Wie leben Männer und Frauen heute so, dass sie ihrer Berufung durch Christus gerecht werden? - Predigt zu Epheser 4, 1-6

Bei der Einführung und Verabschiedung des Landesausschusses der Evangelischen Frauen in Baden am 18. Oktober 2014 in der Schlosskirche Mannheim

Eph 4, 1-6
1 So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, 2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einander in Liebe 3 und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: 4 "ein" Leib und "ein" Geist, wie ihr auch berufen seid zu "einer" Hoffnung eurer Berufung; 5 "ein" Herr, "ein" Glaube, "eine" Taufe; 6 "ein" Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Liebe Festgemeinde,
wie leben Männer und Frauen heute so, dass sie ihrer Berufung durch Christus gerecht werden?
I
Der Predigttext hebt drei Aspekte hervor, die christliches Leben auszeichnen: Demut, Sanftmut und Geduld. Meine erste Assoziation: „Sanftmut den Männern!“ Sie kennen das Lied! Das wäre ein guter herausfordernder Text für eine Predigt zur Einführung eines Landesausschusses der Evangelischen Männer in Baden. Ich könnte über den „neuen Mann“ predigen und den Männern sagen: Schaut auf die Frauen; sie leben der christlichen Berufung würdiger! Aber hier aus diesem Anlass? Einen Strauß von Einstellungen predigen, der sich wie eine Tugendlehre für Frauen aus dem 19.Jahrhundert liest?
II
Die genannten Tugenden sind eher leise. Um sich an ihnen zu orientieren, muss ein Mensch nichts machen, sondern eher etwas geschehen lassen; er oder sie muss nicht zupacken, sondern eher loslassen.
Das lateinische Wort für Demut ist humilitas. Es kommt ebenso wie das Wort humanitas Menschlichkeit aus der Wurzel humus, das heißt: Erde, Schmutz, Dünger. Als Tugend orientiert sich die Demut nach unten. Sie steht mit beiden Füßen auf der Erde und schätzt sich, andere und Situationen realistisch ein. Das macht gelassen und hindert daran, sich selbst zu ernst zu nehmen. Auch der Humor kommt von humus, von unten. Weil er nicht auslacht, sondern die eigene Schwäche kennt und mit ihr spielt. Weil er Differenzen und Hierarchien relativiert, indem er sie auf den Boden zurückholt.
Im Miteinander stärkt die Demut die Aufmerksamkeit für das, was der oder die andere braucht. Sie gewährt der anderen einen Vorschuss, taxiert sie nicht herunter: „das kann die nicht“, „na, das hätte auch besser sein können“, „da habe ich auch schon mehr gesehen“. Die Demut achtet die andere erst einmal höher. Theologisch heißt das: Die Demut schaut die andere mit den Augen Gottes an, von unten herauf, so dass die andere größer und liebenswerter erscheint.
Lange Zeit wurden die Frauen zur Demut gezwungen. Schon im Epheserbrief findet sich diese Spannung, die die folgende christliche Tradition prägt. Wird in unserem Predigttext die Demut als Eigenschaft aller Christinnen und Christen beschrieben, wird ein Kapitel später den Frauen zugerufen: „Ordnet euch euren Männern unter.“
Was folgert aus der Ambivalenz, die sich mit diesem Begriff für Sie als Frauen, für uns als Kirche, für unsere Gesellschaft verbindet? Erst einmal eine Fastenzeit für den Begriff Demut ausrufen, ihn eine Zeitlang nicht mehr benutzen, bis sich ein neuer geschlechtersensibler Zugang eröffnet?
III
Im Blick auf die Tugenden der Sanftmut und der Geduld sind die Ambivalenzen nicht geringer:
Sanftmut ist auf Ausgleich und Miteinander gestimmt, nicht auf Entscheiden und Durchsetzen. Dafür gelten Frauen als zuständig; sie sollen Konflikte ausgleichen und Familien zusammenhalten. Sitzen deshalb noch immer so wenige Frauen in Vorstandsetagen und Entscheidungsgremien?
Und wie steht es mit der Geduld! Können Frauen besser warten? Weil sie wissen, dass Lebensprozesse ihre eigene Zeit haben: Gebären, aufziehen, sterben? Aber zugleich werden Frauen heute in besonderer Weise gedrängt: Ausbildung und berufliche Karriere, Partnerschaft und Mutterschaft – alles soll möglichst zwischen 20 und 30 geschafft sein. Sonst droht die gläserne Decke im Beruf oder ein Zuspät in der Familienplanung. Haben Sie auch gelesen, dass große amerikanische Konzerne jungen Frauen das Einfrieren ihrer Eizellen finanzieren, damit sie in jungen Jahren ganz für die Firma da sein können?
IV
Die drei Tugenden Demut, Sanftmut und Geduld tragen eine Geschichte mit sich, die sie nicht loswerden. Sie enthalten ein Frauenbild, das Frauen einschränkt. Doch in ihnen steckt auch ein Potential, dass Sie, liebe Frauen in Baden, in unsere Kirche und Gesellschaft einbringen. Dafür danke ich Ihnen und bitte Sie, dies auch weiterhin zu tun.
Die Demut haftet am Boden. Es ist wichtig für unsere Kirche, dass Sie in vielem, was Sie tun, diese Perspektive von unten und auf den Boden einbringen. Menschen bestehen aus Leib und Seele. Spiritualität und Frömmigkeit haben mit Körperlichkeit zu tun, mit Übung und Haltung. Mit den Frauenmahlen haben Sie der Kirche einen starken Impuls gegeben, sie wieder daran erinnert, dass Geselligkeit und Gotteslob, Essen und Abendmahl, politischer Aufbruch und Feier zusammengehören.
Demut schärft unseren Blick für die basalen Bedürfnissen von Menschen: Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, Würde. Das Müttergenesungswerk ist für mich ein besonderes Beispiel: Frauen haben die Situation von Frauen nach dem Krieg wahrgenommen: Traumatisierungen, körperliche Belastungen, Trennungserfahrungen, Flucht. Elly Heuss-Knapp, Antonie Nopitsch und andere haben hingeschaut und mit Geduld und Hartnäckigkeit das erste interkonfessionelle Werk der freien Wohlfahrtspflege geschaffen. Seitdem haben sich die sozialen Notlagen verändert, neue Beratungsangebote sind entstanden, z.B. für Frauen, die zu Prostitution gezwungen werden.
Elly Heuss-Knapp hat über ihr Engagement geschrieben, dass es ihr bei allem immer auch um „die friedliche Zusammenarbeit, besonders auch zwischen den Konfessionen.“ „Und haltet fest die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens.“
Demut ist keine servile Haltung. Sanftmut ist Ausdruck von Freiheit; sie richtet Menschen wieder auf, die gefallen sind. Sie erwächst aus einer Haltung innerer Stärke und Freiheit: die anderen müssen nicht klein sein, damit ich groß bin. Jesus bezeichnet sich als sanftmütig, wenn er die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft. Sanftmut verteilt sich nicht auf die Geschlechter.
V
Frauenarbeit ist vielfältig. Der Predigttext betont die „Eins“. Sieben Mal heißt es: "Ein" Leib und "ein" Geist, wie ihr auch berufen seid zu "einer" Hoffnung eurer Berufung; "ein" Herr, "ein" Glaube, "eine" Taufe; "ein" Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen. Aber damit sind weder Einfalt noch verordnete Einheit gemeint. Die Vielfalt erhöht die Aufmerksamkeit für die Unterschiedlichkeit der Herausforderungen. Sie öffnet den Blick über den Horizont unserer Landeskirche hinaus. Das prägnanteste und prägendste Beispiel dafür ist die Weltgebetstagsarbeit, die sich aus anderen Ländern den Blick schärfen lässt für soziale Ungerechtigkeit, für Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, für Fragen des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung, um sich dann gemeinsam auf den Weg zu machen.
All das geschieht im Horizont des Glaubens an Gott, der und die sich selbst als vielgestaltig präsentiert: Als Kraft des Geistes, die leibhaftig wirkt und die Hoffnung stärkt. Als Herr, der in der Taufe frei spricht und Beistand zusagt, der im Glauben orientiert. Und schließlich als „"ein" Gott, Mutter und Vater aller“ eröffnet Gott einen weiten Horizont und gibt zugleich einer umfassenden Einheit Gestalt: über allen, durch alle und in allen.
Über allen, das leuchtet schnell ein. Wir sind nur Menschen, wir sollen uns nicht übernehmen. Über Leben und Tod bestimmen nicht wir; die Wahrheit kennt allein Gott. Das begrenzt uns heilsam und eröffnet uns zugleich Möglichkeiten für ein Gespräch mit Menschen, die anders glauben oder fern sind. Was aber heißt: durch alle? Wirkt Gott auch durch Menschen, die nicht getauft sind, die einer anderen Religion anhängen? Geht die Vielfalt soweit? Noch deutlicher wird das bei der mystischen Formulierung: in allen. Gott in allen! Ein göttlicher Funke in jedem Menschen? Christliche Identität lässt sich nicht durch Abgrenzung gewinnen, sondern sucht auch im Fremden und Fernen nach Christus.
VI
„Dass ihr der Berufung würdig lebt – in Demut, Sanftmut und Geduld!“ Sie, liebe Frauen aus dem bisherigen und aus dem neuen Landesausschuss, leiten die Frauenarbeit unserer Kirche. Sie übernehmen eine besondere Verantwortung für die Frauenarbeit, aber auch für unsere ganze Landeskirche. Die Tugendlehre des 19. Jahrhunderts haben Sie hinter sich; aber bitte halten Sie für uns die Potentiale wach, die in einem christlichen Leben stecken, dass nah am Boden ist, einen weiten Horizont hat und den Nächsten und die Fremden mit Gottes Augen sieht.