Im Segen leuchtet Gottes Angesicht über uns

Predigt zum Abschluss der Vesperkirche in Karlsruhe

Liebe Gemeinde,
was ist eigentlich Segen?

Ich glaube: Wer wissen will, was Segen ist, kann das in der Vesperkirche erfahren! Segen hat etwas mit Gott und mit uns Menschen zu tun. Für Gott ist Segnen die Hauptbeschäftigung. Ich will euch segnen, das ist Gottes Botschaft an uns.Für uns Menschen ist Segen lebensnotwendig. Er stärkt uns Leib und Seele. Wer Segen empfängt, merkt, dass es schön ist, ihn weiterzugeben. Denn er breitet sich aus, wenn wir für andere zum Segen werden.
 
I
 
Segen hat etwas mit Gott und mit uns Menschen zu tun. Er ist wie eine große Kraft, die man nicht sehen kann, die aber trotzdem mitten unter uns wirkt. Hier in der Vesperkirche zeigt sich der Segen konkret in vielen Dingen: Hungrig kommen manche hierher, warten schon, dass es endlich etwas zu essen und zu trinken gibt. Dann wird aufgetischt und sie erleben eine gesegnete Mahlzeit! Irgendwann sind sie satt. Und freuen sich, dass sie noch eine Weile im Warmen sitzen können; ein bisschen dabei sein, ein bisschen reden, ein bisschen Kaffee trinken.
Manche sind froh, dass sie sich untersuchen und in ihrer Krankheit helfen lassen können; das war ja ein Segen, dass hier immer so unkompliziert ein Arzt oder eine Ärztin vor Ort waren und raten und helfen konnten. Und dass sogar eine Tierärztin sich um die Tiere gekümmert hat, die Hilfe brauchen und deren Besitzerinnen das sonst nicht bezahlen könnten; was für ein Glück! Andere kommen, weil sie sonst oft allein sind. Sie freuen sich über ein freundliches Gesicht. Manchmal haben sie eine schwere Geschichte zu erzählen: Trennungen, Abschiede, Scheitern, Abhängigkeiten, Gewalt. Da ist ein offenes Ohr schon viel, und ein Lächeln ermutigt, das sagt: „Du bist willkommen!“ Und wenn diejenige beim nächsten Mal gleich wiedererkannt und gefragt wird: „Na, wie geht es heute?“ Das ist ein Segen für alle Beteiligten. Viele von ihnen haben in den letzten Wochen in der Vesperkirche geholfen und gespürt, wie der Segen sich ausbreitet: Wie ihr Gruß oder Blick Menschen tröstet oder stärkt, und wie sie selbst, im Dank, im Gebrauchtwerden, in der Zufriedenheit der Gäste, Segen erfahren. Segen stärkt Leib und Seele. Segen verbindet uns, in all unserer Unterschiedlichkeit. Segen fördert Freundschaft und Vertrauen und das Gefühl, ich bin nicht allein.

II
 
Wichtig ist mir: Der Segen Gottes ist schon in der Welt. Die ganze Zeit ist Gott da-mit beschäftigt, seinen Segen in unserer Welt zu verteilen. Uns darin einzuhüllen, so wie in eine warme Decke. Gott umgibt uns mit seinem Segen, noch bevor wir etwas tun. So wie der neugeborene Jesus an Weihnachten die Gesichter um sich herum hell macht und zum Strahlen bringt; so wie uns bei der Taufe zugesprochen wird: „Fürchte dich nicht, ich habe dich befreit, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Noch bevor wir etwas tun, sagt Gott uns: „Ich will dich segnen!“ Deshalb können wir den Segen großzügig weitergeben. Es ist genug für alle da. Der Segen vermehrt sich, je mehr wir ihn austeilen. Das ist ein Wechselspiel: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Wie das konkret unter uns in unseren Kirchen und in unserer Stadt Gestalt gewinnt, das haben sie in den vergangenen Wochen gezeigt. Dafür danke ich Ihnen!

III
 
Jesus hat Kinder gesegnet, Kranke, Arme, Menschen, die Hilfe brauchen. Ihm war wichtig, dass der Segen nicht nur denen gilt, die uns nahe stehen oder ähnlich sind. Deshalb hat er denen, die ihm nachfolgen, etwas zugemutet und sie aufgefordert: „Segnet, die euch verfluchen.“ Das Besondere am Segen von Jesus Christus ist, dass er den Segen nicht nach Freundschaft zuteilt. Er weiß, dass wir uns manchmal gegenseitig Böses wünschen. Er kennt unseren Wunsch einzuteilen: Die gehören zu mir, die sollen Gottes Segen empfangen; und das da, das sind die anderen, die Feinde, denen soll Böses wider-fahren. Gegen diese Einteilung der Welt in Gut und Böse wehrt sich Jesus. Gottes Segen ist nicht nur für mich und meine Freundinnen und Freunde da. Er ist viel stärker. Er greift viel weiter. Er kann Misstrauen und Feindschaft überwinden und versöhnen. Gott segnet unser Miteinander über unsere Grenzen hinweg.

IV
 
Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Im Segen leuchtet Gottes Angesicht über uns: „Schaut her, hier bin, euer Gott. Ihr könnt euch auf mich verlassen. Ich schaue nicht weg, wenn ihr in Not seid, auch nicht, wenn die anderen oder ihr selbst mit euch unzufrieden seid. Ich schaue euch freundlich an.“ Gottes Segen kommt uns so nah wie die Nachbarin und der Nachbar, die hier mit uns sitzen und essen; so leibhaftig und praktisch und greifbar segnet uns Gott. All unsere Unterscheidungen: oben und unten, arm und reich, mächtig und ohnmächtig, all diese Unterscheidungen verblassen, wenn der Segen Gottes über uns leuchtet und strahlt. Hungrige werden satt. Einsame finden offene Ohren. Feinde versöhnen sich. Verzweifelte schöpfen Mut. Gottes Segen breitet sich unter uns und mit uns aus.
Amen.