"Was heißt: christlich zu leben?"

Predigt über 1. Thess5. 14-24 zum Thema Flüchtlinge in der Stadtkirche Karlsruhe

14 Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann.
15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann.
16 Seid allezeit fröhlich,
17 betet ohne Unterlass,
18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.
19 Den Geist dämpft nicht.
20 Prophetische Rede verachtet nicht.
21 Prüft aber alles und das Gute behaltet.
22 Meidet das Böse in jeder Gestalt.
23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.
24 Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun.

Was heißt: christlich zu leben, liebe Gemeinde? Unser Predigttext sammelt Erfahrungen und Regeln aus den ersten christlichen Gemeinden. So entsteht so etwas wie eine Richtschnur, an der wir uns orientieren können.

I
 
Am Freitag war ich in Mosbach in einem Flüchtlingsheim. Im Juni wurde in der Stadt bekannt, dass in ein Haus auf dem Gelände der Johannes Diakonie Flüchtlinge einziehen werden. Die Kirchengemeinde lud über die Zeitung ein, sich gemeinsam darauf vorzubereiten. 50 Menschen kamen. Frauen und Männer, Jugendliche, Berufstätige und Ruheständler. Sie wollen etwas tun und helfen. „Jagt allezeit dem Guten nach!“
Sie überlegen: Was ist nötig? Sprachunterricht, Gespräche, Begleitung zu den Ämtern. Und überrascht stellen sie fest: einige von uns haben schon Erfahrungen mit Sprachunterricht; andere können sich um die Ausstattung des Hauses kümmern; die dritten möchten eine Teestube einrichten. Die Gruppe fängt an und der gute Geist Christi breitet sich aus: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern das habt ihr mir getan.“ Die Bibel erzählt: Christus begegnet uns im Fremden. Also lasst uns ihm entgegen gehen und die Flüchtlinge willkommen heißen. „Den Geist dämpft nicht, sondern hört auf die Stimmen, aus denen Gott zu uns spricht!“ Lasst uns anfangen, bald wird der Bus mit den Flüchtlingen vor der Tür stehen.

II
 
Drei Wochen später treffen 20 Männer aus Syrien und Pakistan ein. Sie haben einen weiten und schweren Weg hinter sich. Als sie ankommen, ist die Gruppe schon vorbereitet. Kisten und Koffer werden ins Haus getragen, die ersten Sachen werden ausgepackt. Dann gibt es zu Essen und zu Trinken und zu Reden und zu Lachen.
„Wir sind doch ganz unten – und ihr habt uns willkommen geheißen!“ Dankbar, staunend und auch ein bisschen verlegen erzählen die jungen Männer von dieser Ankunft. Sie sind starke junge Männer, die zu Hause gelernt oder gearbeitet und ihre Familien versorgt haben. Und nun sind sie hier auf Unterstützung angewiesen. „Ihr habt uns aufgenommen wie Babys. Ihr haltet uns im Arm, gebt uns zu essen, tröstet uns.“ Ich muss schlucken: Wie würde es mir als erwachsenem Mann gehen, wenn ich mich plötzlich hilflos wie ein Baby fühlen würde. Der junge Mann, der das sagt, aber meint es ernst und ist dankbar dafür. Später erzählt er kurz: „Ich bin bedroht worden, weil ich Sufi bin“, das ist eine mystische Richtung des Islam. „Die Taliban haben mich auf ihre Liste gesetzt, meine Frau und meine vierjährige Tochter sind noch zu Hause in Pakistan. Sie fragt am Telefon: Wann kommst du wieder, Papa?“
Die Frauen und Männer aus der Mosbacher Gruppe zeigen mir, was es heute heißt, christlich zu leben: „Jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann.“ Mich fasziniert, dass das in beide Richtungen gilt: nach außen, gegen jedermann, aber genauso auch nach innen: untereinander. Unterschiedliche Menschen arbeiten in der Gruppe zusammen. Einer sagt: „Auch wir als Gruppe hätten sonst nichts miteinander zu tun. Und hierher zu den Heimen für behinderte Menschen wäre ich sonst auch nicht gekommen.“

III
 
„Seid allezeit fröhlich!“ Es herrscht eine besondere Stimmung in dem Haus und in der Gruppe. Für mich ist das ein geistlicher Aufbruch. Auch wenn wir im Gespräch miteinander kaum die richtigen Worte finden, auch wenn die Einrichtung des Zimmers für den Deutschunterricht noch sehr provisorisch ist, auch wenn noch nicht klar ist, wie die Rechtsberatung gut zu organisieren ist: hier geschieht etwas Gutes, wir sind gemeinsam im Geist Gottes unterwegs!
Natürlich gibt es Spannungen und Konflikte. Das gehört dazu, wenn sich Menschen begegnen, die in unterschiedlichen Kulturen und Religionen aufgewachsen sind. Das gilt ja auch unter uns. „Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann.“
Es ist nicht einfach, sich in eine solche Hausgemeinschaft einzufinden. Das Haus steht auf dem Gelände der Johannes-Diakonie. Flüchtlinge und behinderte Men-schen, engagierte Freiwillige und hauptberuflich Mitarbeitende begegnen sich. Wie viel Ordnung muss sein? Wie viel Rücksicht müssen die Beteiligten aufeinander nehmen? „Tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann.“ Das könnten auch Sätze für die Hausordnung sein, die in Deutsch, Englisch und Arabisch am schwarzen Brett hängt. Gegenseitige Rücksichtnahme, sich selbst um der anderen und der Gemeinschaft Christi willen zurücknehmen, das ist ein, das ist vielleicht der Grundpfeiler christlichen Lebens.
An einem Abend gehen die Flüchtlinge - sie sind alle Muslime - mit in die Kirche. Sie erzählen aus ihren Heimatländern. Aber es geht auch um Geistliches, um die Kraft, die uns gemeinsam trägt und verbindet. „Betet ohne Unterlass.“
Wir haben einen anderen Glauben, wir beten unterschiedliche Gebete. Aber wir beten in beiden Religionen. Wir wissen beide, dass menschliches Handeln seine Grenzen hat und von Gott begrenzt wird. Wir glauben beide, dass das Böse, das diese Menschen so handgreiflich und brutal erfahren haben, dass das Böse nicht mächtiger ist als Gott. Gott wird es überwinden – und ermutigt uns dazu, daran mitzuwirken.

IV
 
„May God bless you.“ Beim Abschied am Freitag sprechen wir uns gegenseitig den englischen Segenswunsch zu. Wie geht das zwischen einem Christen und einem Muslim? Sollen wir beide darauf vertrauen, dass die Segenskraft Gottes all unsere Vernunft übersteigt?
„Prüft aber alles und das Gute behaltet.“ Ein wichtiges Element christlichen Lebens! Prüfen, den eigenen Verstand gebrauchen, dem Glauben immer wieder nachdenken, dass ich ihn verstehe und auch erklären kann. Darum geht es ja auch in der Konfirmandenzeit: Dass ihr prüft, was euch in eurem Glauben und Leben trägt, damit ihr dann bewusst „Ja“ dazu sagen könnt.

Der Dichter und erste Prälat der badischen Landeskirche Johann Peter Hebel hat zum Thema „Prüfen, was gilt“ eine lustige Geschichte erzählt: „Ein Bauer trifft den Herrn Schulmeister auf einem Feld und spricht ihn an: Ist es euer Ernst, Schulmeister, was ihr gestern den Kindern beigebracht habt: ‚Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so biete ihm auch die andere dar’? Der Schulmeister antwortete: Ich kann nichts davon und nichts dazu tun. Es steht im Evangelium. Also gab ihm der Bauer eine Ohrfeige und die andere auch, denn er hatte schon lange einen Verdruss auf ihn. In der Ferne ritt aber der Edelmann mit seinem Jäger vorbei und sagte: Jäger, schau doch nach, was die zwei dort miteinander haben! Als der Jäger bei den beiden Männern ankam, war der Schulmeister, der ein starker Mann war, damit beschäftigt, dem Bauern auch zwei Ohrfeigen zu geben. Dazu rief er: ‚Es steht auch geschrieben: mit welcherlei Maß ihr messt, wird euch wieder gemessen werden’ und zu dem letzten Sprüchlein gab er ihm noch ein halbes Dutzend Ohrfeigen drein. Da kam der Jäger zu seinem Herrn zurück und sagte: Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr, sie legen einander nur die Heilige Schrift aus“ (nach Johann Peter Hebel, Der rheinische Hausfreund).

Sicher ist das Prüfen auf diese Weise wenig hilfreich. Aber die Geschichte zeigt, dass für beide die Auslegung der Bibel etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Sie zie-hen den Glauben ins Leben, so wie die Menschen, die sich in Mosbach im Flücht-lingsheim engagieren – so wie der pakistanische Mann, der uns am Freitag im Ge-spräch noch einmal an die Geschichte vom barmherzigen Samariter erinnerte, die er ein paar Tage vorher in der Kirche der Johannesdiakonie gehört hatte.

V
 
Jagt dem Guten nach, tröstet, betet, seid dankbar und geduldig, vergeltet nicht Böses mit Bösem, prüft alles, das Gute behaltet! Eine lange Liste von Verhaltensregeln stellt der Predigttext zusammen. Aber es geht ihm nicht darum, die Liste vollständig abzuarbeiten: Warst Du heute schon geduldig? Hast Du heute schon getröstet? Es geht ihm um den Geist, aus dem heraus wir unseren Glauben leben. Dieser Geist ermutigt uns anzufangen und uns auf den Weg zu machen: mit dem, was wir können, aufmerksam für das, was gerade gebraucht wird: Trost, Geduld, Mut, je nach Situation. Dieser Geist ermutigt uns anzufangen und dabei zu erleben, wie reich und fröhlich das Leben im Geist Christi macht.
Und zu wissen: In allem trägt uns der Geist des Gottes des Friedens und bewahrt uns im rechten Glauben und Leben.