„Über die Ehrfurcht“

Eine Begegnung mit Albert Schweitzer auf dem Berg der Verklärung

Die Verklärung Jesu
1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. 2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.
3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. 4 Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.
5 Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!
6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. 7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! 8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.
9 Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

Was braucht unsere Welt, liebe Gemeinde? Ich bringe Ihnen eine Antwort mit: Wir brau-chen Ehrfurcht vor dem Leben! In einem ganz umfassenden Sinn: Ehrfurcht vor anderen Menschen, vor ihren Überzeugungen und ihrem Glauben, vor ihren Rechten und ihrer Würde. Ehrfurcht aber auch vor anderen Geschöpfen: den Tieren, den Pflanzen, unserer Mitwelt. Wie kommt diese Ehrfurcht in unsere Welt? Wie gelangt sie in mein Herz?
I
Ehrfurcht vor dem Leben, das war das Grundmotiv von Albert Schweitzer. Er wurde 1875 also vor 140 Jahren im Elsaß geboren und starb mit 90 Jahren, also 1965, vor 50 Jahren, in Lambarene, dort, wo er im Urwald von Zentralafrika 1913 sein Spital gegründet hatte. Vielen von Ihnen wird der Namen etwas sagen. Straßen heißen nach ihm, in Michelbach z.B. und viele Schulen wie das Gymnasium in Gernsbach. Schweitzer war Theologe und Arzt, ein begnadeter Organist, Philosoph und überzeugter Pazifist. 1952 erhielt er den Friedensnobelpreis.
Ein besonderer Mensch mit einer besonderen Ausstrahlung: freundlich, selbstbewusst, eigenständig – und immer darauf aus, etwas für den Frieden und ein gutes Miteinander zu tun, die Ehrfurcht vor dem Leben zum Grundmodell des Lebens auf dieser Erde zu machen.
Was meint Schweitzer mit „Ehrfurcht vor dem Leben“?
Lassen Sie mich mit einer kleinen Geschichte beginnen:
Schweitzer erzählt, wie ein Klassenkamerad ihm an einem Sonntag in der Passionszeit vorschlägt: „Komm, jetzt gehen wir in den Rebberg und schießen Vögel.“ Sie hatten sich Schleudern gebastelt, mit denen man kleine Steine verschießen kann. Schweitzer will eigentlich nicht, aber er traut sich nicht nein zu sagen. Er will nicht ausgelacht werden.
Als sie den ersten Vogel in einem Baum entdecken, legt sein Freund einen Kiesel in die Schleuder und fordert Albert auf, das Gleiche zu tun. „In demselben Augenblick fingen die Kirchenglocken an zu läuten“, schreibt Schweitzer. „Es war das Zeichen-Läuten, das dem Hauptläuten eine halbe Stunde voranging. Für mich war es eine Stimme vom Himmel. Ich tat die Schleuder weg, scheuchte die Vögel auf, dass sie wegflogen und vor der Schleuder meines Begleiters sicher waren und floh nach Hause. Und immer wieder, wenn die Glocken der Passionszeit in Sonnenschein und kahle Bäume hinausklingen, denke ich ergriffen und dankbar daran, wie sie mir damals das Gebot: „Du sollst nicht töten“ ins Herz geläutet haben. Von jenem Tag an habe ich gewagt, mich von der Menschenfurcht zu befreien. … Die Scheu vor dem Ausgelachtwerden … suchte ich zu verlernen.“
Ehrfurcht vor dem Leben, die Menschenfurcht verlernen und sich an Gottes Weisung bin-den. Schweitzer hat das sein Leben lang mutig versucht. In seinem Engagement für die Kranken in Afrika, aber auch gegen die Atombomben, die 1945 Hiroshima und Nagasaki zerstörten, und später gegen die Atomrüstung.
II
„Ehrfurcht vor dem Leben“ macht frei und bindet.
Sie macht frei von Menschenfurcht. Frei von der Furcht ausgelacht zu werden. Frei von der Sorge, nicht dazu zu gehören. Sie macht mutig und selbstbewusst. Ich trete für meine Überzeugungen ein, ich stehe zu dem, was mir wichtig ist und mein Leben trägt.
Das ist die andere Seite. Ehrfurcht vor dem Leben macht frei von Menschenfurcht, weil sie sich gebunden weiß an Gott. Darauf baut diese Ehrfurcht auf, dass Gott uns, mir etwas sagt und ans Herz legt und manchmal auch – wie bei Albert Schweitzer - ins Herz läutet.
III
Wie kommt diese Ehrfurcht in die Welt? Wie findet sie in mein Herz?
Der Evangelist Matthäus erzählt wie Jesus predigt und heilt. Sechs Tage lang. Aber am siebten Tag ist Zeit, sich zu besinnen und den eigenen Glauben zu stärken. Gott nahe zu sein, um neue Kraft zu schöpfen.
Dazu geht Jesus mit Petrus, Johannes und Jakobus auf einen Berg. Die Drei sind engagierte Jünger. Sie folgen Jesus begeistert, sie reden mit den Leuten über ihn, verteilen Brot, tun und machen. Jetzt steigen sie mit Jesus auf den Berg.
Je höher sie steigen, desto mehr tritt der Alltag zurück. Manches, was eben noch dringend war und unbedingt zu erledigen, verliert an Gewicht. Jetzt sind sie nicht mehr die Macher. Sie lassen ihre Aufgaben zurück. Hier gibt es nichts zu organisieren. Hier herrscht Ruhe, Pause. Für manche ist Innehalten schwieriger, als immer weiter zu machen. So wie beim Einschlafen. Wenn die Starken sich stärken lassen wollen, müssen sie loslassen und zur Ruhe kommen.
Das ist das Erste: Ehrfurcht nimmt mir die Macht aus den Händen. Ich muss loslassen. Ehrfurcht braucht die Unterbrechung, die Stille, das Hören auf die Glocken, auf Gottes Wort im Gottesdienst.
IV
Nach dem Aufstieg, oben auf dem Berg, gewinnen die Jünger eine neue Perspektive. Der Himmel ist blauer, das Licht ist heller, die Luft ist klarer, der Kopf ist freier. „Und Jesus wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht“, heißt es bei Matthäus. Jesus verwandelt sich vor den Jüngern. Eben sah er noch aus wie sie: Leinengewand, staubige Schuhe, verschwitztes Gesicht. Und nun: Jesus ist anders! Eine Lichterscheinung: alles ist weiß, strahlend hell, sein Gesicht wie die Sonne.
Das ist das Zweite: Die Ehrfurcht zeigt uns Jesus anders, als wir das gewohnt sind. Da passt er nicht mehr einfach in unsere Muster. Da überrascht er, stört vielleicht sogar, fordert auf jeden Fall heraus. Das hat Albert Schweitzer erkannt, danach hat er sein Leben ausgerichtet.
V
Oben auf dem Berg überschattet die Jünger eine lichte Wolke. „Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! 6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr.“
Der Himmel tut sich auf. Gott sagt, wer Jesus ist: Er ist mehr als ein heiliger Mann! Jesus ist Gott auf Erden! Die heiligen Männer kommen und gehen: Jesus ist und bleibt da! Er lässt sich nicht in einen heiligen Bezirk einsperren. Hier ist es doch schön, lasst uns doch hier bleiben. Aber Jesus will keinen Rückzug ins „Unter-sich“. Er will die Erde neu machen, er will, dass die Ehrfurcht vor dem Leben unsere Welt bestimmt.
Oben auf dem Berg begegnen Petrus, Johannes und Jakobus Gott. Sie erschrecken, sie senken ihre Augen. „Auf den hört, hat Gott gesagt. Auf diesen Jesus, der die Ehrfurcht vor dem Leben lebt, sein ganzes Leben lang, noch im Tod. Auf den sollen wir hören; und was haben wir getan?“
Welche Predigten Jesu, welche seiner Geschichten werden Petrus, Johannes und Jakobus in diesem Moment eingefallen sein? Vielleicht die Bergpredigt: Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen! Wie oft hatte Petrus die Wut gepackt, wenn Menschen Jesus widersprachen? Hatten Johannes und Jakobus nicht letzte Nacht noch überlegt, wie sie sich bewaffnen und die römischen Besetzer mit Gewalt aus dem Land vertreiben könnten? Sie heißen doch nicht umsonst „Donnerbrüder“!
Das ist das Dritte, was die Ehrfurcht auszeichnet: Wenn sich der Himmel auftut und Jesus als strahlende Gestalt vor uns tritt, wird alles offenbar. Im hellen Licht erkennen wir, wie es ist, wie es sein sollte und auch wo wir versagen.
Was entdecke ich, wenn ich diesem Licht Gottes begegne? So warm wie 2014 war es noch nie. In nicht einmal 100 Jahren haben wir die durchschnittliche Temperatur auf dieser Erde so erhöht, dass einige Inseln im Pazifik schon bald nicht mehr bewohnbar sein werden. Dass die Pole und Gletscher schmelzen.
Wir in Baden werden die direkten Folgen spät merken, weil Gott uns einen so wunderbaren ausgeglichenen Lebensraum anvertraut hat: nicht zu heiß und nicht zu kalt, nicht zu viel Wasser und auch nicht zu trocken, weit weg vom steigenden Meeresspiegel und tauenden Gletschern. Und doch tragen wir zum Klimawandel bei, z.B. mit unseren Urlaubsflügen und unserem Autoverkehr.
Albert Schweitzer hat gesagt: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Leben ist gefährdet. Leben führt in Konflikte: Wer verbraucht wieviel? Für wen ist Platz auf der Erde und wer ist gefährdet? Albert Schweitzer hat die Konflikte realistisch gesehen. Er schreibt: „Jedes Mal, wenn ich unter dem Mikroskop die Erreger der Schlafkrankheit vor mir habe, kann ich doch nicht anders, als mir Gedanken darüber zu machen, dass ich dieses Leben vernichten muss, um anderes zu retten.“
Es gibt keine einfachen und moralisch sauberen Lösungen, aber es gibt eine Haltung, die heute in unserer Welt Gestalt gewinnen will und uns in eine Richtung weist: Was heißt Ehrfurcht vor dem Leben heute in unseren Herausforderungen? Wie können wir einfacher, rücksichtsvoller leben, damit andere auch leben können, auch ferne Menschen, auch unsere Mitgeschöpfe? Damit unsere Enkel und Urenkel auf einer lebenswerten Erde leben werden?
VI
Die Bilder vom Klimawandel machen uns Angst. So wie die Jünger damals erschraken, als sie ihr Versagen erkannten. „Da tritt 7 Jesus zu ihnen, rührt sie an und spricht: Steht auf und fürchtet euch nicht!“
Bisher hatte Jesus noch nichts gesagt. Schweigend war er mit ihnen den Berg hinauf gestiegen. Schweigend war er im Lichtkranz erstrahlt. Nun spricht Jesus. Er sagt das Grundwort des Glaubens, das Weihnachtswort an die Hirten, das Wort, das uns seit unserer Taufe begleitet: Fürchtet euch nicht! Bei allem, was ihr zu tragen habt, bei allem, was ihr nicht schafft, bei allem, wo ihr scheitert. Fürchtet euch nicht!
Fürchtet euch nicht, sondern: Steht auf! Wer Gott auf dem Berg begegnet ist, verliert seinen Menschenfurcht. Wer das strahlende Licht gesehen hat, ist kein Duckmäuser mehr. Jesus richtet uns auf und gibt uns eine neue aufrechte Haltung, so dass wir mutig neue Wege suchen können. Unterschiedliche Wege, Wege, die für den Ort und die Aufgabe passen, in die ich gestellt bin. Vielleicht heißt das für die einen, weniger Auto zu fahren, für die anderen sich in ihrem Beruf für gerechtere Arbeitsbedingungen zu engagieren und für die dritten, den Urlaubsflug durch Teilnahme an der Klimakollekte klimaneutral zu gestalten.
Da gibt es kein Rezept und keine Vorschrift, sondern da herrscht die evangelische Freiheit: Jede entscheidet an ihrem Ort. Jeder übernimmt da Verantwortung, wo er hingestellt ist. Alles, was wir in Ehrfurcht vor dem Leben tun, steht unter der Zusage von Jesus: Steht auf und fürchtet euch nicht! Ihr gehört zu mir!