„Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht.“ - Predigt über Römer 1, 16f.

Einführung von Rüdiger Schulze als Dekan im Evangelischen Kirchenbezirk in der Stadtkirche in Emmendingen am 21. September 2014

Liebe Festgemeinde, liebe Familie Schulze, lieber Herr Schulze,
seit dem 1. September sind Sie Dekan im Evangelischen Kirchenbezirk Emmendingen. Ich danke Ihnen, dass Sie bereit sind, dieses anspruchsvolle Amt zu übernehmen. Drei Dimensionen im Aufgabenfeld eines Dekans sind mir wichtig:

Die Verknüpfung der verschiedenen kirchlichen Ebenen und Orte: Sie leiten gemeinsam mit der Bezirkssynode, dem Bezirkskirchenrat, dem Schuldekan und ihrem Stellvertreter den Kirchenbezirk. Sie haben dabei die einzelnen Kirchengemeinden mit ihren jeweiligen Traditionen und besonderen Interessen im Blick, aber zugleich geht es Ihnen darum gehen, das zu entdecken, was den Bezirk verbindet. Es ist wichtig, das Zusammenwirken der Gemeinden untereinander zu stärken, aber auch die Gemeinschaft mit den kirchlichen Diensten in Kindertagesstätten und Schulen, in Krankenhäusern und Heimen, in diakonischen Einrichtungen. Und als dritte Ebene ist immer noch die Landeskirche im Spiel. Sie treten dort für Ihren Bezirk ein und umgekehrt bitten die Leitungsorgane der Landeskirche Sie, gesamtkirchliche Perspektiven in Ihrem Bezirk zur Geltung zu bringen.

Die Kooperation der Mitarbeitenden: Sie sind Vorgesetzter vieler Mitarbeitender: Pfarrerinnen und Pfarrer, Gemeindediakone, Jugendreferentinnen, Menschen in Verwaltung und Sekretariat. Alle erwarten ein offenes Ohr und Vertrauen von Ihnen. Sie wollen als einzelne in ihren Gaben und Grenzen aufmerksam wahrgenommen und in ihrem Miteinander gefördert werden. Das gilt auch für die vielen, die sich ehrenamtlich engagieren und die unsere Kirche tragen und prägen. Da ist Achtsamkeit gefragt und, wie Sie angekündigt haben, eine gute Feedbackkultur.

Evangelische Kirche ist öffentliche Kirche: Viele Aufgaben erwarten Sie innerkirchlich. Aber das Evangelium will in die Welt, der Glaube will ins Leben. Deshalb ist der Dekan auch gefragt, wenn es um Fragen des Lebens in der Region geht: um Flüchtlinge und soziale Not, um Bildung, Kultur und Politik, um Ökumene mit unseren Schwesterkirchen, aber auch um die Gemeinschaft der Religionen.
Lieber Herr Schulze, auch wenn das eine Fülle von Aufgaben ist, mir ist nicht bang, dass Sie mit ihren Gemeinde- und Leitungserfahrungen einen guten kooperativen Weg in allen Herausforderungen finden werden. Ich habe Ihnen früher als Lehrpfarrer gerne junge Menschen im Lehrvikariat geschickt, weil Sie verbindlich sind und offen, weil Sie gut zuhören können und sich dann klar positionieren, weil Sie Ihre Arbeit immer wieder theologisch konzentrieren.

Zur Einführung möchte ich Ihnen ein evangelisches Kernwort mitgeben, aus dem Römerbrief im 1. Kapitel die Verse 16 und 17:
Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«

„Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht.“ Paulus hat einen Zusammenhang gesehen zwischen Scham und Evangelium. Er spielt auch heute in unserer kirchlichen Arbeit eine Rolle. Wer gehört schon gern zu einer kleinen Gottesdienstgemeinde, es ist ja nicht immer so wunderbar voll wie heute? Wer spricht schon gerne von der Torheit des Kreuzes, von der Kraft, die in den Schwachen mächtig ist, wenn sonst Stärke, Professionalität, Erfolg und Kompetenz zählt?

Paulus sagt: Ich schäme mich nicht, denn das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. Seine Reaktion auf die Scham ist nicht Rückzug oder Selbstmitleid; er reagiert nicht trotzig oder beginnt um mehr Effektivität oder Qualität zu wetteifern, obwohl all das wahrscheinlich auch sein Recht in der Kirche hat. Paulus weist in seiner guten Nachricht von sich und seinem Tun weg auf die Kraft Gottes. Sie überwindet die Scham. Sie macht selbstbewusst. Sie macht mutig. Sie macht selig! Auf diese Kraft können Sie, lieber Herr Schulze, sich verlassen; sie wird Sie stärken.

Damit bin ich beim zweiten: das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Die Kraft Gottes zeichnet sich dadurch aus, dass sie Unterschiedlichkeit zulässt und trotzdem in einem Glauben verbindet. Juden und Heiden, die beiden Begriffe stehen für zwei Wege, die damals heftig aufeinander geprallt sind. Paulus hat sich aus diesen Konflikten nicht herausgehalten, aber er hat festgehalten: Das Evangelium macht nicht gleich; wir bleiben verschieden. Aber die Kraft Gottes macht beide Gruppen selig und hilft uns, unsere Konflikte offen, ehrlich und im Wissen um die gemeinsame Bindung an Christus auszutragen. Ich wünsche Ihnen, lieber Herr Schulze, dass Sie in allen Auseinandersetzungen, in die Sie kommen werden, diese verbindende Kraft spüren, aufnehmen und zur Gestaltung nutzen können.

Und schließlich: Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« Über unsere Seligkeit entscheidet nicht das Ansehen, das wir von uns selbst oder das andere von uns haben, sondern Gottes Blick auf uns. Sie vermitteln das in Ihren Predigten und auch in Ihrem Leitungshandeln. Aber es gilt auch Ihnen, lieber Herr Dekan! Bei allen Anforderungen, die an Sie gestellt werden: zuhören, moderieren und leiten können, sich theologisch auskennen, einen weiten Horizont haben usw. Aus Glauben leben, heißt auch: frei sein gegenüber Ansprüchen und Erwartungen und sich getragen wissen von der Gerechtigkeit Gottes. Wir können und müssen nicht alles machen, wir leben aus Gottes Gerechtigkeit, wir sind gemeinsam in der Kraft Gottes auf dem Weg.

Deshalb soll dieses Wort Sie auch in Ihren Freiräumen stärken. Dass genügend Zeit und Kraft für die Familie bleibt und für persönliche Interessen, Zeit und Kraft, um inne zu halten, um sich zu besinnen, sich körperlich, geistig und geistlich zu stärken.

Ich wünsche Ihnen, lieber Herr Schulze, dass Sie diese freimachende Kraft Gottes in all Ihrem Tun und Lassen begleitet.