Danken und Gutes tun gehört zusammen

Predigt zur Erntedankfeier des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes auf dem Betrieb der Familie Sänger-Schwarz in Linx am 12.10.2014

„So laßt uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergeßt nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“ (Hebr. 13, 15+16)
 
Liebe Festgemeinde,
ein Vogel fliegt mit zwei Flügeln. Mit zwei Flügeln, sagt der Bibeltext, fliegt auch unser Lob am Erntedankfest zu Gott. 1. Wir bringen unseren Dank mit Singen und Beten vor Gott und 2. erinnern uns gegenseitig an unsere Verantwortung vor Gott: Gutes zu tun und mit anderen zu teilen!

I
Am Erntedankfest kommen diese beiden Dinge in besonders offensichtlicher und leibhaftiger Weise zusammen. Deshalb ist es in vielen Gemeinden, nicht nur auf dem Land so wichtig. Deshalb finden wir auch in Stadtgemeinden wunderbar geschmückte Altäre. Oft sammeln Alte und Junge, Senioren und Konfirmandinnen Gaben, so dass dann neben Äpfeln und Möhren und Kartoffeln manchmal auch Fertigpizzen und Milkyways liegen.
Am Erntedankfest erleben wir sinnenfällig, was uns alles geschenkt ist. Wunderbar geschmückt sind die Kirchenräume. Die Fülle des Lebens, die Gott uns schenkt, wird sichtbar, aber auch fühlbar, sie lässt sich riechen und schmecken. Und zugleich erkennen wir und zeigen, dass die Fülle an Nahrungs- und anderen Lebensmitteln, die wir zur Verfügung haben, ein Geschenk ist – und nicht selbstverständlich.
Nur wenige von uns machen sich im trockenen Frühjahr Sorgen, dass das Samenkorn dieses Jahr auch einmal nicht aufgehen könnte, weil es nicht feucht genug ist. Sie, liebe Landwirtsfamilien, wissen es am Besten: auch wenn alles Notwenige getan ist, dass wir ernten können, dass wir uns an dieser Fülle freuen können liegt trotz aller Klugheit, Technik und Arbeit nicht in unserer Hand. „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen liegt in des Herren Hand!“
Und diese Ernteerfahrung geht ja weit über Landwirtschaft und Gartenarbeit hinaus. Was haben wir nicht alles geerntet im letzten Jahr: gute Noten in der Schule, Autos gebaut, unsere Arbeit erledigt und damit Geld verdient. Die Erntedanklieder sind wie ein Erinnerungszettel an alles, was uns geschenkt ist : Wer hat das schöne Himmelszelt hoch über uns gesetzt? Wer schützt uns vor dem Wind? Wer schenkt uns das Wasser zum Trinken und zum Waschen? Und die Freundlichkeit unserer Mitmenschen? „Was sind wir doch, was haben wir auf dieser ganzen Erd, das uns, o Vater, nicht von dir allein gegeben wird?“
Viele spüren dieses Geheimnis des Lebens: dass es geschenkt ist, dass wir nicht alles machen können – und wohl auch nicht sollen. Deshalb sind die Kirchen an diesem Festtag auch besonders voll. Deshalb kommen viele Eltern mit ihren Kindern und legen am Altar ihre Gaben ab. „Mein Kind soll erfahren, dass Leben ein Geschenk ist, für das wir Gott dankbar sind.“ Deshalb spielt dieses Fest in vielen Kindertageseinrichtungen eine große Rolle – und ist auch im interreligiösen Gespräch so gut verständlich. Leben ist ein Geschenk, für das wir Gott danken.

II
Wie können wir Gott danken? Wie verleihen wir diesem Gefühl von Dankbarkeit Ausdruck? Als erstes dadurch, dass wir loslassen, dass wir statt für alles selbst zu sorgen und zu planen, Gott unser Leben anvertrauen. Darum geht es ja bei diesem Lobopfer, von dem unser Bibeltext spricht. Eine neue Bibelübersetzung sagt statt Lobopfer darbringen: singen und beten. Wir danken Gott mit der Frucht unserer Lippen. Wir loben Gott mit Harfen und mit Saitenspiel mit Trompeten und Posaunen. Mit diesem Loben können wir nichts direkt erreichen. Wir singen, sie spielen einfach um der Freude, um des Lobes, um der Dankbarkeit willen. Ich denke deshalb passen Singen und Posaunenchöre so gut zu Erntedank.
Es ist wunderbar, dass wir das hier gemeinsam tun. Aber das große Lob des Erntedankfestes hat auch einen kleinen Bruder: das Tischgebet! Für Speis und Trank, fürs täglich‘ Brot, wir danken dir, o Gott! Sich auch im Alltag, vor dem Essen Zeit zu nehmen, allein oder in der Familie, zu danken, das verändert die Blickrichtung. Ich werde aufmerksam für das Geheimnis des Lebens. Ich nehme mir Zeit zum Loslassen: Ich habe nicht alles in der Hand, danke Gott, dass Du mich nährst, trägst und stärkst.
Beim Tischgebet ist es wie beim Erntedankfest. Das Loben und Danken will gepflegt und gehegt sein; wir müssen Zeit und Raum dafür frei halten, es einüben. Nur so können es von Generation zu Generation weitergeben: die Konfirmandinnen und Konfirmanden ziehen mit Bollerwagen von Haus zu Haus und holen die Erntegaben, das jüngste Kind spricht mittags das Tischgebt, die Kindertagesstätten sammeln und bringen ihre Erntegaben gemeinsam in die Kirche, niemand beginnt bei der Freizeit zu essen, bevor nicht alle sitzen und gedankt haben, der badische landwirtschaftliche Hauptverband lädt jedes Jahr in einen Betrieb ein zur gemeinsamen Erntedankfeier. Viele gute Formen, um das Danken zu üben und die Sorgen im Vertrauen auf Gott los zu lassen: Vergesst nicht zu danken, eure Gemeinschaft zu pflegen und Gutes zu tun!

III
Damit bin ich bei der anderen Seite, die zum Erntedankfest gehört. Wir erinnern uns gegenseitig an unsere Verantwortung füreinander. An wen verteilen wir die Gaben, die hier den Altar schmücken? An die Tafeln, die auch in unserem Land offensichtlich immer nötiger werden? An die Menschen, die in diesen Tagen als Flüchtlinge zu uns kommen? Manche von ihnen klagen nicht nur über die Schrecken des Bürgerkrieges, über Vertreibung und Flucht, sondern darüber, dass sie ihr Land nicht mehr bestellen können, dass es brach liegen wird, von Panzern zerfurcht wird statt vom Ackerpflug? Nicht nur der Mensch leidet, die ganze Schöpfung stöhnt, schreibt schon der Apostel Paulus.  
Mich bewegen diese Worte und die Lage der Menschen in Syrien und im Irak in diesen Tagen. Wie lässt sich das heute für uns konkretisieren: Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solches gefällt Gott!? Wir sammeln an diesem Tag in den evangelischen Kirchen immer für die Hungernden in der Welt „Wir können gehen und etwas tun, weil wir Beschenkte sind“, sagt der Pastor von St. Pauli Sieghard Wilm, der im letzten Jahr monatelang mit seiner Gemeinde 80 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Libyen aufgenommen hat.
Wie können wir etwas Gutes tun und teilen? Ich habe vor einigen Wochen in der Zeitung gelesen, dass die EU Obst und Gemüse im Wert von 150 Mill Euro kompostieren lässt, um die Preise zu stabilisieren. Ich verstehe wenig von den wirtschaftlichen Mechanismen, die solche Entscheidungen begründen, aber ich wünsche mir, uns und den Verantwortlichen mehr politische Phantasie, einen anderen Weg zu finden, z.B. vielleicht dieses Gemüse und Obst in den Libanon zu fliegen, wo inzwischen Millionen von Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak leben, 40 % der Bevölkerung des Libanon sind inzwischen Flüchtlinge! Wahrscheinlich gibt es Gründe und sachliche Zwänge, die einer solchen Aktion entgegenstehen. Die biblischen Geschichten von Jesus, sein Leben, Sterben und sein Auferstehen sagen: Ein anderes, neues Leben ist möglich, eines, das die Liebe teilt, die Gott uns schenkt.

IV
Ein Vogel fliegt mit zwei Flügeln. Mit zwei Flügeln, sagt der Bibeltext, fliegt auch unser Lob zu Gott. Der eine Flügel ist das Lob, das Gebet, das Singen, um für alles zu danken, was Gott uns Gutes tut. Der andere ist, dass wir uns wechselseitig erinnern, Gutes zu tun und mit andern zu teilen – und dies dann auch zu tun. Beide Flügel: die Dankbarkeit und das Teilen machen uns leicht, wenn sie zusammen wirken. Sie lassen uns frei und fröhlich fliegen und sie gefallen Gott. „So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergeßt nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“

Danken und Gutes tun, beides gehört unmittelbar zusammen. An Erntedank erleben wir, dass uns Gott das Leben schenkt und dass wir uns auf Gottes Beistand verlassen können. Wir müssen nicht für alles selber sorgen, alles im Griff haben und alles selbst steuern. Wir danken und lassen los. Unsere eigenen Sorgen und unsere Angst werden kleiner. Wir werden freier und freigiebiger. Wir geben weiter von der Fülle, mit der Gott uns beschenkt.
Und der Friede Gottes ... Amen.