"Wie lerne ich glauben?"

Predigt in der Stadtkirche Karlsruhe am 22.06.

Predigttext: Deuteronium 6, 4-9

4 Höre, Israel: der HERR ist unser Gott, der HERR allein.
5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen
7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,
9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

 

Liebe Gemeinde,

wie lerne ich glauben? Indem ich vom Glauben höre, indem ich mich in den Glauben einübe, indem ich meinen Glauben in Freiheit praktiziere.

I

Der Glaube beginnt mit Erzählen und Hören.

„Höre, Israel“ ruft Mose dem Volk Israel zu. Und dann erzählt er ihm alle Geschichten, die Gott mit seinem Volk verbinden: wie treu Gott zu Abraham gehalten hat, wie Gott Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat, welche Gebote Gott gegeben hat, damit unser Leben gelingen kann. „Höre, Israel!“ Und wie eine Zusammenfassung sagt Mose dann: „Euer Gott, von dem euch die biblischen Geschichten erzählen, ist Gott, einzig und allein euer Gott!“

So hat wahrscheinlich schon Jesus glauben gelernt. Joseph und Maria haben ihren Glauben gelebt. Morgens und abends haben sie gebetet, bei Tisch gedankt, bei wichtigen Ereignissen nach Gottes Willen gefragt und auf Gott gehört.

Maria wird unerwartet schwanger: Was soll ich tun, Gott? Weise mir deinen Weg, Gott!

Joseph weiß nicht, ob er der Vater ist: Soll ich Maria nicht lieber verlassen? Weise mir deinen Weg, Gott!

Sie hören auf Gott und Gott spricht zu ihnen, sagt beiden die gleiche gute Nachricht: Fürchte dich nicht, Maria! Fürchte dich nicht, Joseph! Ihr habt Gnade bei Gott gefunden, ihr werdet ein Kind bekommen, das der Welt Frieden bringt.

Die Eltern haben Jesus die Gottesgeschichten erzählt und die Gebete gelehrt. Unser Predigttext ist einer der wichtigsten dieser Grundgeschichten des Glaubens: 4 Höre, Israel: der HERR ist unser Gott, der HERR allein. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

Vielleicht hat Joseph Jesus dieses „Höre“ schon gleich nach der Geburt dankbar ins Ohr geflüstert. Vielleicht hat Maria es gesprochen, nachdem Jesus zum ersten Mal in der Krippe eingeschlafen ist. Und dann hat Jesus es immer wieder gehört, morgens und abends, auf der Flucht nach Ägypten, zu Hause in Nazareth.

Hören und erzählen, so wächst der Glaube. Das wichtigste wird auswendig gelernt! By heart, sagen die Engländer. Genau das ist hier gemeint – dass die wichtigsten Texte sich in uns festsetzen, unser Herz, unseren Kern bestimmen.

Als Jesus Nazareth später verlässt, nimmt er all das Gehörte mit; leichtes Gepäck, weil er es auswendig kann. Und doch sind die Geschichten und Gebete, die Gebote grundlegend für das Leben. Sie weisen den Weg, sie geben Halt.

Hören und Erzählen führen zum Glauben. Jesus erzählt das Gehörte weiter, lebt es, fragt, was bedeutet dieser Glaube heute für mich, wendet es für sein Leben, in seinen Gesprächen und Konflikten an: Als er nach dem höchsten Gebot gefragt wird, antwortet er: „Das höchste Gebot ist das: 4 Höre, Israel: der HERR ist unser Gott, der HERR allein. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften. Das andere ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“ (Mk 12)

„Höre, Israel.“ Wenn wir genau hinhören, haben wir eigentlich bisher nur an der Tür gelauscht und versucht zu hören, was dahinter Wichtiges gesprochen wird zwischen Gott und dem Volk Israel. Wir haben gelauscht, um vom Volk Israel etwas über den Glauben zu lernen. Bis heute begleitet das Höre Israel jüdischen Menschen durch ihr Leben: morgens und abends, im Leben und Sterben, zu Hause, an der Klagemauer und in der Synagoge, im Alltag und am Feiertag.

Jesus macht uns die Tür auf: Wir stehen nicht mit rotem Kopf da, weil wir ertappt wurden beim Lauschen, sondern Jesus macht die Tür auf und lädt uns ein, weil diese wichtigen Worte auch uns gelten. Dass auch wir sie hören und dann weiter erzählen, damit sie Menschen ins Leben helfen.

II

Wie lerne ich glauben? Indem ich vom Glauben höre, aber auch indem ich mich in den Glauben einübe.

Üben liegt uns Evangelischen eher fern! Glaube gilt uns als etwas Inneres. Jede und jeder muss seinen und ihren Weg mit Gott finden. Privatsache ist das, unmittelbar zwischen Gott und mir, da soll nichts Äußerliches dazwischen treten. Wir spotten eher über das auswendig Gelernte, finden es formelhaft und mechanisch. Was hat das mit meinem persönlichen Glauben zu tun?

Aber vielleicht ist das mit dem Glauben doch eher wie mit einem Handwerk. Übung macht den Meister. Da gibt es Grundlagen, die ich kennen muss, geprägte Inhalte und Formen, die sich bewährt haben, und die ich mir nun aneignen muss, indem ich sie ausprobiere, spüre, was gelingt und was nicht zu mir passt: Wie kann ich beten? Wie spreche ich von meinem Glauben, wenn meine Kinder mich fragen? Was sage ich am Krankenbett, wenn ich gefragt werde: Wie geht es nach dem Tod weiter?

Nur wenn ich meinen Glauben übe, Erfahrungen mit ihm sammle, entwickelt er sich weiter und vertieft sich. Dann zeigt sich, ob sich die Gebete, Lieder und Verhaltensweisen, die ich einmal gelernt habe, bewähren. Ob sie der Herausforderung standhalten, ob sie wirklich trösten. Nur wenn ich meinen Glauben übe, werde ich ihn auch nutzen können, wenn ich ihn brauche.

6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen

7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.

8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,

9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Durch äußeren Vollzug prägt sich der Glaube im Inneren ein. (Tefillim) Indem ich es mit meinen Armen, das heißt mit meinem Tun verbinde und mit meinen Augen, d.h. meinem Denken, Erkennen, Wahrnehmen. Indem ich mir Zeit dafür nehme: morgens und abends, wenn die ersten Farben des Sonnenlichts zu sehen sind und dann wieder, wenn die ersten drei Sterne zu sehen sind. Indem ich mich an sie erinnere, wenn ich komme und wenn ich gehe. Deshalb haben jüdische Haushalte eine kleine Kapsel (Mesusa) an ihrer Haustür, die genau diese Worte enthalten. Beim jedem Ausgang und jedem Eingang: „4 Höre, Israel: der HERR ist unser Gott, der HERR allein. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.

Und natürlich und vor allem von Generation zu Generation: Denn wenn ich meinen Glauben an meine Kinder weitergebe, bin ich gezwungen, ihn auszusprechen. Ich lege mich fest: Diese Geschichte ist für mich grundlegend, dieses Gebet tröstet mich! So stelle ich mir den Tod und das Leben danach vor! Traue ich mich das zu sagen? Denn dann können die Kinder noch einmal fragen; dann kann meine Frau sagen, so habe ich das bisher gar nicht verstanden. Dann fangen wir an zu diskutieren, vielleicht auch zu streiten und entdecken - hoffentlich: Der Glaube gehört ins Leben! Oft helfen die Kinder, die fragen, heute den Eltern wieder neu zum Glauben. Oft lernen die Großen glauben, wenn sie sich mühen, ihren Glauben den Kleinen zu erklären.

Für die Konfirmandinnen und Konfirmanden ist es manchmal schwer zu akzeptieren, dass sie heute etwas auswendig lernen sollen, was sie dann später angeblich durchs Leben tragen soll. Können so alte Texte da überhaupt helfen?

Ja, sie können, denn der Glaube wächst von außen nach innen, weil er uns von außen, von Gott zukommt. Das ist manchmal schwer zu glauben. Deshalb mühen wir uns in der Kirche deutlich zu machen, warum die Geschichten, Lieder, Gebete schon heute wichtig und hilfreich sind. Aber manches kommt erst später im Inneren an, bewährt seine Kraft erst in einer besonderen Situation! Dann ist es plötzlich die Konfirmandin, die am Krankenbett mit der Großmutter noch einmal den Psalm 23 sprechen kann; dann ist es der Enkel aus dem Posaunenchor, der dem Großvater „Lobe den Herrn“ vorspielt.

III

Wie lerne ich glauben? Indem ich vom Glauben höre, indem ich mich in den Glauben einübe. Und indem ich meinen Glauben in Freiheit praktiziere. Glauben und Leben, Tun und Hören gehören zusammen! Das Gehörte will gelebt werden.

Wir haben das Negativbeispiel im heutigen Evangelium, der Geschichte vom reichen Mann und vom armen Lazarus gehört. Der reiche Mann liebt Gott, aber seine Liebe wird nicht Tat. Er kommt mit seinem Glauben nicht in Bewegung. Er schafft es nicht barmherzig zu sein gegenüber den Bedürftigen.

Gott zu lieben heißt, in Gottes Machtbereich zu leben und den vielen anderen Göttern zu widerstehen: dem Gott der Sicherheit, der lieber Scheunen zur Kapitalanlage baut, als heute die Hungrigen satt zu machen. Dem Gott der Schönheit, der uns auf Ideale festlegt, die wir nicht erfüllen können. Dem Gott der Anerkennung, der Unzufriedenheit und Neid in unsere Herzen sät, weil andere mehr haben, besser sind, mehr gelten.

Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft. Das ist ein Teil des höchsten Gebots, aber es ist vor allem auch eine Befreiung: Gott geht mit mir, auch wenn es schwierig wird, auch in Krankheit und Sterben. Gott liebt mich mit meiner Schuld, mit meiner Schwäche. Gott trägt mich, so wie Gott Israel getragen hat; Gott geht mit mir wie mit Jesus.

Glauben lerne ich, wenn ich in die Bewegung der Liebe Gottes komme. Diese Liebe ist der eine Kern, von dem aus sich der Glaube in vielfältiger Weise entfaltet und wächst. Ein Glaube eröffnet unterschiedliche Wege, erlaubt jeder und jedem von uns seine und ihre besondere Frömmigkeit: Glaube kann trösten und ermahnen, kann befreien und zur Umkehr rufen, kann stärken und selbstkritisch machen.

Mein Glaube hat ein anderes Gesicht, wenn ich am Krankenbett sitze oder wenn ich mich, wie nachher am K-Punkt im Gedenken an die Opfer des Bombenangriffs auf Karlsruhe im Zirkus für eine friedlichere Welt einsetze.

Es ist gut, wenn ich die alten Worte kenne und im Herzen habe, wenn sie einen Grund legen, auf dem ich stehen kann. Wenn es ernst wird, sind meine Worte und meine Tat gefragt, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller meiner Kraft. Dann bewährt sich mein Glauben im Bekennen für heute.

Glauben lerne ich, indem ich mich Gott anvertraue, mit meinem Denken und Fühlen, mit meinem Reden und Tun. So zeigt sich, woraus und woraufhin ich lebe.