4. Seelsorge lernen
4. Seelsorge lernen
Um in der Landeskirche verantwortete Seelsorge zu betreiben, bedarf es einer christlichen Grundhaltung und Grundkompetenz. Aus dem Glauben, selber von Gott geliebt zu sein, erwächst die Haltung, auch im Gegenüber einen von Gott geliebten Menschen zu sehen, in dem sich das Antlitz Gottes spiegelt. Die seelsorgliche Grundkompetenz besteht darin, dieser Haltung auf einer zwischenmenschlich-kommunikativen Ebene Ausdruck zu verleihen. Dies geschieht durch Wahrnehmen, Anerkennen und Würdigen des Gegenübers als eines eigenständigen Menschen in seinem Anderssein. Dies gilt unabhängig davon, ob mein Gegenüber ein konkretes Problem hat oder ob es ihm gut geht. Das Anderssein des Anderen zu würdigen heißt, die eigenen Vorstellungen vom Gegenüber in Frage stellen zu lassen. Und Würdigung heißt umgekehrt nicht nur empathisch bestätigend zu sein, Würdigung kann auch in kritischer Anerkennung und Zumutung zum Ausdruck kommen. Die Arbeit des ZfS hat zum Ziel diese Haltung und diese Grundkompetenz zu fördern.
Pastoralpsychologisch verantwortete Seelsorge geschieht in Begegnung und Beziehung. Sie ermutigt, Gaben und Stärken der Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen fruchtbar werden zu lassen. Sie weiß etwas über das Fragmentarische menschlichen Lebens und seine Verletzbarkeit. Sie achtet eigene Grenzen und die Grenzen Anderer. Durch Erzählen und Aussprechen, durch Zuhören und Einfühlen, durch Unterstützen und Konfrontieren, durch Trösten und das Zusprechen der Vergebung eröffnet Seelsorge neue Erfahrungen, Verhaltensmöglichkeiten und Lebenshaltungen. Da die Person des Seelsorgers/der Seelsorgerin das „Hauptwerkzeug“ der Seelsorge ist, ist Selbsterfahrung für das Seelsorgelernen unabdingbar. Die Fortbildungen des ZfS fördern daher die Selbstwahrnehmung und das Einholen von Fremdwahrnehmung, die Introspektionsfähigkeit, den Umgang mit dem eigenen Denken, Fühlen und Handeln, die Beschäftigung mit der eigenen Biographie und die Verarbeitung eigener Leiderfahrungen, damit Seelsorgerinnen und Seelsorger selbst-bewusste Gegenüber sein können für Menschen, die ihnen in der Seelsorge begegnen.
Die Reflexion der eigenen beruflichen oder ehrenamtlichen Rolle und die Einübung in die Gestaltung der seelsorglichen Beziehung gehört ebenso zu den Lernaufgaben. Einerseits sind Seelsorgerinnen und Seelsorger ausgebildet, sie haben viele persönliche und seelsorgliche Kompetenzen entwickelt und sind nicht in die Probleme ihrer Gegenüber verwickelt. Zudem werden sie mitunter als Repräsentant der Institution Kirche (und Gottes?) wahrgenommen, wodurch ein Gefälle in der Seelsorgebeziehung entstehen kann. Andererseits gelten sie vor Gott nicht mehr oder weniger als ihre Gegenüber. Alles, was den Seelsorgerinnen und Seelsorgern bei den sie aufsuchenden Menschen begegnet, könnte ihnen auch selbst widerfahren oder ist ihnen vielleicht schon selbst widerfahren. Sich hier weder unreflektiert einfach anstecken und von den Gefühlen des Gegenübers überwältigen zu lassen noch sich zu distanzieren und mit dem pharisäischen Missverständnis „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute“(Luk 18,11) gegen den Seelsorge Suchenden abzugrenzen, bedarf der Übung und der kontinuierlichen Reflexion und Begleitung. Die differenzierte Wahrnehmung der verschiedenen Arbeitsfelder der Seelsorge ist für eine gute Seelsorge ebenso wichtig. Seelsorge findet nicht unabhängig von den äußeren Bedingungen statt. Am Krankenbett bedarf es anderer Formen der Seelsorge als am Unfallort. Bei Geburtstagsbesuchen sind andere seelsorgliche Kompetenzen gefragt als bei einem Sterbenden. Seelsorge mit dementen Menschen sieht anders aus als z.B. mit Taufeltern. Neben der Kontext- und Feldkompetenz kann noch weiteres theoretisches Wissen in der Seelsorge nützlich sein, wie z.B. gesellschaftspolitische und soziologische Kenntnisse oder Informationen über verschiedene Religionen, Kulturen und Milieus. Seelsorgerinnen und Seelsorger brauchen „Feldkompetenz“ und „Weltkompetenz“.
Zum Seelsorgelernen gehört auch das Üben und Einüben verschiedener Methoden, insbesondere Methoden der Gesprächsführung, des Umgangs mit nonverbaler Kommunikation, hermeneutische Kompetenz und die Fähigkeit, gemeinsam mit dem Gegenüber Deutungsmöglichkeiten und Perspektiven zu entwickeln. Ebenso gehört dazu die Fähigkeit, christliches Traditionsgut und christliche Rituale zu gestalten und zu gebrauchen. Zum Üben gehört die regelmäßige Reflexion der eigenen Praxis, deshalb ist Supervision ein wichtiger Bestandteil des Seelsorgelernens. Supervision ist ein Ort, an dem der Seelsorger/die Seelsorgerin herausfinden kann, welche Auswirkungen ihre Haltungen und Interventionen haben können. Dort kann die Qualität der seelsorglichen Beziehung unter verschiedenen Perspektiven betrachtet und ausgewertet werden. Leitende Fragen dabei können sein: Wie gestaltet sich die Seelsorgebeziehung? Lässt sich erkennen, dass der/die Andere durch den seelsorgerlichen Kontakt neue Zugänge zum eigenen Wahrnehmen, Erleben und Handeln gewinnt? Gelingt es, Erfahrungen von Hilflosigkeit, Nichtwissen und Verwirrung in Grenzen mitzutragen oder durch Gebet und Ritual einen Halt zu geben? Werden die Problemlösungsfähigkeiten des Gegenübers ermutigt und bestärkt? Werden seine Ressourcen wahrgenommen?
Schließlich ist auch die eigene Seelsorgeerfahrung bei einem Seelsorger oder einer Seelsorgerin (hier „Lehrseelsorge“ genannt) Bestandteil des Seelsorgelernens. Zur Nachahmung oder zur Abgrenzung, auf jeden Fall aber um als Seelsorgerin und Seelsorger am eigenen Leib erfahren zu haben, was es heißt, die Perspektive zu wechseln und selbst Seelsorge in Anspruch zu nehmen.
Seelsorgelernen findet außer durch Erfahrungen in der Praxis und durch Einzelsupervision als Lernen in der Gruppe statt. Die Selbsterfahrung geschieht als Teil und im Gegenüber zur Gruppe und diese bietet den Raum für das Einüben von Haltung und Methoden. Fortbildungen, die länger als einen Tag dauern und in geschlossenen Gruppen stattfinden, werden von zwei Leitungspersonen geleitet, falls möglich von einem Mann und einer Frau. Die Angebote des ZfS enthalten in unterschiedlicher Schwerpunktsetzung konstitutiv Anteile der oben aufgezählten Lernverfahren: Eigene Praxis, Supervision, Selbsterfahrung, Theorie und Lehrseelsorge.
Das Zentrum für Seelsorge orientiert sich am gegenwärtigen Stand des Verständnisses von Seelsorge und der pastoralpsychologischen Hermeneutik und Erkenntnis. Im Team des Zentrums repräsentieren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rahmen ihres integrativen Gesamtkonzeptes die pastoralpsychologischen Konzepte von Tiefenpsychologie, Klinischer Seelsorgeausbildung und Systemisch orientierter Seelsorge. Die Kurse und Curricula berücksichtigen den Stand der aktuellen pastoralpsychologischen Diskussion und die Standards der Sektionen T, KSA und GOS der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie (DGfP).
