Sehr geehrte, liebe Frau Präsidentin, liebe Prädikantinnen und Prädikanten,
sehr geehrte Damen und Herren, Schwestern und Brüder in Christus,
I
Was ist unsere Aufgabe als Evangelische Kirche in Baden? Ich habe in mehreren Interviews versucht, als Antwort die Formulierung zu verwenden: „Den Glauben ins Leben ziehen“! Für mich drückt diese Aufforderung aus, dass wir uns als Christenmenschen in einer doppelten Bindung bewegen. Wir stehen mitten im Leben und haben zugleich Anteil am Glauben. Wir leben unseren Glauben in der Welt, in der Öffentlichkeit, aber er geht darin nicht auf. Evangelische Existenz ist eine spannungsvolle Existenz!
Noch einmal: Beide Seiten sind wichtig! Der Glaube, der mich ergreift und trägt, und das Leben in dieser Welt.
Wer die Bibel liest, entdeckt, wie prall sie mit Leben gefüllt ist. Christus kommt in der Krippe zur Welt, wird wirklich Fleisch, einer von uns. Gott interessiert, wie wir leben und wie es uns geht. Für nichts ist sich der dreieinige Gott zu schade, wenn es darum geht, uns und andere Menschen zu stärken, zu heilen, zu sich zu holen! Gottes Geist bewegt sich hinein in unsere Wirklichkeit und will dort erfahrbar werden. Deshalb interessieren wir uns für den Alltag und das Leben in seiner Fülle; deshalb öffnen wir die Augen, die Herzen und die Arme für die Hoffnungen und Fragen der Menschen um uns herum. Deshalb fragen wir, was würde Jesus in dieser Situation sagen, tun oder lassen. Wir nehmen Gottes Bewegung auf, lassen uns, mehr oder weniger zögerlich mitreißen.
Sie merken schon: die beiden Pole sind nicht gleich gewichtig oder stark. Das ist schon meine erste Antwort auf die Frage nach der Richtung: Wir wollen den Glauben ins Leben ziehen! D.h. wir wollen dazu beitragen, dass Gottes Reich in unserer Wirklichkeit Gestalt gewinnt, dass Christi Geist sich unter uns und in der Welt ausbreitet. Wir wissen, dass das am Ende nicht in unserer Macht steht – und doch ist damit eine Richtung vorgegeben, in die wir uns bewegen.
II
Den Glauben ins Leben ziehen; das hat seine Tücken! Hören Sie dazu einen Predigtanfang: Unser Volk ist die Vormacht des Protestantismus. Auf unseren Schultern ruht die Erhaltung des heiligen Werkes, das im Kloster von Erfurt erkämpft, vor welscher Übermacht in Worms behauptet worden. Ihr Deutsche, ihr kämpft für die Güter der Reformation! Wenn wir unterlägen, ausgestrichen würden aus der Zahl der führenden Völker, zurücksänken in völkische Ohnmacht – nicht auszudenken die Folgen auch für die Religion!“
So predigt der Berliner Pfarrer Walther Nithack-Stahn vor 100 Jahren am Reformationstag 1914 zum Kriegsbeginn. Glauben und Leben rücken hier ganz eng zusammen, zu eng. Ein bestimmtes Bild des Lebens wird mit Gottes Willen identifiziert: Unser deutsches Leben ist die einzig richtige Form des Glaubens.
Nach dem 1. Weltkrieg haben viele im deutschen Protestantismus begriffen, dass dies ein unangemessener Umgang mit Gott und dem Glauben ist. Weil er Gott für eigene Interessen benutzt; weil er den Glauben nutzt, um eigene Überzeugungen zu überhöhen.
Einer, Karl Barth, hat die spannungsvolle Aufgabe der Verkündigung und die Grundspannung christlicher Existenz 1922 deshalb so zugespitzt: Wir sollen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.
Für mich ist das eine Grundunterscheidung, auf der sich unsere kirchliche Arbeit aufbaut. Luther hat sie mit der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium verbunden: Gesetz, das heißt: Wir ziehen den Glauben in unseren Kontexten je auf unsere Weise ins Leben; das muss so sein, das geht gar nicht anders. Aber wir sollen wissen: Am Ende ist nicht die entscheidende Frage: Was tue ich? Sondern die entscheidende evangelische Frage ist: Was tut Gott für mich und für dich, für die Kirche und die Welt!
III
Die Evangelische Landeskirche in Baden ist in einem guten Zustand. Weil so viel Theologie getrieben wird. Weil viele, so wie Sie, von Gott reden wollen und den Glauben ins Leben ziehen. Weil nach vorne gedacht wird: Welche Kirche sollen unsere Kinder und Enkel von uns erben? Wie sollen die Räume aussehen? Wie viel Personal brauchen wir? Wie werden die Gottesdienste aussehen? Wie wichtig sind Seelsorge, Bildung, Diakonie?
Ich sehe gute Voraussetzungen, um sich den Herausforderungen zu stellen, die auf uns zukommen. Einige will ich benennen; ich bin gespannt, welche Ihnen wichtig sind. Sie sind ja als Prädikantinnen und Prädikanten für Kirche auch so etwas wie Fühler in die Gesellschaft, in Berufe, Familien, ins normale Leben, falls es das überhaupt gibt.
- Die Segmentierung unserer Gesellschaft. (KU, soziale Fragen)
- Das gesamte Leben wird wie ein Markt organisiert und ökonomisiert. (Geburt, Erziehung, Sterben)
- Traditionen lösen sich auf, Menschen gewinnen Freiheit, Fremdheit wächst.
Wichtig scheint mir, dass wir uns diesen Veränderungen mutig stellen und keine Angst davor haben. Die biblischen Zusagen sagen uns Gottes Beistand zu. Sie zeigen uns zugleich, wie wir uns gegenseitig im Umgang mit diesen Herausforderungen stärken und uns ihnen stellen können. Lassen Sie mich vier Punkte nennen.
IV
1. Wir brauchen partizipative und kommunikative Leitungsstrukturen!
Manchen gilt die Gremienkirche als zu schwerfällig. Da mag sich an der einen oder anderen Stelle etwas verändern lassen; insgesamt spricht meines Erachtens aber alles für das Recht und die Macht der synodalen Gremien die Lehre, das Personal und die Gestaltung der Bezeugung des Evangeliums zu beurteilen. Die leitenden Prinzipien sind dabei:
- Eine realistische, nüchterne und gelassene Konziliarität! Pluralität, anti-fundamentalistisch
- Subsidiarität
- Konsensorienterung: Sie sind für möglichst viele tragbar und achten die Einheit im Glauben hoch.
- Entscheidungen haben auch diejenigen im Blick, die nicht da sind (die Kirchenfernen und auch die Nicht-Mitglieder, deren Bestes wir mit suchen in der Volkskirche.
2. Wir anerkennen und pflegen die Vielfalt der Sozialgestalten und stärken ihre Beziehungen untereinander!
Kirche bildet ein Netzwerk von unterschiedlichen Lebens- und Beteiligungsformen:
2.1. mit dauerhaften öffentlichen (‚Zentrale’ Kirchen mit personaler und liturgischer Präsenz, Beichte, Anonymität) Knotenpunkten der liturgischen und pastoralen Verdichtung
2.2. und punktuellen Knotenpunkten der liturgischen und spirituellen Verdichtung
2.2.1. die zurückgezogen (Klöster)
2.2.2. oder eventorientiert wirken. (Tourismus- und Wallfahrtskirchen)
2.3. mit verlässlichen und leicht erreichbaren Kontaktpunkten
2.3.1. für regelhafte biographische (Ortsgemeinden, Lebensweltgemeinden)
2.3.2. oder mehr oder weniger punktuelle verlässliche Begleitung und Bildung (Anstaltsgemeinden, Kindergärten, Schulen, Glaubenskurse)
2.4. mit zeitlich befristeten, Sozialraum bezogenen Knotenpunkten, die als Initiativen im Zelt oder als Herbergen auf Zeit
2.4.1. sozialdiakonisch
2.4.2. oder zielgruppenorientiert wirken
2.5. mit Bewegungen entlang der Netzlinien (Besuche, Briefe, Gebete)
2.6. mit besonderer Verantwortung für Räume,
2.6.1. in denen Menschen sich noch nicht oder nicht mehr als autonome Subjekte darstellen können (Hospiz)
2.6.2. Räume der Differenz, in denen Segmentierungen überwunden und Begegnungen Fremder und mit Fremdem inszeniert werden
2.6.3. geprägte Räume, die Heimat geben oder aufgegeben werden müssen
2.6.4. die Gestaltung der Ökumene (Weite) und des interreligiösen Dialogs
Tragen Sie dazu bei, dass Menschen etwas voneinander wissen, dass die Segmente nicht auseinander fallen. Erzählen Sie in der Gemeinde von Ihren Erfahrungen im Beruf, in der Krankenhausandacht usw.
Ich halte das für eine zentrale Frage der Zukunft: Wie wird es uns gelingen, Unterschiedlichkeit z.B. im Profil von Gemeinden, Bezirken und kirchlichen Orten zuzulassen, ja zu fördern und zugleich gemeinsam auf die Verbindung, das Gemeinsame zu achten. Leitung wird dazu regelmäßig fragen müssen: Wie beziehen sich die kirchlichen Orte aufeinander? Sind die anderen im Blick? Auch die, die nicht dazu gehören? Bedenkt ein Projekt mit, was für Folgen es für den Glauben und das Leben der anderen hat? Suchen sich die kirchlichen Orte, interessieren sie sich für einander? Was tun sie dafür, dass sie nicht unter sich bleiben, ja, was tun sie für das Zeugnis in der Welt der anderen? Das Lob Gottes, der Gottesdienst (in unterschiedlichster Form auch immer) wird wichtiger werden als Ort, an dem jeweils für andere und die Welt die Mitte erkennbar wird. Es geht um ein regelmäßiges Innehalten, Unterbrechen, Verdichten und mit anderen Feiern, um immer wieder selbst die gute Nachricht zu hören: „Fürchte dich nicht, ich habe dich befreit!“ Gottesdienst und Abendmahl erweisen sich als Stärkung auf dem Weg in die Wirklichkeit; sie machen erfahrbar, dass wir getragen sind und nicht alles nicht in unserer Hand liegt.
3. Wir kommunalisieren das Evangelium!
Der Ernstfall von Kirche ist nicht die Kirche, sondern die Verkündigung des Evangeliums, des Reiches Gottes in der Welt! Die Bilder sind vielfältig, aber sie zielen allesamt auf diese inkarnatorische Bewegung: Christus geht über die Erde und teilt sich verschwenderisch aus.
Diese Grundperspektive ist eine zentrale Vorgabe für die Kirche. Das Evangelium will unter uns, aber eben auch unter anderen Gestalt gewinnen, eine je besondere, kontextuell angemessene Gestalt auf einer mittleren Ebene.
Dabei geht es um
- Themen: Frieden; Flüchtlinge; Sterben und Tod; Geburt
- Andere Religionen: keine Angst, Rechenschaft geben von der Hoffnung, die in uns ist. gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wächst mit der Entfernung von den Fremden! Was schenken mir die Gäste? Neues Zusammenleben wird am Brunnen: Samariterin am Brunnen.
- An einen Tisch setzen, die Mitte bleibt frei, da lässt sich verschiedenes hinlegen: die Bibel, Brot und Wein, Pluralitätskompetenz: So Gottesdienst feiern, dass es für Fremde interessant und lebensdienlich (große Gedenk- und Schreckensgottesdienste)!
- Kooperation: gemeinsame Interessen in der Fläche, aber auch in sozialen Fragen: große Chance für das Ehrenamt vor Ort. Es geht darum dazu beizutragen, dass Würde gewahrt wird, und dabei selbst eine Tagesdosis Bedeutung für andere zu erhalten!
- In der Fläche präsent bleiben (die abnehmende Kirchlichkeit in den Städten im dritten Drittel des 19. und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war nicht nur der Veränderung von Mentalitäten und Sozialstrukturen geschuldet, sondern auch einer geringeren personalen Präsenz der Kirche vor Ort: 1891 war ein Pfarrer in Berlin für durchschnittlich 10404 Gemeindeglieder zuständig, in Hamburg für 8995, im ländlich geprägten Waldeck für 995 Christinnen und Christen.
- selbstlose Präsenz, eine freiwillige Selbstzurücknahme der Eigeninteressen um des Evangeliums willen
4. Die Vielfalt der Ämter und ihr Miteinander stärken!
Die KMU V bestätigt noch einmal die Bedeutung der Pfarrpersonen für die Volkskirche und besonders auch für diejenigen, die weniger engagiert sind. Wir werden uns um ihre Stärkung bemühen und um ihre Wertschätzung. Fortbildung, Intervision, Kollegiale Beratung, regionale Zusammenarbeit, Kooperation mit anderen Berufen.
Der evangelischen Kirche angemessen ist es, dass wir den Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren viel zutrauen und sie in ihrer Kompetenz und Verantwortung stärken. Das gilt heute besonders Ihnen! Wir danken Ihnen, wir brauchen Sie, als Menschen, die ehrenamtlich Verantwortung übernehmen. Mit jeweils den Gaben und (zeitlichen, persönlichen) Möglichkeiten, die Sie mitbringen.
Hier liegt sicher das begrenzte Recht von Ansätzen, die die pastorale Aufgabe in Zukunft vor allem auch in der geistlichen und fachlichen Begleitung der Ehrenamtlichen sehen. Z.B.: Alle für den Verkündigungsdienst in einer bestimmten Region Verantwortlichen treffen sich regelmäßig und bereiten mit dem Pfarrer, der Pfarrerin den Gottesdienst für die nächste Woche vor. Sie bringen mit, was sie in ihrem Ort in der letzten Woche wahrgenommen haben, sie machen sich gegenseitig sprachfähig, sie beraten sich kollegial und bleiben doch für ihren eigenen Ort verantwortlich.
Zugleich ist mir wichtig, daran zu erinnern, dass der Begriff des Priestertums aller Getauften bei Luther nicht darauf zielte, dass alle Getauften nun als Prädikanten unterwegs sind. Mit diesem Begriff wollte Luther nicht alle als Engagierte in die Kirche ziehen, sondern sie als Christinnen und Christen in die Welt aussenden: Priester ist der Schlosser auch in seiner Werkhalle bei Mercedes, wenn er seinen Glauben lebt, Priesterin ist die Ärztin auch am Krankenbett, der Vater beim Gebet am Mittagstisch oder die Mutter beim Gespräch mit der Tochter über ihre Sorgen. Ich wünsche mir eine Kirche, die den Begriff wieder in dieser Richtung profiliert und Menschen ermutigt und stärkt, wenn sie in ihrem Beruf oder in ihrer Freizeit ihr Christsein leben.
V
Ich schließe mit einer biblischen Szene, die für mich grundlegend für Kirche ist: Mk 2, 1-12: Der Glaube der anderen rettet! Wir wissen, unsere Möglichkeiten sind begrenzt, aber wir haben trotzdem die Verantwortung füreinander vor Gott. So nehmen wir die Unübersichtlichkeit der Gegenwart gelassen wahr und tun, kreativ, erfinderisch, mutig etwas, um den Glauben ins Leben zu ziehen, im Vertrauen darauf, dass eine unglaubliche Zukunft auf uns zukommt. Es wird spannend, wenn uns der Mörtel auf den Kopf fällt.
