Miteinander unterwegs in der Seelsorge
Ein persönlicher Rückblick nach 17 Jahren
Wenn ich auf die vergangenen siebzehn Jahre in der Leitung der Seelsorge zurückblicke, auch auf meinen Dienst als Pfarrerin zu Beginn meines Ruhestands, wird mir bewusst, wie vielfältig die Menschen, Begegnungen und Entwicklungen waren, die diese Zeit geprägt haben.

Seelsorge ist ein dynamisches Feld, das sich stetig weiterentwickelt. Ein solcher Rückblick kann daher nur fragmentarisch sein. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern beschreibt in loser Folge exemplarische Beobachtungen und Erfahrungen.
Dabei zeigt sich ein vielschichtiges Bild: Seelsorge ist gemeinschaftlicher geworden. Neben dem klassischen Seelsorgegespräch rücken sorgende Gemeinschaften, Nachbarschaften und Sozialräume in den Blick. Ehrenamtliche übernehmen dabei zunehmend Verantwortung und gestalten eine Kirche und Gesellschaft mit, in der viele füreinander Sorge tragen. Zugleich zeigt sich: Das persönliche Gespräch im geschützten Raum bleibt das Herzstück der Seelsorge. Das Seelsorgegeheimnis und das rechtlich geschützte Vier-Augen-Setting verleihen ihm eine besondere Qualität und Bedeutung, gerade auch in den Feldern der Spezialseelsorge.
Neue Aufmerksamkeit hat die Gemeindeseelsorge erfahren: als eigenständiges und anspruchsvolles Praxisfeld mit eigenen Kompetenzen und Qualifizierungsbedarfen und kontextspezifischen Settings. Das betrifft Seelsorgegespräche unter vier Augen ebenso wie die Begegnungen im Alltag: bei Besuchen, in Gruppen, in Kasualien, im Gottesdienst oder „zwischen Tür und Angel“, wobei die Themen nicht selten auch schwer sein können. Seelsorge ist auch eine Querschnittsdimension gemeindlicher Arbeit: in Predigt, Liturgie und Unterricht ebenso wie in Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Überall geht es darum, eine seelsorgliche Haltung einzuüben und Menschen mit ihren Fragen, Hoffnungen und Erfahrungen wahrzunehmen.
Seelsorge ist darüber hinaus interdisziplinärer geworden. Die Zusammenarbeit mit Pflege, Medizin, Psychologie, Sozialarbeit, Pädagogik und weiteren Professionen prägt viele Arbeitsfelder, insbesondere der Spezialseelsorge. Themen wie Spiritual Care, Traumasensibilität, Diversität, Interreligiosität und kultursensible Begleitung gehören inzwischen selbstverständlicher zur seelsorglichen Praxis und Ausbildung.
Zudem hat die Auseinandersetzung mit Macht, Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt die Praxis und das Lernen von Seelsorge in den vergangenen Jahren nachhaltig verändert, so durch die Impulse der FORUM-Studie und anderer Aufarbeitungsprozesse. Deutlicher ins Bewusstsein gerückt ist, dass Seelsorge in asymmetrischen Beziehungen geschieht und Seelsorgende deshalb eine besondere Verantwortung für die ihnen anvertrauten Menschen tragen. Die Herausforderungen einer machtsensiblen Seelsorge finden Eingang in Aus- und Fortbildungen, Schutzkonzepte und die Beforschung und Reflexion seelsorglicher Praxis. Im Sinne der Fürsorge gehört dazu auch die Frage, wie Seelsorgende sich selbst vor Grenzverletzungen schützen können. Gleichzeitig stellen sich weitere
Herausforderungen: Wie begleiten wir Menschen sensibel, die Gewalt oder Missbrauch erfahren haben? Und wie können auch Menschen begleitet werden, die Schuld auf sich geladen haben, ohne dabei die Perspektive und den Schutz der Betroffenen aus dem Blick zu verlieren?
Auch die Digitalisierung hat Seelsorge und Seelsorgelernen nachhaltig verändert. Die Corona-Pandemie hat hier als Katalysator gewirkt. Von der Telefon- und Chatseelsorge bis hin zu den rasant wachsenden Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz entstehen neue Formen der Begleitung und der Ausbildung, aber auch neue Fragen nach Beziehung, Präsenz, Seelsorgeverständnis und Menschenbild.
Viele Entwicklungen lassen sich unter einem Stichwort zusammenfassen: Integrative Seelsorge. Sie prägt die Arbeit des Zentrums für Seelsorge (ZfS) seit seinen Anfängen und schon davor die pastoralpsychologische Fortbildung in Baden. Unterschiedliche pastoralpsychologische Ansätze, wissenschaftliche und praktische Perspektiven werden für die Praxis fruchtbar gemacht. Die darin liegende Multiperspektivität fördert Offenheit, Beweglichkeit und die Fähigkeit, mit der Vielfalt seelsorglicher Situationen umzugehen. Auch in den kirchlichen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen erweist sich dieser Ansatz als hilfreich, weil er unterschiedliche Wahrnehmungen und Erfahrungen ernst nimmt, ohne den gemeinsamen Auftrag aus dem Blick zu verlieren.
Bemerkenswert erscheint mir, dass Fragen nach den theologischen und geistlichen Grundlagen der Seelsorge wieder neu an Bedeutung gewonnen haben. Was ist das spezifische Profil der christlichen Seelsorge? Was unterscheidet sie von der Psychotherapie? Wo und wie scheint Gottes vielfältige Gegenwart in seelsorglichen Begegnungen auf? Und welche Menschen- und Gottesbilder prägen Haltung und Handeln der Seelsorgenden?
Seelsorge und Seelsorgelernen ist vielfältiger, professioneller, digitaler und vernetzter geworden. Neue Orte, Zielgruppen, Themen und Formate sind in den Blick gekommen Exemplarisch genannt seien auch die Seelsorge mit Kindern und Jugendlichen oder die queer- und diversitätssensiblen Seelsorge, wie auch die Begleitung individueller wie kollektiver Trauererfahrungen. Die Herausforderung wird darin bestehen, die Vielfalt produktiv zusammenzuhalten und weiterzuentwickeln - und immer wieder auf ihren Kern zu beziehen: auf die Begegnung zwischen Menschen und Gott, und auf die Sorge füreinander.
Zum Rückblick gehört der Dank an die vielen Menschen, die die Arbeit mit Kompetenz, Engagement und Herzblut gestalten. Mein besonderer Dank gilt den Haupt- und Ehrenamtlichen, die sich in Seelsorge und Besuchsdiensten engagieren. In Gemeinden und Kooperationsräumen, Krankenhäusern, Kinderkliniken, Psychiatrien und Hospizen, in Altenheimen, in Gefängnissen, Schulen und Hochschulen, bei Polizei und Justiz, in der Telefon- und Notfallseelsorge, in der Urlauberseelsorge, im Europa-Park und an vielen weiteren Orten.
Seelsorge und Seelsorgeausbildung lebt auch von verlässlichen Partnerschaften, die sie tragen und weiterentwickeln. Kooperationen in Wissenschaft, Ökumene, Diakonie, Gesundheitswesen, Politik und Zivilgesellschaft stärken die Relevanz von Kirche an den Schnittstellen gesellschaftlichen Lebens.
Danken möchte ich auch allen, die das ZfS vorbereitet, aufgebaut und geprägt haben: den damaligen Verantwortlichen für die Pastoralpsychologie, für die Theologische Ausbildung und für die Seelsorge im Evangelischen Oberkirchenrat. Prof. Dr. Wolfgang Drechsel als erstem wissenschaftlichem Direktor und Prof. Dr. Annette Haußmann als heutiger wissenschaftlicher Direktorin. Den Kolleg*innen in der Abteilung mit Zentrum für Seelsorge. Die einzigartige Verbindung von Forschung, Ausbildung und Praxis gehört zur besonderen Qualität des badischen ZfS. Forschung stärkt die Fachlichkeit und hält Seelsorge(ausbildung) wesentlich am „Puls der Zeit.“ Dies spiegelt sich auch im Engagement des Beirats. Was in den vergangenen Jahren gewachsen ist, verdankt sich der Kompetenz, Kreativität und Engagement vieler. Dass ich diese Arbeit leitend mitverantworten durfte, empfinde ich als Geschenk.
Nicht zuletzt danke ich unserer badischen Landeskirche. Sie hat der Seelsorge Gestaltungsspielräume und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet und sie auf „weiten Raum“ gestellt. Und der Weg geht weiter: Mit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg entwickeln wir in Heidelberg ein gemeinsames Zentrum, das 2028 an den Start geht. Die vertrauensvolle und inspirierende Zusammenarbeit zeigt, wie viel möglich wird, wenn Kräfte gebündelt und Zukunft gemeinsam gestaltet wird.
Allen, die die Seelsorge weitertragen, ganz besonders meiner Nachfolgerin Dr. Judith Winkelmann, wünsche ich Gottes Segen, weiten Raum für ihre vielen Kompetenzen und Weggefährt*innen an der Seite, mit denen sie gemeinsam Seelsorge gestalten und weiterentwickeln kann.
07.10.2026
Kirchenrätin Sabine Kast-Streib
Leiterin der Abteilung Seelsorge im Evangelischen Oberkirchenrat Geschäftsführende Direktorin des Zentrums für Seelsorge in Heidelberg
