Im Herbst 2020 hat die Landessynode Ressourcenkürzungen um 30 % und ein halbes Jahr später mit den Eckdaten zum Haushaltsplan auch einen Stellenabbau um 30 % beschlossen. Wie das zu bewältigen ist, das soll thematischer Schwerpunkt der Januarausgabe sein. An dieser Stelle will ich hinterfragen, warum diese Entscheidung so getroffen worden ist. Liest man darüber in landeskirchlichen Verlautbarungen, dann ist die Sache klar: „Der Rückgang der Mitgliederzahlen und der damit einhergehende Verlust an Kirchensteuereinnahmen verlangt einen deutlichen Sparkurs auf allen Ebenen unserer Landeskirche.“[1] Mein Eindruck: Diese Erzählung ist nicht die ganze Wahrheit. Ich will das mit einem bildhaften Vergleich erläutern; zunächst die offizielle Erzählung, die ich Pleitegeier-Erzählung nenne:
Es war einmal eine Großbäckerei. Sie war für ihr gutes und nahrhaftes Brot bekannt, und so florierte das Unternehmen jahrzehntelang. Im Lauf der Zeit aber wurden die Kunden weniger; insbesondere die jüngere Kundschaft verlor das Interesse an den Backwaren. Die Geschäftsführung versuchte auf vielerlei Weise, diesen Trend zu stoppen, ohne dabei wirkliche Erfolge erzielen zu können. Irgendwann beschloss dann die Geschäftsführung: Wir strukturieren unser Unternehmen um. Wir nehmen die Umsatzrückgänge der Jahre 2013-2017 und rechnen sie bis 2060 hoch. Unsere Umsatzziele passen wir den Ergebnissen dieser Prognose an. Und dann passen wir unsere Filialen und die Zahl der MitarbeiterInnen an die veränderten Umsatzziele an.
Das etwa ist die Erzählung, die uns seit dem Sommer 2019 (dem Erscheinungstermin der Studie „Kirche im Umbruch“[2], auch Projektion 2060 genannt) permanent erzählt wird – so oft, dass sie inzwischen wahr zu sein scheint. Das Problem: Diese Erzählung ist zwar nicht völlig ohne Plausibilität – sonst würde sie nicht funktionieren – aber es gibt eine weitere Erzählung, die ich für erheblich plausibler halte. Ich nenne sie die Personalnot-Erzählung. Auch hier der bildhafte Vergleich:
Es war einmal eine Großbäckerei. Sie war für ihr gutes und nahrhaftes Brot bekannt, und so florierte das Unternehmen jahrzehntelang. Diese Großbäckerei hatte in den 1980er und 90er Jahren viele MitarbeiterInnen aus den sogenannten geburtenstarken Jahrgängen eingestellt, danach aber nur noch sehr wenige. Und das wurde nun zum Problem: Die geburtenstarken Jahrgänge – deutlich mehr als die Hälfte aller MitarbeiterInnen – kamen nun ins Ruhestandsalter. Händeringend suchte die Geschäftsführung neue MitarbeiterInnen. Als deutlich wurde, dass es nicht gelingen würde, die erforderliche Zahl zu finden, musste sich die Geschäftsführung etwas anderes einfallen lassen. Und so wurde die Zahl der Filialen gekürzt, um wenigstens die verbleibenden Filialen noch mit Personal versorgen zu können. Dass dabei weitere Kunden verlorengehen würden, war der Geschäftsführung bewusst.
Im Ergebnis kommt in beiden Erzählungen das Gleiche heraus – es werden Stellen gekürzt. Unterschiedlich sind aber die Motive und die Konsequenzen der beiden Erzählungen. Bevor ich auf die Konsequenzen eingehe, möchte ich jedoch erwägen, wie einleuchtend die beiden Erzählungen sind:
- Die Pleitegeier-Erzählung knüpft an Tatsachen über die Altersstruktur unserer Landeskirche an, die sich nicht bestreiten lassen: Die geburtenstarken Jahrgänge sind nicht nur bei den MitarbeiterInnen, sondern auch bei den Mitgliedern sehr stark repräsentiert. Dass die Mitglieder dieser Jahrgänge im Ruhestand deutlich geringere Kirchensteuerzahlungen[3] leisten werden, ist absehbar.
- Dass Kirchenmitglieder aus der Kirche austreten, lässt sich seit vielen Jahren beobachten. Für hilfreich halte ich den Erklärungsansatz von OKR Dr. Matthias Kreplin, dass wir auf dem Weg von einer Traditionskirche mit staatskirchlicher Vergangenheit zu einer Entscheidungskirche sind.[4]
- Die Frage ist, wie lange dieser Trend anhält und ob es uns irgendwann gelingt, auf einem niedrigeren Niveau als heute bei einer stabilen Mitgliederzahl zu bleiben. Ich wage hier keine Prognosen. Ich verstehe daher nicht, dass „Kirche im Umbruch“ mit der methodischen Voraussetzung arbeitet, dass man einen Fünf-Jahres-Trend über 43 Jahre hinweg festschreiben kann[5]. Auch in der Vergangenheit war die Entwicklung nie linear; deutliche „Ausreißer“ in der Entwicklung gab es z.B. nach der Einführung des Direkteinzugs der Kapitalertragssteuer 2014 bzw. infolge der Missbrauchsthematik in der letzten Dekade.
- Viel klarer – aufgrund vorhandener Daten – ist die Personalentwicklung in den nächsten 15 Jahren: Wir wissen um das Ruhestandsalter[6]; wir wissen darum, welchen Jahrgängen Badens PfarrerInnen angehören; wir wissen um die Kursgrößen im Lehrvikariat; wir kennen die Zahl der Theologiestudierenden auf der TheologInnenliste und wir kennen die Zahl der Erstsemester, die in Heidelberg das Magisterstudium aufnehmen. Aufgrund dieser Zahlen wage ich die Prognose, dass wir in den 2030er Jahren mit über 3000 Gemeindegliedern pro voller Pfarrstelle rechnen müssen – das wären rund 50 % mehr als heute.
- Zusammengefasst: Massiver Personalmangel ist als zukünftige Entwicklung und als Ursache für geplante Stellenkürzungen erheblich wahrscheinlicher als Vorhersagen zur Mitgliederentwicklung bis 2060.
Wer nicht nur Bezirkssynoden besucht oder auf die Startseite der Ekiba-Homepage schaut, findet in öffentlich kaum zur Kenntnis genommenen Protokollen der Landessynode durchaus auch Hinweise auf die Plausibilität der Personalnot-Erzählung: Im coronabedingt notwendig gewordenen Nachtragshaushalt 2020/21 konnte ein Betrag von 5,6 Mio. € dadurch eingespart werden, dass der Anteil vakanter Stellen erheblich höher war als erwartet[7]. Und vor der Landessynode hat Finanzreferent Wollinsky in seinem Bericht zum Prozess Ressourcensteuerung auch klar benannt: „Größte Herausforderung ist die Reduktion der Personaldecke, die sich allein schon aus demographischen Gründen ergibt“[8].
Wäre das Pleitegeier-Narrativ zutreffend, dann müsste plausibel erklärt werden, warum 30 % der Mittel gekürzt werden, nach der Studie „Kirche im Umbruch“ bis 2032 aber nur 20 % weniger Kirchenmitglieder bzw. Kirchensteuereinnahmen erwartet werden. Während hier zunächst völlig unbestimmt auf 10 % für „Innovationen“ verwiesen wurde, wurde später präzisiert: Zusätzliche Ausgaben für die klimafreundliche Sanierung von Gebäuden und den Ausbau der Digitalisierung werden nun genannt.
Dass Ausgaben in diesen Bereichen anstehen, ist keine Frage. Es kann aber bezweifelt werden, dass diese der Grund für Kürzungen dieses Umfangs sind – immerhin stehen den Sanierungsausgaben Einnahmen aus der Verwertung nicht mehr benötigter Immobilien und Energiekosteneinsparungen gegenüber. Das Gleiche gilt für die Digitalisierung, die nicht nur Kosten verursacht, sondern auch Einsparungen durch weniger Archivplatz, Vereinfachung von Verwaltungsvorgängen, digitale Konferenzen und weniger Büroräume dank neuer Homeofficeoptionen. Warum wird trotzdem beharrlich die Pleitegeier-Erzählung verbreitet?
Ich will hier keine Mutmaßungen anstellen; zur Erklärung sind die gefordert, die diese Erzählung verbreiten. Ich stelle stattdessen eine Gegenfrage: Welchen Preis hat es, wenn wir auf der Pleitegeier-Erzählung beharren? Meines Erachtens ist der Preis hierfür entschieden zu hoch, aus den folgenden fünf Gründen:
1) Wer will schon in einer Organisation tätig sein, die ankündigt, dass sie die nächsten 40 Jahre – also ein vollständiges Berufsleben lang – ihren eigenen Niedergang verwaltet?
2) Die Landeskirche wird ihre PfarrerInnen brauchen, wenn es darum geht, den Gemeinden und anderen Arbeitsfeldern Ausgabenkürzungen zu vermitteln. Das wird nur gehen, wenn die Erklärungen stimmig sind. Ein Beispiel für Unstimmigkeit ist es, wenn vom Oberkirchenrat 2021 „aufgrund der Corona-Pandemie und dem Rückgang der Finanzkraft der Landeskirche“ ein weiterer Rückgang der langfristig unterhaltbaren kirchlichen Gebäude angekündigt wird[9], obwohl man doch 2014 bei der Verabschiedung des Liegenschaftsprojekts durch die Landessynode davon ausging, dass die Reduktion von Flächen und Kosten um 30 % eine nachhaltige Bewirtschaftung des Liegenschaftsbestands ermöglicht. Wie sollen wir Ehrenamtlichen erklären, dass die 2014 geweckten hohen Erwartungen sich sieben Jahre später schon als Fehleinschätzungen erweisen?
Plausibler ist es, wenn wir nicht den Geldmangel, sondern den Personalmangel als Ursache benennen: Stellenkürzungen wegen Personalmangel ziehen Gemeindefusionen und in der Folge Abbau von Immobilienbeständen nach sich.
Plausibler ist es, wenn wir nicht den Geldmangel, sondern den Personalmangel als Ursache benennen: Stellenkürzungen wegen Personalmangel ziehen Gemeindefusionen und in der Folge Abbau von Immobilienbeständen nach sich.
3) Wenn die MitarbeiterInnen der Landeskirche den Eindruck gewinnen, dass Fakten und Erzählung nicht zusammenpassen[10], wird ohne Not das Vertrauen in die Leitungsorgane der Landeskirche gefährdet. Und das wirkt sich auf die Motivation wie auch auf die Bereitschaft zur Nachwuchswerbung aus.
4) Wenn die sinkenden finanziellen Spielräume das Hauptproblem sind, dann stehen Personalausgaben unter hohem Rechtfertigungsdruck. Das bedeutet zugleich: Menschen, die sich für den Pfarrberuf interessieren, bekommen den Eindruck, dass Gehälter in der Kirche langfristig nicht gesichert sind.
5) Probleme, die nicht – oder zumindest nicht in ihrer wirklichen Dimension – benannt werden, werden nicht gelöst, im Gegenteil, sie verschärfen sich. Deswegen konterkarieren falsche Erzählungen die kostenintensiven Bemühungen der Landeskirche um Werbung für kirchliche Berufe: Nachdem die Studie „Kirche im Aufbruch“ im Frühsommer 2019 veröffentlicht wurde, brach die Zahl der StudienanfängerInnen an der theologischen Fakultät in Heidelberg ein.[11]
Der Fairness halber sei erwähnt, dass das Personalreferat die oben genannte Schätzung – über 3000 Gemeindeglieder pro voller Pfarrstelle in den 30er Jahren – anders beurteilt. Abhängig von verschiedenen Szenarien zu den zu erwartenden Mitgliederverlusten wird mit einer Pastorationsdichte von 2000-2200 Gemeindegliedern gerechnet. Das Problem sehe ich allerdings in der Definition der Pastorationsdichte: Die EKD versteht darunter die Zahl der Gemeindeglieder je besetzbarer Pfarrstelle. Ob diese Stellen dann tatsächlich besetzt werden können, spielt für die Berechnung keine Rolle – für die Gemeinden und die betroffenen KollegInnen allerdings schon.
Resümee: Es ist nicht egal, mit welcher Erzählung wir unterwegs sind. Attraktiv sind natürlich weder die Pleitegeier-Erzählung noch die Personalnot-Erzählung. Aber es geht hier auch nicht um die schönste Erzählung, sondern um die zutreffende. Nur auf der Basis einer ehrlichen Bestandsaufnahme können wir gemeinsam an einem Strang ziehen und dabei die besten Handlungsoptionen wählen.
Volker Matthaei, Stutensee
[1] aus dem Infoschreiben vom 16.9.21 an alle ehren- und hauptamtlich Tätigen in Leitungsverantwortung, in dem für die digitalen Infoveranstaltungen am 24.9. und 7.10.21 geworben wurde. Ähnlich auch die neue Website zum Strategieprozess 2032: https://www.ekiba.de/landeskirche-gemeinden/strategieprozess-ekiba-2032 und www.ekiba.de/detail/nachricht-seite/id/32412-landessynode-verabschiedet-eckdaten-fuer-den-doppelhaushalt-landeskirchenrat-gewaehlt/?default=true
[2] Kirche im Umbruch. Zwischen demographischem Wandel und nachlassender Kirchenverbundenheit. Eine langfristige Projektion der Kirchenmitglieder und des Kirchensteueraufkommens der Universität Freiburg in Verbindung mit der EKD, Hannover, Mai 2019
[3] etwa so viel wie Dreißigjährige nach den Zahlen von Dr. Fabian Peters, einem der beiden Autoren der Projektion 2060, vor der Landessynode im Herbst 2019, vgl. http://www.bit.ly/freiburg2060
[4] vgl. Matthias Kreplin, Die Freiburger Studie – wie darauf reagieren? Ein Diskussionsbeitrag, in: Badische Pfarrvereinsblätter 5/2020, S.154f
[5] Ich halte es für problematisch, dass unsere Kirche ihren Mitgliedern schon heute unterstellt, im Lauf der nächsten 40 Jahre auszutreten, und dass sie darauf dann ihre Planungen abstellt. Lieber möchte ich unseren Mitgliedern offen sagen: „Wenn ihr aus der Kirche austretet, dann fehlt ihr uns nicht nur als Menschen; dann fehlen auch die Mittel, die ihr zur Verfügung stellt, und dann müssen wir Angebote zurückfahren.“ Mit welchem Recht nehmen wir unseren Mitgliedern die Verantwortung für ihr Handeln ab?
[6] in etwa: Natürlich werden einige von der Möglichkeit Gebrauch machen, den Ruhestand aufzuschieben; dafür werden andere vorzeitig in den Ruhestand gehen (müssen).
[7] vgl. Verhandlungen der Landessynode Herbst 2020, Anlage 11, S.158. Dabei geht es natürlich nicht nur um Pfarrstellen.
[8] vgl. Verhandlungen der Landessynode Herbst 2020, S.7
[9] Brief von KR Rapp an Kirchenbezirke und Kirchengemeinden vom 23.2.21
[10] Als ein Beispiel nenne ich hier die aufwändig organisierten Regionalkonferenzen im Juli 2020. Dabei bekamen Badens PfarrerInnen eine Folie „Finanzplanung 2032 – nach Corona“ präsentiert, welche verschiedene Szenarien für die Kirchensteuerentwicklung 2020 zeigte. Der Best Case ging von Einnahmerückgängen in Höhe von 10 % und einer weitgehenden Erholung nach drei Jahren aus, der Worst Case von Mindereinnahmen in Höhe von 18 % und einer langfristigen Rezession; diese Folie erhielten auch die Landessynodalen zur Herbsttagung (vgl. Verhandlungen der Landessynode im Okt. 2020, S.160, Anlage 11, Anlage E). Mit diesen Szenarien konnte sehr effektiv die Pleitegeier-Erzählung gestützt werden.
Tatsächlich lag der Einnahmerückgang bei der Kirchensteuer 2020 im Vergleich zum Vorjahr bei 4,58 % (das liegt noch deutlich unter den Folgen der Finanzkrise 2008/09!), wie eine Rückfrage von mir im Finanzreferat im Februar 2021 ergab. Eine Berichtigung der Fehleinschätzung in einem vergleichbaren Veranstaltungsformat ist bis heute nicht erfolgt.
[11] Die Zahl der StudienanfängerInnen im Magister-Studiengang lag im Wintersemester 2013/14 bis 2018/19 immer zwischen 27 und 47; im WS 19/20 waren es 18 und ein Jahr später 19 (Zahlen aus dem Ausschuss für Ausbildungsfragen).
