Seelsorge im Ehrenamt – Nicht nur ein persönlicher Schatz:

Abschiedsgedanken von Jürgen Fobel

Jürgen Fobel vor einem Baum
Es begann auf meiner ersten Gemeindepfarrstelle. Zwei KSA-Kurse in den Jahren zuvor hatten mein Herz bereits sehr für die Seelsorge eingenommen. In Königsfeld war ich mitverantwortlich für das Christoph-Blumhardt-Haus, ein gemeindeeigenes Alten- und Pflegeheim. Dort gab es eine Reihe engagierter Ehrenamtlicher, die mir von ihren Erfahrungen erzählten und v.a. von den Grenzen, an die sie regelmäßig stießen. Daraufhin machte ich mich auf die Suche nach Erfahrungen in der Ausbildung und Begleitung Ehrenamtlicher in der Seelsorge.
In Bayern und Hessen wurde ich fündig und begann auf der Grundlage des Materials, das ich dort gefunden hatte, Ehrenamtliche für ihre Arbeit im Christoph-Blumhardt-Haus auszubilden und sie in dieser Arbeit regelmäßig zu begleiten. Das war 1998.
Damals ahnte ich noch nicht, dass diese Arbeit mal ein wesentlicher Kern meiner gesamten Berufstätigkeit und meiner Identität als Pfarrer werden würde. Was ich aber bereits bei diesen ersten Ansätzen sehr deutlich wahrnahm: Wie begeistert die Ehrenamtlichen dieses Angebot aufnahmen und wie sehr sie dies für ihre Tätigkeit motivierte. Schnell bildete sich eine verschworene Gemeinschaft Ehrenamtlicher, die in dieser Arbeit aufging und deren persönliche Beziehungen zueinander eine andere Qualität bekam. Staunend nahm ich wahr, wie sehr sich die Kultur des Hauses durch das regelmäßige und verlässliche Engagement der Ehrenamtlichen zu verändern begann und wie sehr ihr Wirken und das, was sie dabei über gute und gelingende Kommunikation gelernt haben, auch die Kultur in der Gemeinde insgesamt positiv beeinflusste.
Auf meinem eigenen Seelsorge-Lernweg, der 1993/94 mit einem ersten KSA-Kurs begonnen hatte, war zuvor schon meine Überzeugung gereift, dass ohne eine lebendige Seelsorge-Kultur Kirche und Gemeinde weder zu denken noch glaubwürdig Gestalt annehmen könnten. Mit dieser Seelsorgekultur habe ich dabei nie irgendeine Form paternalistischer Zuwendung zu den Bedürftigen verbunden. Vielmehr verbinde ich mit Seelsorge seit damals die lebendige Begegnung von Menschen in einem von Vertrauen geprägten Raum unter dem Vorzeichen christlichen Glaubens. In meiner eigenen Seelsorgeausbildung habe ich freilich mitunter durchaus schmerzhaft erfahren, dass dafür die gute Absicht nicht ausreicht. Ohne eine einigermaßen fundierte Ausbildung und v.a. ohne Mindestanteile qualifizierter Selbsterfahrung, am besten getragen von einer vertrauensvollen Gruppe, bleibt Seelsorge meist ein hehrer, schlimmstenfalls dogmatischer Anspruch, hinter dem die Realität weit zurückbleibt.
Mit diesen Grunderfahrungen und -überzeugungen im Gepäck begann ich 2009 im neu gegründeten Zentrum für Seelsorge mit dem Aufgabenschwerpunkt „Qualifikation und Fortbildung Ehrenamtlicher in Südbaden“. Die enge Zusammenarbeit mit Evelyn Drechsel, den Pioniergeist eines engagierten Teams, die breit gefächerte Expertise meiner Kolleg*innen habe ich dabei als unschätzbare Geschenke erlebt.
In ungefähr gut 30 Kursen werden es seither fast 500 Menschen gewesen sein, die an den Kursen in Südbaden teilgenommen haben, geleitet gemeinsam mit tollen Kolleg*innen, die diese enorme Arbeit meistens zusätzlich zu ihrem Deputat geleistet haben. Hinzu kommen ähnlich viele in Nordbaden. Kursabbrecher*innen gab es so gut wie keine.
Viele der Absolvent*innen haben sich in die kirchliche Seelsorge eingebracht und tun es noch: In Heimen, Kliniken, Gemeinden und etlichen neuen Projekten. Dennoch bleibt vieles zu tun: Die Akzeptanz unter den Kolleg*innen für die Ehrenamtlichen in der Seelsorge darf hier und da ebenso weiterwachsen wie die Bereitschaft zu guter und verlässlicher Begleitung. Auch weitergehende Fortbildungsmöglichkeiten werden nötig sein, und das Verständnis von Seelsorge wird Schritt halten müssen mit der rasanten Entwicklung human- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse. Mein Nachfolger wird diese und andere Aufgaben noch stärker in den Blick nehmen als ich, denn in seinem Stellenprofil kommen die operative Kursarbeit und die strategische Arbeit im EOK an der Entwicklung dieses Arbeitsfeldes zusammen.
Am Ende meines beruflichen Weges kann ich sagen: Die Form und manche Inhalte und Perspektiven der Seelsorgeausbildung besonders der Ehrenamtlichen haben sich verändert und entwickeln sich ausgesprochen dynamisch. Gleichgeblieben und eher noch stärker geworden ist allerdings meine Überzeugung, dass unsere Kirche nicht nur die immer schon lebendige ehrenamtliche Mitarbeit braucht, sondern ganz besonders möglichst viele Menschen, die mit ihrem Wirken und Können zu einer seelsorglich getönten Kultur des Miteinanders an den verschiedenen kirchlichen Orten beitragen. Denn es macht einen großen Unterschied, wenn Menschen sich im Raum von Kirche und im Kontext unseres Glaubens wahrgenommen und gesehen fühlen mit dem, was sie in ihrem Alltag - wie leicht oder schwer auch immer - bewegt.
Mir persönlich bleibt ein weites Herz voller Dankbarkeit für die vielen lebendigen und berührenden Begegnungen mit zahllosen hochmotivierten Menschen und für eine Arbeit, von der ich selbst unendlich profitiert habe bis zuletzt.
Jürgen Fobel