrahlung und senken die Raumtemperatur um 4-5 °C.
  • In einem Kindergarten wird morgens nur ein Gruppenraum geöffnet (mit direktem Zugang nach draußen); der zweite bleibt abgedunkelt und wird erst nach dem Mittagessen freigegeben. So entsteht ein Temperaturunterschied von etwa 1 bis 1,5 °C, der spürbar entlastet.
  • Auf den Mittagsschlaf wird verzichtet, wenn der Schlafraum 28 bis 29 °C erreicht.
 
 
 
 
 
 
 
Temperatur-Logger und einfache Thermometer in allen Räumen liefern objektive Daten. Priorität haben Räume, die über 30 °C steigen. Die Messungen schaffen eine verlässliche Grundlage für Entscheidungen und helfen dabei, Maßnahmen gezielt dort umzusetzen, wo die Belastung am größten ist. Statt nach subjektivem Empfinden zu handeln, können Investitionen so priorisiert werden.
 
 
Der Wandel in der Bewertung von Klimaanlagen
 
Lange Zeit stand die Gemeinde Klimaanlagen wegen des Stromverbrauchs etwas kritisch gegenüber. Diese Haltung hat sich verändert. „Ich sehe mittlerweile Klimaanlagen auch nicht mehr kritisch. Früher war ich dagegen, weil sie Strom verbrauchen. Aber inzwischen haben wir Überkapazitäten um die Mittagszeit, wenn Photovoltaik viel elektrischen Strom an sonnigen und heißen Tagen liefert“, erklärt Herr Schoch-Bösken.
Heute fällt der größte Kühlbedarf häufig mit Zeiten hoher Solarstromerzeugung, primär durch eigene Photovoltaikanlagen, zusammen. In der Gesamtheit jedoch bringen niedrige Wasserpegel andere Formen der Stromversorgung, wie Wasserkraftwerke, an ihre Grenzen.
Daher bleibt die Frage offen, in welchem Umfang diese Energie für die Kühlung von Räumen eingesetzt werden sollte.
 
Zudem haben Klimaanlagen weitere negative Externalitäten auf die Umwelt. Laut einer Zusammenfassung aktueller Forschungsarbeiten des MDR können Klimaanlagen neben dem hohen Stromverbrauch die Lufttemperatur in Stadtgebieten um mehrere Grad erhöhen. Dies sollte bei der Anschaffung und dem Betrieb dieser Anlagen mit bedacht werden.
 
Die Krippenbereiche, oft im Dachgeschoss sind besonders hitzeempfindlich und verfügen bereits über Klimaanlagen. Für die Gruppen- und Schlafräume der Kindergärten werden sie nun konkret geplant.
Möglich wird das auch durch Energy Sharing: Da auf den Kita-Dächern selbst Photovoltaik aus technischen Gründen, etwa wegen Beschattung oder der Dachkonstruktion, kaum realisierbar ist, soll Strom von der Kirche und einem Gemeindezentrum weitergeleitet werden.
 
 
 
Weitere geplante Schritte und die Rolle des Grüner- Gockel-Umweltteams
 
Für das kommende Jahr stehen Außenrollläden an bisher ungeschützten nordöstlichen Fenstern und einer Fluchttür sowie Klimaanlagen in den Gruppen- und Schlafräumen auf der Agenda. Parallel läuft für die Wärmeversorgung im Winter der weitere Ausbau der Nahwärme , an die bereits sechs von zwölf Gebäude angeschlossen sind. Zusätzlich sind weitere Photovoltaikanlagen geplant sowie und die schrittweise Umstellung verbleibender Gasheizungen auf Wärmepumpen.
 
Das rheinfelder Grüner- Gockel-Umweltteam übernimmt dabei die Koordination. Ohne das ehrenamtliche Engagement und die kontinuierliche Dokumentation, monatliche Verbrauchsdaten, jährliche Umwelterklärungen und Vergleichsreihen über inzwischen fast 18 Jahre wäre systematische Klimaanpassung in einer personell angespannten Gemeinde kaum leistbar.
Gerade diese langfristige Datengrundlage ermöglicht es, Entwicklungen sichtbar zu machen und Maßnahmen gezielt weiterzuentwickeln.
„Geduld und viele Schrauben drehen, um langsam den CO₂-Ausstoß zu reduzieren“, fasst Herr Schoch-Bösken die Arbeit der vergangenen Jahre in einem Satz zusammen.
 
 
Fazit: Zwei Seiten derselben Medaille
 
Klimaschutz bleibt die Priorität. CO₂-Reduktion, effiziente Heizsysteme, erneuerbare Energien und eine höhere Biodiversität bilden weiterhin das Fundament der Umweltarbeit. Gleichzeitig ist klar geworden, dass die bereits spürbaren Folgen der Erwärmung gezielte Anpassungsmaßnahmen erfordern. Wichtig ist hierbei, dass solche Maßnahmen keine zusätzlichen negativen Aspekte für das Klima mit sich bringen, sondern Resilienz fördern. Ob Klimaanlagen im Gesamtbild dem Klima helfen oder doch nur die Hitze und die eigentlichen Probleme verlagern bleibt fraglich, jedoch stärken uns Sonnensegel, Luftschlitze und vor allem die Abkühlung im schattigen Außenbereich.