Gottesdienst zum Stabwechsel in der Leitung der Seelsorge der Evangelischen Landeskirche in Baden

Abschiedspredigt zur Stabübergabe von Pfrin. Sabine Kast-Streib

Abschiedspredigt von Kirchenrätin Sabine Kast-Streib zu Psalm 31,9b
Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Es gilt das gesprochene Wort.
 
Liebe Geschwister,
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Weiter Raum: Woran denken Sie? Ans Meer? An die Berge?
Ich denke an unseren Urlaub im Saarland. An den Blick von der Cloef auf die Saarschleife. Und an die Himmelsliege auf unserer Terrasse, mit dem weiten Blick über das bewaldete frühere Zechengebiet. Das tat gut - in dieser Zeit des Übergangs, die mich umtreibt. Zwischen Abschied und Vorfreude, zwischen Loslassen – von liebgewordenen Menschen, Beziehungen, Aufgaben. Zwischen Unerledigtem und dem Ausblick auf das, was kommt.

Pfrin Sabine Kast-Streib steht zusammen mit Pfrin. Judith Winkelmann vor dem Altar. Zwischen Ihnen der Stab den beide am jeweils anderen Ende festhalten.
Liebe Geschwister,
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“
Weiter Raum: Woran denken Sie? Ans Meer? An die Berge?
Ich denke an unseren Urlaub im Saarland. An den Blick von der Cloef auf die Saarschleife. Und an die Himmelsliege auf unserer Terrasse, mit dem weiten Blick über das bewaldete frühere Zechengebiet. Das tat gut - in dieser Zeit des Übergangs, die mich umtreibt. Zwischen Abschied und Vorfreude, zwischen Loslassen – von liebgewordenen Menschen, Beziehungen, Aufgaben. Zwischen Unerledigtem und dem Ausblick auf das, was kommt.
 
Mitten hinein klingt der Psalmvers: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum."
Im Hebräischen steht hier die Wortwurzel rachab.
 
Sie bedeutet: Raum schaffen, Bedrängnis lösen, Zuversicht schenken.
 
Da schwingt die befreiende Erfahrung des Volkes Israel mit: Gott führt aus der Bedrängnis in die Weite. Aus Ägypten nach Kanaan, ins gelobte Land. Das Gefühl, freien Himmel um sich zu haben, Luft zum Atmen und festen Boden unter den Füßen. In der Seelsorge suchen wir mit Menschen nach Spuren dieser Weite. Nicht, weil wir das Enge einfach auflösen könnten. Nicht, weil wir ein bestimmtes Ziel erreichen müssten. Sondern indem wir der Weite Raum geben: im zuhören, schweigen, reden, beten, aushalten. Manchmal erzählt jemand hinterher: „Die Seelsorge hat mir Kraft gegeben, meine Krankheit besser zu tragen.“ Eine andere sagt: „Bisher habe ich mich noch nie jemandem so anvertraut. Das war befreiend.“ 
 
Viele Menschen begegnen Kirche nicht zuerst als Institution, sondern in persönlichen Begegnungen und Beziehungen. Dort, wo sie sich gesehen fühlen. Wo jemand zuhört. Wo ihre Geschichte Raum bekommt. Daraus kann mehr entstehen: Sichere Räume, wo ich etwas von mir zeigen kann, weil ich weiß, es ist gut aufgehoben und vom Seelsorgegeheimnis geschützt. Safe Places. Und auch gemeinschaftliche Räume können sich entwickeln, wo Menschen Sorge füreinander tragen. Unser gemeinsames Projekt von Seelsorge und Diakonie „Sorgende Gemeinde werden“ ist dafür ein schönes Beispiel. Gemeinsam mit anderen Akteuren im Sozialraum sind über 70 Orte entstanden, die Verständigung und Zusammenhalt stärken, und die Arbeit geht weiter. Weite Räume, die unsere Gesellschaft und Demokratie heute dringend brauchen.
 
Noch etwas anderes schwingt für mich mit in Gottes weitem Raum: Die jüdische wie christliche Hoffnung, dass sich etwas ändern kann. Dass Gott uns Zukunft öffnet. Jürgen Moltmanns Theologie der Hoffnung hat mich als Studentin in Tübingen sehr geprägt. Hoffnung heißt für ihn: Wer auf Gottes Zukunft vertraut, kann sich mit den Verhältnissen, wie sie sind, nicht abfinden. Hoffnung widerspricht dem, was Menschen klein macht und gefangen hält. Ich höre diese Hoffnung im Lied der Gefängnisseelsorge: „Es wird ein Leben ohne Mauern geben." Und ich höre sie in einem Lied, das wir auf den Jahrestagungen der Klinikseelsorge gesungen haben: „Um Heilung, um Ganzsein, um Zukunft bitten wir."
 
Solche Hoffnung hört nicht beim Singen auf.  Sie handelt. Sie schaut hin. Sie hört zu. Sie bleibt an der Seite von Menschen, gerade wenn es eng wird. Wenn ich auf die Haupt- und Ehrenamtlichen schaue, die wir in der Abteilung mit Zentrum für Seelsorge begleiten durften, erfüllt mich das mit Respekt und Dankbarkeit. Und immer neu mit Staunen über die Fülle und Vielfalt dessen, was Seelsorge heute ist. Über Seelsorger*innen, die mit Verlässlichkeit, Fachlichkeit und Herzblut für andere da sind. Manche rund um die Uhr, wie in der Telefon-, Notfall- oder Klinikseelsorge. In Gemeinden und Kooperationsräumen. An so vielen Orten. Sie begleiten in Freude und Leid, in Krisen, Konflikten und Grenzsituationen, und im ganz normalen Alltag. Sie geben einer seelsorglichen Kirche ihr Gesicht. Und sie zeigen, wie gefragt Kirche dort ist, wo sie an den Schnittstellen zu Staat und Gesellschaft für Menschen da ist, wie auch in Schulen, bei der Polizei oder in den Gefängnissen.
 
Keine Frage: Seelsorge gehört zum Herzschlag der Kirche. Ihre Kernkompetenz ist – frei nach dem Heidelberger Katechismus - das Leben und das Sterben und das „Darüber hinaus“:  Denn in Gottes weitem Raum bleiben wir verbunden mit denen, die vor uns waren, und die nach uns kommen.
 
Dabei trägt uns die Hoffnung unseres Glaubens: Gott lässt sich auf uns ein, wird Mensch, wird menschlich. In Jesus Christus kommt er in die Enge und Weite unseres Lebens. Er kennt Freude und Gemeinschaft, Angst und Einsamkeit, Schmerzen und Tod. Doch Gottes Geschichte mit ihm und mit uns endet nicht dort. Sie reicht weiter als Leiden, Scheitern und Tod.
 
Darum sieht Gott mehr als vor Augen ist. Er sieht Möglichkeiten, wo wir nur Enden sehen. Der Blick auf Menschen weitet sich: Im Krankenhaus ist ein Mensch mehr als seine Diagnose, im Gefängnis mehr als seine Tat, in der Schule mehr als seine Noten. Und auf Instagram und Co mehr als die Likes oder Shitstorms. In Gottes Augen bleiben wir Menschen mit unverlierbarer Würde. Geliebte Kinder Gottes. In dieser Haltung einander begegnen, das üben wir in der Praxis und in den Seelsorgekursen, gleich ob KSA, systemisch oder tiefenpsychologisch fundiert.
 
Dankbar bin ich, dass unsere Landeskirche dafür weiten Raum ermöglicht, Menschen ausbildet, sendet und stärkt. In dieser Weiträumigkeit habe auch ich meinen Platz gefunden. Dass ich ihn gemeinsam mit anderen gestalten und leiten durfte, ist und bleibt ein Geschenk für mich.
 
Euch und Ihnen, die ihr im Referat Diakonie und Seelsorge und an vielen Orten die Arbeit lebendig haltet, wünsche ich, dass Gestaltungsspielräume bleiben, auch wo Ressourcen enger werden. Dazu Ideen und Mut, immer wieder neu aufzubrechen. Denn Seelsorge geht weiter: analog, digital und interdisziplinär. Und dazu das Vertrauen, dass Gottes Geist auch dort wirkt, wo unsere Möglichkeiten enden. Dir, liebe Judith, wünsche ich, dass Deine Füße ihre eigenen Spuren setzen, begleitet von engagierten Weggefährt*innen und von Gott.
Zurück ins Saarland: Von dort ist die französische Stadt Metz nicht weit. Sie hat eine beeindruckende gotische Kathedrale: hohe Säulen, bunt leuchtende Fenster, Licht von oben, das Muster auf den Boden malt.
 
Mir hat gefallen, wie dieser Raum Erde und Himmel zusammenhält: mit beiden Füßen auf dem Boden und zugleich weit nach oben ausgerichtet. Für mich ein Bild für Glaube und Seelsorge, für Diakonie und Kirche.
 
Und auch für den Weg, der vor mir liegt.
 
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Der endet nicht an den Grenzen eines Berufslebens. Er bleibt.
 
„Guck emol!“, sagt meine kleine Enkelin Emilie, wenn sie etwas Besonderes entdeckt hat. Wer weiß, wo ich, wo wir, noch überall „gucke“ werden. Was uns noch begegnet. Wen wir noch treffen. Worüber wir noch staunen.
 
Ich wünsche Ihnen und mir, dass da noch vieles kommt. Und dass wir dabei immer wieder neu Gottes weiten Raum entdecken. Amen
 
Sabine Kast-Streib
Leiterin der Abteilung Seelsorge im Evangelischen Oberkirchenrat
Geschäftsführende Direktorin des Zentrums für Seelsorge
Ständige Stellvertretung der Referatsleitung Diakonie und Seelsorge