Reden und Handeln aus der Botschaft Christi heraus

Predigt über Micha 4 1,5 beim ökumenischen Gottesdienst zum Konzilsjubiläum im Konstanzer Münster am 5.11.2014

1 In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, 2 und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
3 Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
4 Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat's geredet.
5 Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes und wir wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, immer und ewiglich!

 

Liebe Festgemeinde,
„Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist?, dass alle Völker darüber froh werden müssen? … Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und die Völker froh werden.“ (Dietrich Bonhoeffer, Kirche und Völkerwelt, 28. August 1934, GS I, 218f) Angesichts der Situation im Nahen Osten und in der Ukraine, in Afghanistan und Nigeria, in Mexiko und im Sudan ist dieser Ruf nach einem ökumenischen Konzil auch nach 80 Jahren aktuell.


20 Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkriegs und fünf Jahre vor Beginn des zweiten hoffte Dietrich Bonhoeffer 1934 auf ein Konzil. „Nit allein der Kirchen, Sunder ouch des richs und gemeines nuczes sachen“, wollte auch König Sigismund auf dem Konzil in Konstanz voranbringen.


Verständigung suchen, Interessen ausgleichen, gemeinsame Zukunftsperspektiven entwickeln: das war und ist der Sinn und das Ziel von christlichen Konzilien und Synoden. Sie nehmen die Bewegung Gottes in die Welt und für die Menschen auf und suchen nach Wegen für Frieden, Gerechtigkeit und Leben für alle. Sie versuchen, einen Vorschein der neuen Wirklichkeit Gottes schon heute in die Welt zu bringen, die der Prophet Micha verkündet: Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. 4 Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.
Vier Aspekte von konziliaren Prozessen klingen für mich in dem Prophetenwort an.


I

Er beginnt mit einer Zeitangabe: „In den letzten Tagen!“ Konzilien ereignen sich in der Zeit, aber sie sind zugleich von einem weiteren Zeithorizont bestimmt. Endzeitstimmung hat viele Konzilien geprägt, die Angst vor dem Weltuntergang. Die Pest wurde zum Zeichen für das nahende Ende, Endzeitpropheten hatten Zulauf.
Für den Glauben bleibt wichtig: Die Geschichte hat ein Ende und ein Ziel. Es gibt eine Zukunft Gottes, die auf uns zukommt. Sie ist noch nicht da, aber sie beeinflusst schon heute unser Leben. Sie verändert uns und richtet uns neu aus. Sie gibt uns Zuversicht: Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat's geredet.
Wir vertrauen darauf, dass Gottes Zusage gilt! Auch in Syrien, im Irak und in der Ukraine. Auch in Israel und Palästina. Auch für die Flüchtlinge, die zu Tausenden in Europa Schutz suchen müssen: Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat's geredet.


Zugleich unterscheidet diese Zeitangabe das Heute, unsere Gegenwart von dieser Zeit, in der Gottes Herrlichkeit für alle sichtbar wird. Das schützt davor, sich Bewegungen anzuvertrauen, die versprechen, selbst das Reich Gottes herbeiführen zu können.


Und es macht realistisch: In Konstanz ging es nicht nur um hehre Ziele. Die Landesausstellung zeigt klar, welche Interessen damals am Werk waren und dass es auch um Macht und Geld ging. Sigismund wollte von einem legitimen Papst zum Kaiser gekrönt werden; er plante einen Kreuzzug des geeinten christlichen Abendlandes gegen die Osmanen. Gemeinschaft wurde beschworen und im internationalen und interkulturellen Austausch erlebbar. Doch diese Gemeinschaft blieb begrenzt auf das christliche Abendland; sie blieb Identität, die durch Abgrenzung gewonnen wird.


II

Heute leben wir in einer anderen, einer pluralen, multikulturellen und multireligiösen Situation. Eine konziliare Konfliktlösung aber scheint mir so aktuell und so notwendig wie 1414 und 1934. Denn nur wenn wir Wege finden, Konflikte sine vi sed verbo, d.h. nicht durch Macht und Gewalt, sondern durch Worte und durch sprachliche Verständigung zu lösen, nur wenn wir der konziliaren Konzeption eine Chance geben, gewinnen wir als Menschheit eine lebenswerte Zukunft.


Nur dann nehmen wir als Christinnen und Christen Gottes Verheißung ernst, die der Prophet uns als eine friedliche Wallfahrt der Menschen hin zu Gott vor Augen malt. Die Völker kommen freiwillig herzu gelaufen, nicht weil sie dazu gezwungen werden. Sie laufen herzu, weil das, was da passiert, attraktiv für sie ist; weil das, was sich bei Gott ereignet, Zukunft eröffnet. Das Recht setzt sich durch und nicht die Macht. Männer und Frauen, Kinder und Alte, Schwache und Starke leben miteinander. Sie teilen, so dass alle satt werden und ein Dach über dem Kopf haben.


III

Damit bin ich beim dritten Aspekt: Was macht eine konziliare Lösung heute attraktiv? Was können die Kirchen - in aller Vorläufigkeit – heute dazu beitragen, dass Wege für friedliche, verbindliche und verbindende Konfliktlösungen gefunden werden?
Wichtig ist, wie wir als Kirchen selbst mit Konflikten umgehen. Das verkündigt! Das strahlt aus! Schauen wir auf das Konstanzer Konzil, so schwebt die Verbrennung von Jan Hus und Hieronymus von Prag bis heute wie ein dunkler Schatten über den Wirkungen des Konzils. Die Menschen aber, vor allem in Böhmen, die auf Hus schauten und hofften, weil er sich intensiv bemühte, in der Nachfolge Christi zu leben, weil er über Reformen und über den Laienkelch nachdachte; alle die, die auf mehr Beteiligung und Gewissensfreiheit in der Kirche hofften, erlebten schon damals seinen Tod als Gewalttat und Unrecht und als Widerspruch gegen die Verkündigung des liebenden und Frieden stiftenden Vaters Jesu Christi. Die Verbrennung schüchterte sie ein, vergrößerte aber auch ihre Distanz und verstärkte ihr Streben nach einer grundlegenden Reformation. Wie wir mit Konflikten umgehen verkündigt!


Dazu gehört auch, dass deutlich wird: Wir reden und handeln nicht um unseres eigenen Vorteils willen, sondern aus der Botschaft Christi heraus. Nach meinem Eindruck findet Papst Franziskus auch deshalb so viel Zustimmung in der Öffentlichkeit, weil er genau das deutlich macht: Seine geistlichen Impulse gründen nicht in einem kirchlichen Eigeninteresse, sondern leben aus dem Geist Christi und tragen die Zusage Gottes in die Welt: Friede auf Erden!
Wie wir leben und mit Konflikten umgehen, das verkündigt. Unser Glaube macht uns frei zu teilen. Viele in unseren Gemeinden öffnen sich in diesen Tagen für Flüchtlinge, die zu uns kommen. Sie heißen die Menschen willkommen, die vor dem Krieg geflohen sind und von ihrem Weinstock und Feigenbaum verjagt wurden. Sie spenden Kleider, helfen beim Eingewöhnen, spielen mit den Kindern, geben Sprachunterricht. Damit ist noch kein neuer Weinstock gewachsen, keine neue Heimat unter einem Feigenbaum gefunden; aber manchmal wird hoffentlich ein erstes Ausruhen unter einem Apfelbaum möglich, ein Innehalten, ein Verschnaufen, ein Weinen - und manchmal auch ein Lachen.


IV


Ein letzter Aspekt: Um glaubwürdig zum Frieden in der Welt beizutragen, müssen wir als Kirchen selbst ein konziliares Miteinander leben. Dazu gehört, dass wir um unsere Unter-schiede wissen, z.B. im Abendmahlsverständnis oder im Verständnis des Amtes. Dass wir miteinander in diesen Fragen weder gleichgültig-desinteressiert noch abwertend umgehen, denn hinter unseren Unterschieden stecken ja jeweils Glaubensüberzeugungen und gelebte Frömmigkeit. Gelingt es uns in allen Unterschieden die Einigkeit erkennbar werden zu lassen, den einen Geist Christi, das Band des Friedens, das uns verbindet?
Micha weitet unseren Blick noch, auf das Miteinander der Religionen: Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes und wir wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, immer und ewiglich! Dieses Bild malt kein indifferentes Nebeneinander; es sagt nicht: Es ist egal, was wir glauben und wie wir miteinander leben. Aber es ermutigt zu einem Leben in einem Glauben, der die Anderen im Blick behält. Der die anderen mit Gottes Augen sieht und deshalb immer fragt: Wie kann ich meinen Glauben leben, ohne die Überzeugung oder den Glauben anderer zu verletzen oder zu missachten?


V

Ist heute ein konziliares Miteinander möglich? Das den verfeindeten Menschen die Waffen aus der Hand nimmt, so wie Bonhoeffer es 1934 von einem großen christlichen Konzil erhofft hat. Das den Krieg verbietet? Das den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt?


3 Gott wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Landen.
Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. 4 Ein jeder Mensch wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat's geredet.