Am Ende geht es um das Wesentliche!

Predigt über 1.Petrus, 4, 7-11 am 17.08.2014 in Meckesheim

Liebe Gemeinde,
am Ende geht es um das Wesentliche!
Am Ende einer Rede sage ich noch einmal kurz und knapp: Was ist mir wichtig? Das soll sich ändern, darum muss es gehen!
Am Ende des Lebens stellen sich die wichtigen Fragen: Was hat Dich getragen, was trägt mich? Worauf vertraust du beim nächsten Schritt, worauf verlasse ich mich, wenn es ans Sterben geht?
„Am Ende“, ruft uns dieser Bibeltext zu: „seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet.“
Im Gebet geht es um das Wesentliche. Fürs Beten ist die Kirche zuständig. Das ist die Aufgabe, die uns niemand abnehmen kann: besonnen und nüchtern zu beten, füreinander und miteinander.

I
Was ist wesentlich?
Das Wesentliche ist unsichtbar. Im Alltag tritt es in den Hintergrund. Erst unter besonderen Bedingungen wird es wichtig. Ich habe vor ein paar Tagen mit einem Freund gesprochen, der wenig mit Kirche und Glauben anfangen kann. „Vielleicht wäre das anders“, hat er mir gesagt, „wenn es mir so ginge wie den Christinnen und Christen im Nordirak. Vielleicht wüsste ich dann wieder, warum ich Christ bin, warum ich mich mal habe konfirmieren lassen.“
Fördert Verfolgung den Glauben? Lehrt uns die Not beten? Muss erst das Ende drohen, damit wir uns auf das Wesentliche besinnen?
Unser Bibeltext gilt einer Gemeinde, die es schwer hat. Sie wird verfolgt. Wer sich taufen lässt und Christ oder Christin wird, riskiert einiges. So wie die Christinnen und Christen im Irak, an deren Häuser die ISIS Terroristen ein arabisches N malen und damit drohen: Flieht oder konvertiert!
Was heißt da: „So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet.“

II
Wenn ich bete, stehe ich mitten im Leben und gewinne gleichzeitig eine neue Perspektive.
Unsere Geschwister erleiden im Nordirak die Macht der Waffen. Ihre Ohnmacht und Not kann ich mir kaum vorstellen. Vielleicht ist es so, wie wenn in der Familie einer mit der Diagnose „Krebs“ vom Arzt nach Hause kommt.-Plötzlich steht alle in Frage. Wir sind hilflos. Die eine weint oder schreit, der andere verstummt. „Sieh an mein Elend, Gott, rette mich!“
Beten heißt: was mir oder anderen da angetan wird, das Leiden und die Not haben nicht das letzte Wort. Das Gebet öffnet einen kleinen Spalt am Himmel, so dass etwas Licht herabfällt. Menschen stehen anderen Menschen bei, wir finden Trostworte. Beten heißt tauschen: Ich bringe Not vor Gott und tausche dafür Hoffnung und Mut ein.

III
„So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet.“ Wichtig ist, dass sich das Beten nicht aus der Wirklichkeit zurückzieht, sondern dass wir im Hier und Heute seine Kraft spüren.
Besonnen heißt dann für mich, dass das Beten die Handlungszwänge unterbricht und einen Freiraum schafft, indem etwas anderes möglich wird, als das, was unausweichlich scheint. Mir fällt die Geschichte der Ehebrecherin ein. Die Menschen haben schon die Steine in der Hand. Sie wollen die Gelegenheit nur noch nutzen, um damit Jesus auf die Probe zu stellen. Was meinst du, Jesus? Komm nimm auch einen Stein, führe uns an und wirf.
Aber Jesus kniet nieder und antwortet nicht. Malt mit dem Finger in den Sand. Betet er? Fragt er: Was will Gott jetzt von mir?
Mir fallen alte Filme mit Don Camillo und Peppone ein. Da will der Priester Don Camillo im Streit mit dem Bürgermeister Peppone gerade zuschlagen. Schnitt. Innehalten: Gespräch mit Gott. Wie soll es weiter gehen? So oder so? Was spricht für diesen Weg, was für jenen?
Besonnen soll unser Gebet sein und nüchtern. Nüchtern heißt nicht, dass wir beim Klagen nicht weinen dürfen oder beim Danken nicht tanzen und lachen. Aber es verlangt, die Augen und die Herzen offen zu haben. Sorgfältig und achtsam hinzuhören. Gutes gut und Böses böse zu nennen. Sich keine Illusionen machen und nicht locker über Leid und Not hinweg gehen. Nüchtern hinschauen, nicht besoffen von den eigenen Vorurteilen und Feindbildern. Das zeichnet nüchternes Beten aus, dass ich die Anderen im Blick habe und, wenn möglich, auch mit ihren Augen hinschaue.

IV
Im Gebet geht es um das Wesentliche! Um mein Leben und meine Hoffnungen, um Gottes Beistand und um unsere Gemeinschaft. Wir beten für unsere Geschwister im Nordirak, weil wir Gott mitten in diesen schrecklichen Kämpfen etwas zutrauen: Schutz, Versöhnung, Bewahrung.
Während die Menschen beten, geschieht ein Wunder: Die Liebe breitet sich aus, das Gebet wird praktisch. Es versöhnt, verbindet und öffnet Türen; es stärkt und ermutigt.
3 konkrete Elemente wie die Liebe sich beim Beten unter uns ausbreitet, nennt der Bibeltext:
„Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe; denn »die Liebe deckt auch der Sünden Menge« (Sprüche 10,12).“ Menschen sorgen sich umeinander; sie achten aufeinander und fühlen sich füreinander verantwortlich. Beständig ist diese Liebe und verlässlich. Weniger überschäumend als protestantisch nüchtern. Mit Ausdauer und Geduld bohrt sie kraftvoll dicke Bretter. Vielleicht, manchmal ist sie so stark, dass sie sogar eine Sünde decken kann. Da wird ein Neuanfang in einer Beziehung möglich, obwohl der eine die andere mit seiner Untreue so gekränkt oder verletzt hat. Da gelingt es den Kirchen in Südafrika an einigen Orten dazu beizutragen, dass sich schwarz und weiß versöhnen. Beständige Liebe: Die bayrische Kirche ist seit langem mit Gemeinden und Kirchen im Nordirak verbunden; sie hat geholfen Kindergärten zu bauen, ein Frauenbildungszentrum. Nun weht auf einer Kirche die schwarze Fahne der IS. Was können wir tun? Beten, die Flüchtlinge durch Spenden unterstützen, die politisch Verantwortlichen drängen, Sicherheit und Menschenrechte in der Region zu gewährleisten.
Ein Zweites: „Seid gastfrei untereinander ohne Murren.“ Die Tür für Gäste zu öffnen, sie an den eigenen Tisch einzuladen, das gehört zum Christsein. Gerade wurde eine Friedensinitiative in Israel und Palästina mit dem Friedrich Siegmund Schultze Preis ausgezeichnet: sie nennen sich Kämpfer für den Frieden – und organisieren vor allem gegenseitigen Einladungen: Palästinenser laden Israelis in ihr Haus zum Reden und Essen ein und umgekehrt. Von den Hartlinern auf beiden Seiten wird das nicht gerne gesehen.
„Seid gastfrei untereinander ohne Murren.“ Schon bei Jesus hat das zu manchem Murren geführt: Was gibst du dich mit diesen Fremden ab? Es ist doch so schön bei uns, wenn wir untereinander bleiben. Aber Jesus hat eingeladen und die Türen weit aufgemacht. Sein Geist macht uns gastfrei und einladend.
Wahrscheinlich waren noch nie so viele Menschen auf der Flucht wie in diesen Tagen. Können wir noch deutlicher gastfrei sein? Mehr Menschen aufnehmen aus Syrien oder dem Irak. Diejenigen in unserer Nachbarschaft unterstützen, die ihre Familie retten wollen. Wenn es ihnen gelingt, Verwandte nach Deutschland zu holen müssen sie sich gegenüber dem Staat verpflichten, alles selbst zu zahlen. Können wir sie aus unseren Gemeinden unterstützen?
Das dritte Element ist die Orientierung an den Gaben, die wir empfangen haben. „Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes.“ Der Ausgangspunkt der neuen Wirklichkeit Gottes, in der wir leben, ist nicht der Mangel; der Ausgangspunkt sind vielfältige Gaben, unsere Gaben. Jeder und jede hat etwas empfangen, das er oder sie anderen weitergeben kann; womit er oder sie anderen dienen kann. Die eine kann gut zuhören, der andere singen. Der da kann Jugendliche ansprechen und die da zupacken. Sie alle handeln aus der Kraft, die Gott schenkt. Das ist die wichtige Entdeckung: Ihr habt Gaben, ihr seid liebesfähig! Was ist uns nicht alles gegeben. Wichtig ist, dass es uns gelingt, unsere Gaben gegenseitig wahrzunehmen und für einander nutzbar zu machen, damit sich viele daran freuen.

V
Am Ende schließt sich der Kreis: Aus dem Beten kommen wir uns Tun, aus dem Tun kommen wir ins Gotteslob!
Aus dem Gebet heraus verändert sich unser Miteinander: wir sorgen uns um einander, bohren in Konflikten dicke Bretter, bemühen uns, gastfreundlich zu sein, stellen unsere Gaben in den Dienst der Gemeinschaft.
Am Ende schließt sich der Kreis. Unser Tun und Miteinander mündet in das Lob Gottes: „Damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. Sein ist die Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“