Predigttext: 1. Korinther 1, 1-18
Paulus, berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, und Sosthenes, unser Bruder, an die Gemeinde Gottes in Korinth, an die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen samt allen, die den Namen unsres Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Ort, bei ihnen und bei uns:
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus, dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in aller Lehre und in aller Erkenntnis. Denn die Predigt von Christus ist in euch kräftig geworden, sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. Der wird euch auch fest erhalten bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus. Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.
Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle mit einer Stimme redet und lasst keine Spaltungen unter euch sein, sondern haltet aneinander fest in "einem" Sinn und in "einer" Meinung. Denn es ist mir bekannt geworden über euch, liebe Brüder, durch die Leute der Chloë, dass Streit unter euch ist. Ich meine aber dies, dass unter euch der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere: Ich zu Apollos, der Dritte: Ich zu Kephas, der Vierte: Ich zu Christus.
Wie? Ist Christus etwa zerteilt? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft? Ich danke Gott, dass ich niemanden unter euch getauft habe außer Krispus und Gajus, damit nicht jemand sagen kann, ihr wäret auf meinen Namen getauft. Ich habe aber auch Stephanas und sein Haus getauft; sonst weiß ich nicht, ob ich noch jemanden getauft habe. Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen - nicht mit klugen Worten, damit nicht das Kreuz Christi zunichte werde. Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft.
Liebe Gemeinde,
Ökumene beginnt mit Danken! Danken dafür, dass die anderen da sind.
Eine Ökumene der Gaben malt uns Paulus vor Augen. Viele unterschiedliche Menschen kommen zum Gottesdienst in Korinth: Da sitzen Sklavinnen und Sklaven, die keine Rechte haben, hart arbeiten und oft Gewalt ertragen müssen. Aber es sind auch einige wohlhabende römischen Bürgerinnen und Bürgern an ihrer guten Kleidung zu erkennen. Beim Herrenmahl teilen Frauen Brot und Wein mit Männern, Junge mit Alten, Gebildete mit Ungebildeten. Sie erleben: Wenn wir als Gemeinde in Jesu Namen zusammen sind, dann ist das mehr als die Summe der einzelnen. Sind wir gemeinsam im Geist Jesu versammelt, entsteht etwas Neues. Dann weht ein kräftiger Wind durch die Gemeinde und rüttelt alle auf.
Ökumene beginnt mit Danken. Mit Dank für die Fülle der Gaben, die wir unter uns haben. Die eine hat ein offenes Ohr für den Kummer der Alten. Der andere kann zupacken, wo es nötig ist. Die dritte strahlt so viel Gottvertrauen aus, dass andere Mut schöpfen. Der vierte kann den Kindern Geschichten von Jesus erzählen, dass sie mit offenem Mund zuhören: „Keine Begabung fehlt euch! Ihr seid in jeder Hinsicht reich!“
Das ruft Paulus seiner Gemeinde zu und lebt es vor: Er hat diesen Brief nicht allein geschrieben, sondern gemeinsam mit Sosthenes, seinem Bruder in Christus. Verkündigung ist kein Einzelkampf, sondern ein Mit- und Füreinander von Geschwistern. Geschwister sind unterschiedlich, aber doch gleich gestellt vor dem dreieinigen Gott und zu einander. Sie leben und bekennen freimütig gemeinsam ihren Glauben: Kein Herr kann mit ihnen machen, was er will, weil sie einen Herrn haben, der sie frei macht: Jesus Christus. Auch die, die auf den ersten Blick ungebildet erscheinen, sind in Korinth wichtig; sie finden auf ihre Weise Worte, die andere die Freiheit und die Hoffnung lehren.
Das Evangelium wächst und gedeiht, wenn wir es ins Leben ziehen. Wenn wir uns darüber austauschen und es einander und anderen weitersagen. Nur gemeinsam gewinnt Glaube seine kräftige Gestalt!
II
Ökumene beginnt mit Danken und führt uns in die Begegnung! Mit anderen in unserer Gemeinde, aber auch mit anderen Gemeinden und Kirchen.
Ich stamme aus Fulda. In dem Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin, einem Neubaugebiet, entstanden damals zur gleichen Zeit eine neue evangelische und eine neue katholische Kirchengemeinde jeweils mit eigenen Kirchenräumen. Heute würden wir sicher überlegen, ob wir ein gemeinsames Zentrum bauen, dass der Unterschiedlichkeit Raum gibt und doch viele Begegnungen und Gemeinschaft ermöglicht.
Das war damals keine Frage; aber Ökumene war gerade für uns Jugendliche wichtig. Wir haben gemeinsame Unternehmungen geplant. Wir haben miteinander Feste organisiert. Wir haben es spannend gefunden, miteinander darüber zu reden: Was macht ihr denn eigentlich da am Samstag bei der Beichte? Wie geht denn das, dass diese Vikarin, eine Frau, Pfarrerin wird? Warum dürft ihr – so war das damals - erst nach der Konfirmation zum Abendmahl? Wieso bekommt ihr nur das Brot bei der Eucharistie und wir beides?
Manches hat sich wie von selbst aufgeteilt: Ökumenischen Fasching haben wir immer in der katholischen Kirche gefeiert; über politische Verantwortung und Ostpolitik eher im evangelischen Gemeindehaus diskutiert. Aber bei allem haben wir gemerkt: Wir brauchen einander! Der Geist Christi beschenkt uns durch die Traditionen, Fähigkeiten, Schwerpunkte der jeweils anderen; ohne sie, fehlt uns etwas.
III
Als sich am Ende der Oberstufe ein evangelischer Klassenkamerad und eine katholische Mitschülerin – ernsthaft - verliebten, haben die beiden Familien sich furchtbar darüber aufgeregt. Plötzlich wurde ein riesiger Graben sichtbar und die Abgrenzung wurde wichtiger als die Gemeinsamkeit. Ein katholisches Mädchen heiratet keinen evangelischen Jungen und umgekehrt. Baden war damals schon weiter; das Erzbistum und die Landeskirche hatten schon die ökumenische Trauung eingeführt. Deshalb klingt das für sie vielleicht komisch und fremd; aber uns Jugendliche hat das sehr beschäftigt und in Zweifel gestürzt.
Ähnliches erlebt Paulus in Korinth: die Gemeinde ordnet sich in bestimmte Gruppen. Sie nennen sich nach den Männern, die sie als ihre Führer ansehen, vielleicht weil sie von ihnen getauft wurden, vielleicht weil sie besonders mitreißend predigen oder beten können: Ich gehöre zu Apollo, ich zu Paulus, ich zu Petrus.
Wir kennen das aus der Schule, aus Vereinen, aus der Gemeinde: Wir sortieren, wir teilen ein, wir gewinnen Identität durch Abgrenzung. Und dabei ist es oft genauso wie hier in Korinth: eigentlich ist nicht wirklich klar, worin die Unterschiede zwischen den Gruppen bestehen und warum sie so wichtig sein sollen. Wichtig scheint vor allem: Wir unterscheiden uns; du gehörst hierhin, du gehörst da hin!
IV
„Wie? Ist Christus denn zerteilt?“ Paulus entscheidet nicht. Paulus sagt nicht Apollo hat Recht – oder Petrus oder Chloe. Paulus erinnert uns an die Basis, an die Grundlage unseres Glaubens: Jesus Christus! Diejenigen, die sich an Apollo orientieren, sind genauso in Christi Namen getauft wie die Leute der Chloe und diejenigen, die sich zur Petrusgruppe zählen.
Mir ist wichtig: Der Bezug auf Jesus Christus fordert keinen Einheitsbrei. Es gibt wertvolle Traditionen und Merkmale in der Kultur, die eine Kirche auszeichnen. Es gibt gut begründete Überzeugungen, über die sich zu streiten lohnt. Es gibt besondere Schwerpunkte, die eine Kirche in der Ökumene setzt. Am Ende aber leben alle christlichen Kirchen, alle besonderen Gruppen aus der Verbindung zu Jesus Christus.
Ist das die Grundlage der Ökumene, dann ist der Sinn unserer Unterschiede gerade die Bereicherung der anderen. Niemand ist vor Gott wichtiger als andere Geschwister. Deshalb brauchen wir ökumenische Begegnungen in den ACKs und bei ökumenischen Kirchentagen und Gottesdiensten. Deshalb sind wir so stolz auf die ökumenische Rahmenvereinbarung, die schon mehr als 200 Gemeinden unterschrieben haben. Wir brauchen Dialog und gemeinsame Friedensgebete, auch in der weiteren Ökumene, auch mit dem Judentum und mit anderen Religionen, mit dem Islam. Wir brauchen Gemeinschaft in der Seelsorge, wie im Schwarzwald-Baar Klinikum, oder in Caritas und Diakonie.
Und wir brauchen Menschen, die in ihrer Ehe oder Partnerschaft die Verbindung der Konfessionen leben: Seit der Erfahrung mit dem Klassenkameraden habe ich viele Ehen erlebt, die dieses Verständnis von Ökumene wie ein Modell vorgelebt haben. Sie haben bewusst in ihrer Tradition gelebt, sie auch in der Familie weitergegeben; und sie haben zugleich die Konfession des oder anderen erkundet, geschätzt und an ihr Anteil genommen. Bald werden die ersten ökumenisch getrauten Ehepaare Goldene Hochzeit feiern; die Ökumene wächst und gedeiht.
Jede Kirche bringt etwas ein in das ökumenische Miteinander und stärkt damit den einen Leib Christi: Von den Mennoniten habe ich viel über Friedenssehnsucht in der Nachfolge Christi gelernt; die Methodisten faszinieren mich durch ihr Ringen um Klarheit in Leben und Lehre; bei den orthodoxen Geschwistern habe ich erlebt, wie wichtig das Geheimnis für den Glauben ist; die katholische Kirche lehrt mich, dass wir als Kirche Verantwortung für die Einheit des Glaubens haben und für seine symbolische Darstellung; die Freikirchen fordern mich heraus mit ihrem Drängen auf ein verbindliches Glaubenszeugnis. Und wie bereichert meine evangelische Landeskirche die Ökumene? Ich bin gespannt auf die Antwort der anderen!
V
Wir brauchen einander, damit Christus nicht zerteilt ist, sondern wächst und ausstrahlt!
Ökumene beginnt mit Danken über die Fülle der Gaben, die der Geist Jesu Christi seinen Kirchen und Gemeinden schenkt. Ökumene führt uns in Begegnungen, die uns bereichern und uns neue Wege weisen. Am Ende werden wir aus dem Osten und dem Westen, aus Norden und Süden, aus den unterschiedlichen Traditionen und Überzeugungen am einen Tisch Gottes zusammen kommen und einstimmen in das Lob der Herrlichkeit Gottes: dann wird die Ökumene an ihrem Ziel sein.
Amen.
