Liebe Gemeinde,
heute machen wir Stabübergabe. Die Stabübergabe beim Staffellauf ist immer ein heikler Moment, eine Situation der Unsicherheit. Der Stab sollte ja nicht fallen.
Predigt zur Stabübergabe von KR Sabine Kast-Streib an Pfrin. Dr. Judith Winkelmann am 01.10.2026 über Psalm 31,9
von Pfrin. Dr. Judith Winkelmann
Den Stab, den Sabine Kast-Streib mir überreicht, nehme ich gerne und laufe damit weiter. Und wie beim richtigen Staffellauf will ich darauf achten, dass dieser Stab nicht fällt. Denn mit ihm verbindet sich eine zentrale Botschaft. Der Psalmbeter sagt: Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Er sagt nicht: Du nimmst mir alle Probleme ab. Er sagt nicht: Du erklärst mir die Zukunft. Und erst recht nicht: Du verschaffst mir Sicherheit. Er sagt: Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Dieser Vers aus dem Klagepsalm klingt für mich bei dieser Stabübergabe seelsorglich. Neben der Zumutung schwingt auch ein großes Zutrauen mit. Und mehr noch. Er beschreibt für mich exemplarisch, was Seelsorge ausmacht.
Der Beter im Klagepsalm erlebt eine Situation der Bedrängnis, Angst, Unsicherheit. Und dann macht er die Erfahrung: Ich stehe nicht mehr in der Enge. Ich kann wieder auftreten, mich bewegen, handeln. Die Welt ist wieder weiter geworden.
Diese Weite ist nicht seine Leistung. Er hat sie nicht hergestellt. Sie wird ihm geschenkt. Er wird hineingestellt. Ein anderer, ein Du, Gott, eröffnet ihm den Raum, den er sich selbst nicht schaffen kann.
Für mich ist das eine der schönsten Beschreibungen von Seelsorge. Menschen in der Seelsorge erzählen häufig von der Enge, die sie erleben. Da ist die Diagnose, die Trauer, die Schuld. Das ist die Einsamkeit, die Verunsicherung oder die Sorge um die Zukunft. Manchmal verengt sich der Blick auf das Leben so sehr, dass nur noch ein einziger Gedanke, eine einzige Angst im Raum ist.
Ich erinnere mich an eine ältere Frau, die ich besucht habe. Sie war traurig darüber, dass die Kinder so weit weg wohnten und sich nicht um sie kümmern konnten. Ein Ausweg war nicht in Sicht. Nach einer Weile der Klage stand sie auf und zeigte mir ihr großes schönes Haus. Jeder Raum war mit viel Liebe gestaltet. Wir durchschritten Raum für Raum. Und mit jedem Schritt veränderte sich etwas an ihr. Ihre Stimme wurde fester. Ihre Mimik hellte sich auf. Der Rücken wurde gerader. Und schließlich sagte sie: „Ich brauche die Räume gar nicht für mich allein. Vielleicht könnte jemand einziehen und mich pflegen, wenn ich mich selbst nicht mehr versorgen kann.“ Nach diesem Gespräch war nicht alles gelöst. Aber etwas hatte sich verändert. Ein neuer Raum war entstanden. Eine Perspektive. Ein Handlungsspielraum. Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Oft geschieht genau das in der Seelsorge. Nicht immer schnell. Nicht immer erfolgreich. Manchmal wird nichts gelöst. Oft bleibt Schweres bestehen. Aber Menschen entdecken wieder einen Raum, in dem sie atmen können. Einen Raum, in dem sie mehr sind als ihre Rolle, ihre Angst, ihr Problem.
Oder etwas abstrakter: Seelsorge hilft Menschen, vom Objekt wieder zum Subjekt ihres Lebens zu werden.
Sinnbildlich erleben wir das in den Kliniken. Dort sind die Patienten eingebunden in einen strengen Ablauf aus Untersuchungen, Medikamenten und Therapien. Vieles geschieht an ihnen. Dann kommt eine Seelsorgerin und fragt: „Wie geht es Ihnen? Was bewegt Sie?“ Plötzlich wird aus dem Patienten wieder ein Mensch mit einer Geschichte. Hartmut Rosa würde sagen: Aus der Konstellation wird eine Situation. Aus dem Objekt wird ein Subjekt. Menschen werden wieder Handelnde, die ihre eigene Geschichte kreieren. Der Lebensraum wird wieder weit.
Den Raum weit machen. Darin sehe ich auch den besonderen Beitrag der Seelsorge für uns als Kirche. Als Kirche erleben wir gegenwärtig eine Zeit tiefgreifender struktureller Veränderungen. Ressourcen werden knapper, Gewissheiten schwinden. Vieles, was lange selbstverständlich war, muss neu gedacht werden.
Das kann Angst machen. Doch ich bin überzeugt: Kirche wird ihre Zukunft nicht dadurch gewinnen, dass sie sich besser organisiert. Sie wird vielmehr ihre Zukunft dort gewinnen, wo sie Räume der Weite öffnet. Wo Menschen erleben, dass sie mit ihren Fragen gehört werden, dass ihre Unterschiedlichkeit selbstverständlich Raum hat, dass sie angenommen sind in ihrem Sosein.
Viele Projekte der Sorgenden Gemeinschaften versinnbildlichen solche Räume. In ihnen erleben sich Menschen nicht als Objekt einer Konsum- und Leistungsgesellschaft, als Opfer von gesellschaftlichen Umbrüchen und globalen Ereignissen, sondern als Handelnde, als Subjekt ihres eigenen Lebens.
Ich glaube, dass solche Räume heute nötiger denn je. Unsere Zeit ist von enormer Beschleunigung geprägt Viele Menschen sind erschöpft. Die Aufmerksamkeit verengt sich. Wir funktionieren. Wir reagieren. Wir optimieren uns selbst immer weiter.
Seelsorge ist ein Gegenentwurf dazu. Sie ist ein Andersraum, zumindest vorübergehend. Ein Raum mit anderen Regeln. Absichtsloser Zuwendung. Geschenkter Zeit. Nicht abrechenbar. Hier wird der Mensch ein anderer. Nicht festgelegt auf das woher, sondern offen für das wohin.
Darum wird Seelsorge auch in Zukunft unverzichtbar sein. Und sie wird sich verändern. Neue Fragen treten auf. Die Digitalisierung verändert unser Leben. Künstliche Intelligenz, Compassion AI sind aktuelle Themen der Seelsorge.
Aber die entscheidenden Fragen bleiben dieselben:
Was geschieht mit dem Menschen?
Wird sein Raum enger oder weiter?
Wird er Objekt oder bleibt er Subjekt?
Wird er Objekt oder bleibt er Subjekt?
Seelsorge, die sich diesen Fragen widmet, ist nicht nur eine Aufgabe einzelner. Dort, wo diese Fragen relevant werden, lässt sich der Windhauch des Geistes Gottes spüren. Wird erlebbar, welche Haltung uns Kirche ausmacht und wovon wir in der Welt Zeugnis ablegen wollen.
Wir sind hineingestellt in einen weiten Raum, willkommen um unserer selbst willen. Weil wir mehr sind als das, was wir voneinander wahrnehmen. Weil unsere Seele unverfügbar ist. Dazu will ich meinen Teil beitragen, so gut ich es kann. Dazu stellt Gott uns miteinander in diesen weiten Raum. Amen.
