
Die Seelsorger Claudia Tissler-Buhr und Pater Fritz Kretz sind auf dem Weg zu den Menschen.
Quelle: Joshua Tress, Südkurier
Schon seit Jahren besucht der Pallottinerpater alte Menschen, denen der Weg zur Messe längst zu beschwerlich geworden ist. Irgendwann kreuzten sich seine Wege mit denen von Claudia Tissler-Buhr, die seit über 20 Jahren ebenfalls in Pflegeheimen unterwegs ist. „Wir haben gedacht, wir könnten das auch zusammen machen“, erzählt Claudia Tissler-Buhr. Seither arbeiten beide zusammen in den Senioreneinrichtungen.

Die Seelsorger Claudia Tissler-Buhr und Pater Fritz Kretz sind auf dem Weg zu den Menschen.
Quelle: Joshua Tress, Südkurier
Schon seit Jahren besucht der Pallottinerpater alte Menschen, denen der Weg zur Messe längst zu beschwerlich geworden ist. Irgendwann kreuzten sich seine Wege mit denen von Claudia Tissler-Buhr, die seit über 20 Jahren ebenfalls in Pflegeheimen unterwegs ist. „Wir haben gedacht, wir könnten das auch zusammen machen“, erzählt Claudia Tissler-Buhr. Seither arbeiten beide zusammen in den Senioreneinrichtungen.

Claudia Tissler-Buhr hält einen Gottesdienst im Blarer-Haus.
Quelle: ARCHIVFOTO: EVA MARIE STEGMANN
„Man merkt, dass die Senioren seelische Nahrung brauchen. Die warten drauf“, sagt Pater Fritz. Diesem Bedürfnis wollen die beiden gerecht werden. „Wir gehen zu den Menschen. Die Kirche hat bei diesen alten Menschen zu sein. Die haben viel für die Kirche getan, egal ob durch ein Ehrenamt oder finanziell“, meint Claudia Tissler-Buhr und fügt hinzu: „Die alten Menschen gehören auch zu unserer Gesellschaft. Wir nehmen sie wahr und sehen sie.“ Wer diese Arbeit machen wolle, benötige vor allem eines: „Man muss Menschen mögen. Sonst funktioniert es nicht.“
Wichtig sei auch, Zeit mitzubringen und ganz für die Menschen da zu sein. „Das merken sie“, weiß Kretz. Die Themen, die den älteren Mitmenschen zu schaffen machen, sind vielfältig. Einige plagt schon der Gedanke, überhaupt ins Heim gezogen zu sein.
Hinzu kommen ungelöste Familiengeschichten, wachsende Einsamkeit und religiöse Angstvorstellungen – oft verknüpft mit dem eigenen Tod, der für manche zum beherrschenden Thema wird, sobald das Ende naht. Dann fragen die Leute nach ihm, berichtet Kretz.
Ein Anruf der Pflegekräfte genügt, und er macht sich auf den Weg. „Ich gebe allen die Krankensalbung. Da frage ich nicht, ob jemand katholisch ist“, erklärt er. Oft sei der Segen der Moment, in dem die Menschen loslassen können. Pater Fritz Kretz erinnert sich an eine Frau, die drei Tage im Sterben lag. Ihre Tochter habe ihn um die Salbung als „Wegzehrung“ gebeten. Als er das Marienlied anstimmte, habe die Frau die Augen geöffnet und sich bedankt. Am Tag darauf sei sie gestorben. Für Fritz Kretz zeigt das: „Die Leute bekommen viel mehr mit, als man denkt.“ Solche Momente sind für ihn „ganz berührend“.
Mit dem Tod endet die Begleitung selten. Häufig melden sich Angehörige und fragen, ob die beiden die Beerdigung übernehmen wollen. „Man ist der Bezugspunkt“, so Kretz. Solchen Bitten kommen sie in der Regel nach – unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit.
„Da, wo wir zusammenkommen, spielen die Konfessionen keine Rolle“ erklärt Kretz. Man nutze zum Teil andere Begriffe, feiere im Kern aber dasselbe. Ganz anders erlebt Claudia Tissler-Buhr ihre Arbeit im Religionsunterricht. „Als Lehrerin ist man in einer ganz anderen Rolle. Das merkt man schon“, erläutert sie. Das Interesse der Kinder falle weniger grundsätzlich aus als jenes der Senioren. Zudem schwinde ihr Wissen über das Christentum immer mehr.
Claudia Tissler-Buhr ist das bewusst: „Der Unterricht will gut vorbereitet sein. Da braucht es viel Methodenwechsel. Man muss immer voll motivieren.“ Dann funktioniere es in der Regel auch, selbst wenn nur eine Minderheit der Klasse getauft sei. In ihrem Unterricht geht es Tissler-Buhr nicht um Belehrung, sondern darum, Neugier zu wecken und Raum für Fragen zu lassen.
„Ich möchte den Kindern keinen Glauben aufschnacken, aber sie sollen sich einbringen und mitmachen.“ Manchen habe der Unterricht so gut gefallen, dass sie sich später von ihr taufen ließen. Denn ein Interesse an den großen Fragen des Lebens komme durchaus auf. „Die haben schon auch große Fragen“, berichtet die Religionslehrerin.
Diese drehen sich vor allem um das Leben nach dem Tod, um Krieg, die Trennung der Eltern oder den Umgang mit Mitschülern. Einige Fragen bleiben allerdings offen. „Wir können nicht erklären, wie alle Dinge in der Welt funktionieren“, stellt sie klar. Und doch zieht sie aus der Arbeit mit den Kindern Kraft: „Die Kinder haben ganz viel Energie. Das baut mich auf. Bei den Senioren geht es eher ruhig zu. Da komme ich auch selbst zur Ruhe.“
Eine nochmals andere Perspektive auf das Leben eröffnet sich Claudia Tissler-Buhr im Zentrum für Psychiatrie Reichenau. In den Gesprächen geht es vornehmlich um Krankheitsbilder, Depressionen, religiöse Angstvorstellungen, Schuld und Beichte, sowie Süchte und Entzugserscheinungen – „eben die Bandbreite des Lebens“, wie Claudia Tissler-Buhr es nennt. Der Gang dorthin sei für die Seelsorgerin ebenso unerlässlich wie jener ins Seniorenheim: „Jesus ist auch – gerade – zu den Menschen gegangen, die am Rande sind. Zudem heilt der Arm oftmals schneller als die Seele.“
Am Ende gehe es, ob im Heim, im Klassenzimmer oder in der Psychiatrie, um dasselbe Grundbedürfnis: „Gehört werden ist von jung bis alt wichtig. Dafür sind wir da“, sagt Pater Fritz Kretz. „Wir wollen aber auch, dass Menschen sich dabei reflektieren“, ergänzt Claudia Tissler-Buhr. Beide sind sich darin einig: „Wir müssen die Herzen der Menschen berühren.“
Ausgleich der Belastung:
Durch die Rolle als Seelsorger kommen Pater Fritz Kretz und Claudia Tissler-Buhr mit fremden Menschen in tiefe Gespräche über deren Probleme und Sorgen – das erfordert einen Ausgleich. Kretz findet ihn im Gespräch mit seinen drei Mitbrüdern in der Wohngemeinschaft, im täglichen Gebet, im Glauben und im Sport. Bei Tissler-Buhr sieht es ähnlich aus: Sie spricht mit ihrem Mann, reitet oder schwimmt und schöpft ebenfalls Kraft aus ihrem Glauben. Dennoch tragen beide eine Last, die sie sich nicht zu nah heranlassen dürfen. Auch sie brauchen das Zuhören, das sie anderen schenken. Außerdem zieht es beide regelmäßig ins Schweigekloster, um selbst zur
Ruhe kommen zu dürfen.
Joshua Trees, Südkurier

