„Im Gehen entsteht der Weg!“

Vortrag zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit im Rathaus in Karlsruhe am 8. März 2015

„Im Gehen entsteht der Weg“ – so lautet die Überschrift über die diesjährige Woche der Brüderlichkeit. Ich danke Ihnen, dem Vorstand der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Karlsruhe, dass Sie mich eingeladen haben, zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit zu sprechen. Es ist eine große Ehre für mich und für unsere Landeskirche, es ist aber auch eine große Herausforderung, denn ich kann heute nicht über die Geschwisterlichkeit zwischen uns und über die Impulse christlich-jüdischer Begegnung sprechen, ohne auch an die Irrwege der evangelischen Kirche zu erinnern.  Vier Wegstationen möchte ich mit Ihnen abschreiten:
 
I
 
„Im Gehen entsteht der Weg.“ Das ist eine gute Beschreibung dessen, wie Deutschland und die deutschen Kirchen in den letzten 70 Jahren ein neues Verhältnis zum Judentum gesucht und gefunden haben.
Die ersten Schritte haben nur wenige getan. 1948 - drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des nationalsozialistischen Terrors und nach der Befreiung der wenigen Überlebenden aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern - kamen in München, Stuttgart und Wiesbaden engagierte jüdische und christliche Männer und Frauen zusammen, 1951 entstand dann die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hier in Karlsruhe. Miteinander wollte man der Jahrhunderte lang eingeübten Judenfeindschaft in den christlichen Kirchen und in der deutschen Gesellschaft entgegen treten und Perspektiven für ein neues Miteinander zu entwickeln.
Wenige sind damals aufgebrochen und haben damit viele Bürgerinnen und Bürger in Bewegung gebracht. Sie haben ein Forum geschaffen, das in Schulen, Universitäten, Kirchen, Medien und in die politische Öffentlichkeit ausstrahlte. Mit ihren Veranstaltungen haben sie deutlich ge-macht: Nur wer sich erinnert und die Schuld nicht wegschiebt, findet Kraft zur Umkehr und zur Versöhnung. Nur wer die Abgründe kennt, merkt, wenn eine Gesellschaft ins Rutschen kommt, und kann sich gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus wehren. Die Woche der Brüderlichkeit, die jährliche Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille, (in diesem Jahr in Ludwigshafen an Prof. Dr. Hanspeter Heinz, den langjährigen Vorsitzenden des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken), vielfältige Initiativen und Stellungnahmen – sie sind losgegangen und haben damit unserer Gesellschaft und uns Kirchen einen Weg der Versöhnung, der Demokratie und der Verständigung gebahnt. Uns Kirchen ist dabei auch deutlich geworden, dass der Dialog mit Israel ein zutiefst ökumenisches Anliegen ist – es gibt keine Kirche ohne die Bezugnahme auf Israel. Für all das möchte ich Ihnen, liebe Mitglieder der Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit, im Namen unserer Landeskirche herzlich Dank sagen.
Im gemeinsamen Gehen entsteht ein neuer Weg! Gemeinsam, das hieß vor allem auch, dass viele jüdische Geschwister bereit waren, doch wieder nach Deutschland zu kommen und uns Anstöße und Hilfen zu geben. Viele wollten nach der Shoa eigentlich nie mehr nach Deutschland kommen – und machten sich dann doch auf. Ich nenne beispielhaft den späteren badischen Landesrabbiner Robert Raphael Geis. Wie sein Lehrer Leo Baeck und viele andere hat er sich mit uns Kirchen auf den Weg gemacht. Sie haben uns damit die Weisheit des Talmud praktisch vorgelebt, die sich auch im Gleichnis vom verlorenen Sohn aus dem Lukasevangelium findet: „Wer umkehrt, dem kommt man entgegen.“ Ihre Bereitschaft auf die christlichen Kirchen zuzugehen, ermöglichte ein neues Miteinander, für das wir sehr dankbar sind.
Hier sind auch die vielen persönlichen Begegnungen zu nennen, vor allem beim Jugendaus-tausch. Schon Ende der 60er Jahre kam es auf Initiative des badischen Pfarrers Ernst Ströhlein zu Jugendbegegnungen zwischen israelischen und deutschen Jugendlichen. Der damalige Direktor des Leo-Baeck-Erziehungszentrums in Haifa Herbert Bettelheim berichtete seinerzeit in einem Brief davon, welche Vorbehalte dabei auch auf Seiten der jungen Israelis zu überwinden waren, die nach Deutschland reisen wollten oder sollten. „Unsere ältere Tochter, Irit“, so schrieb Bettelheim, „war ein Mitglied dieser Gruppe. Es war nicht leicht sie zu überreden. Sie sagte: ‚Was soll ich bei den Nazis?‘ Und nun erklärten wir ihr, dass es sich um eine andere Generation handle, dass sie sehen sollte, woher wir kamen, und dass sie sich ihre eigene Meinung bilden müsse. Ähnliche Diskussionen gab es in allen Familien der Israelis, die bereit waren, ihre Kinder nach Deutschland zu schicken.“
Nennen möchte ich auch all die jüdischen Menschen, die in den letzten Jahren bereit waren, in badischen Orten, in denen es vor 1933 jüdische Gemeinden gab, in Schulen, Kirchengemeinden oder Bildungsstätten ins Gespräch zu kommen, über die Schrecken der Vergangenheit, aber auch über die Wege in die Zukunft. So wurde dem Vergessen etwas entgegengesetzt; so wurden Wege zur Verständigung eröffnet. Auch das ökumenische Jugendprojekt Mahnmal, das Jugendliche ermutigt, sich in ihren Orten mit der Deportation jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger nach Gurs im Jahr 1940 auseinanderzusetzen, verdankt diesen Kontakten und Begegnungen viel. Die Jugendlichen schaffen zwei gleiche Mahnmale, um an die Deportation zu erinnern; eines bleibt dann im Ort, das andere wird bei einer Jugendbegegnungsstätte in Neckarzimmern aufgestellt.
Die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit haben den Weg geebnet, dass jüdi-sches Leben heute wieder als selbstverständlicher Teil nicht nur des kulturellen Erbes unseres Landes verstanden wird, sondern auch einen angemessenen Platz in unserem Alltag findet. Insbesondere in den letzten 25 Jahren ist jüdisches Leben in Deutschland erstarkt; viele Jüdinnen und Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion haben sich nach Deutschland aufgemacht, weil sie sich eine sichere und tolerante neue Heimat erhofften.
Bei aller Trauer und allem Schmerz über die Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland. Der Versuch der Nationalsozialisten, jüdischen Alltag in Deutschland für immer zu zerstören, ist gescheitert. Wir sind weit entfernt von der Blüte des jüdischen Lebens in Baden vor 1933, als es 123 selbständige Gemeinden mit über 20.000 jüdischen Mitgliedern gab. Aber wir freuen uns über die 10 Jüdische Gemeinden in badischen Landen und fühlen uns ihnen eng verbunden.
Wir wissen, dass die Entscheidung für ein jüdisches Leben in Deutschland nach allem, was geschehen ist, keine Selbstverständlichkeit ist. Umso mehr erleben wir es als ein großes Geschenk für unser Land und für unsere Kirchen, dass jüdisches Leben und jüdische Kultur wieder spürbar sind in unserem Land.
 
II
 
„Im Gehen entsteht der Weg.“ Das gilt auch in den Kirchen. Zunächst machten sich nur wenige auf – und viele schauten skeptisch auf den schmalen Pfad, der sich da abzeichnete. Denn es war klar: Wenn die Kirche sich auf diesen Weg begibt, muss sie sich verändern. Sie muss eingefahrene Weg verlassen, umkehren und sich neu ausrichten.
Es gibt eine lange Tradition des Antisemitismus und der Judenfeindschaft in der Kirche. Bei den Vorbereitungen zum Reformationsjubiläum 2017 ist deutlich geworden, wie doppeldeutig gerade Luthers Verhältnis zum Judentum war. 1523 muss er sich öffentlich verteidigen, weil ihm vorgeworfen wird, jüdische Irrlehren zu vertreten, vor allem, dass er lehrt: Jesus sei ein geborener Jude. In seiner Schrift wehrt er sich dagegen, dass Menschen durch Gewalt zum vermeintlich richtigen Glauben gezwungen werden. Er kritisiert, dass Christen die Juden wie Hunde behandeln und fordert, die Ausgrenzungen von Juden zu beenden. Viele jüdische Menschen haben das damals als positiven Impuls wahrgenommen und neue Hoffnung geschöpft. Die jüdische Gemeinde in Amsterdam hat ihm gedankt, der italienische Rabbi Abraham Farrisol hat geschrieben: „Alle Christen in vielen Ländern … beeinflusst von diesem edlen Mann (Luther), begegnen den Juden mit Wohlwollen. Während es früher Länder gab, wo jeder reisende Jude umgebracht wurde, … laden sie uns nun zum Gottesdienst ein, freudig und mit höflicher Miene.“  Vielleicht hat auch Josel von Rosheim (1478-1554) diese frühe Schrift Luthers gelesen und auf positive Impulse gehofft. Er kam aus der Stadt Rosheim, südwestlich von Straßburg und galt in der Reformationszeit als der Anwalt und Fürsprecher der deutschen Judenheit. Gerade zeigt das Generallandesarchiv hier in Karlsruhe eine Ausstellung über diesen, vielleicht politisch bedeutendsten Juden der Reformationszeit. Kreuz und quer reiste er durch Deutschland, um vor den politischen und kirchlichen Herrschern für die jüdischen Gemeinden einzutreten; immer wieder gelang es ihm, bei den Landesherrschaften Schutz für seine Glaubensgeschwister zu sichern und durch Vermittlung Übergriffe zu verhindern.
1537 bat er Luther um ein Treffen. Er wollte ihn bitten, sich mit ihm beim sächsischen Kurfürsten gegen ein Edikt einzusetzen, das Juden die Vertreibung androhte. Was wäre geschehen, wenn Luther auf Josel zugegangen wäre? Wäre die deutsche Geschichte anders verlaufen, wenn die beiden wichtigen Personen der Reformationszeit ein Stück Wegs gemeinsam gegangen wären und Perspektiven für ein neues Miteinander der beiden Religionen entdeckt hätten? Vielleicht wäre im gemeinsamen Gehen ein Weg erkennbar geworden.
Aber Luthers Haltung hatte sich schon gewandelt, so dass er wie der Kurfürst ein Treffen ablehnte. 1543 verfasste er „Von den Juden und ihren Lügen“, eine Schmähschrift, die die evangelischen Fürsten auffordert, zu verhindern, dass die auf ihrem Gebiet lebenden jüdischen Menschen ihre Religion ausüben, oder sie zu vertreiben. Sicherlich müssen wir Luthers Äußerung heute in ihrem historischen Kontext sehen. Ihrem Inhalt und seiner Wirkung in den Jahrhunderten nach der Reformation müssen wir jedoch deutlich entgegentreten. Sie widersprechen dem grundlegenden biblischen „Gedanken einer bleibenden Erwählung Israels und der Treue Gottes zu seinem Volk.“
Seitdem ist viel passiert, auch durch das Engagement ihrer Gesellschaft. Dafür sind wir in der evangelischen Kirche sehr dankbar. Eine Bibel in gerechter Sprache ist veröffentlicht worden, die die Ergebnisse des christlich-jüdischen Dialogs aufnimmt. Die Entgegenstellung alt-neu wird in Frage gestellt, die Hebräische Bibel neu als erstes Testament entdeckt, das keineswegs veraltet ist.
Ein zentraler Schritt für uns in Baden war ein Beschluss der Landessynode am 3. Mai 1984: „Wir glauben an Gottes Treue: Er hat sein Volk Israel erwählt und hält an ihm fest. Darum müssen wir der Auffassung widersprechen, dass Israel von Gott verworfen sei. Die Erwählung Israels wird auch nicht durch die Erwählung der Kirche aus Juden und Heiden aufgehoben.“ Das war das Ende für eine lange Tradition, nach der die Kirche Israel beerbt, das neue Gottesvolk das alte ersetzt. „Wir glauben an Gottes Treue zu Israel.“
In den folgenden Jahren haben wir diese Erneuerung ganz weit vorne in der Verfassung unserer Kirche festgeschrieben: „Die Landeskirche will im Glauben an Jesus Christus und im Gehorsam ihm gegenüber festhalten, was sie mit der Judenheit verbindet. Sie lebt aus der Verheißung, die zuerst an Israel ergangen ist, und bezeugt Gottes bleibende Erwählung Israels. Sie beugt sich unter die Schuld der Christenheit am Leiden des jüdischen Volkes und verurteilt alle Formen der Judenfeindlichkeit.“
Diese Sätze sind heute 70 Jahre nach Kriegsende im Selbstverständnis unserer Landeskirche fest verankert – dahinter gibt es kein zurück. Sie sind uns eine Verpflichtung klar und deutlich für unsere jüdischen Geschwister einzutreten.
 
III
 
Im Gehen entsteht der Weg! Im gemeinsamen Gehen, das die anderen im Blick hat und achtsam und respektvoll mit ihnen umgeht, das um Verständigung ringt und an diesem Ziel auch gegen Widerstände festhält. Damit aus einem nebeneinander herlaufen wirklich ein Miteinander und Füreinander wird.
Die christlich-jüdische Zusammenarbeit hat viel erreicht. Im Gehen haben sich neue Wege geöffnet. Dazu gehört für mich auch, dass wir gemeinsam das Gespräch mit dem Islam suchen und wie nach den Anschlägen in Paris mit allen drei Religionen gemeinsam gegen Gewalt, Fremdenhass und alle Formen der Menschenfeindlichkeit und für ein friedliches Miteinander demonstrieren.
Dabei stellen die Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern unser Miteinander immer wieder auf die Probe. Können wir in Deutschland etwas dafür tun, um diejenigen zu stärken, die Schritte der Versöhnung und des Friedens wagen? Die vor allem nach den Opfern, den Schwachen in dem Konflikt fragen? Die badische Landeskirche unterstützt seit vielen Jahren das Leo-Baeck Institut in Jerusalem, das sich intensiv darum bemüht, die Koexistenz von jüdischen und arabischen Menschen zu fördern, u.a. durch jährliche Sommerlager für Kinder aus den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Religionen. Gleiches gilt für Nes Ammin, die Gemeinschaft im Norden Israels, die sich um eine Versöhnung von Juden und Christen bemüht, aber sich auch immer stärker in der Dialogarbeit mit muslimischen Menschen engagiert.
Die Unterschiede in der politischen Beurteilung des Konflikts bleiben. Gerade deshalb aber ist es wichtig, sich klar gegen Vorfälle zu stellen, wie sie sich während des letzten Krieges in Gaza in Europa häuften, bei denen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, Synagogen oder jüdische Friedhöfe attackiert wurden. Hier wurde die Grenze einer legitimen Kritik an politischen Entscheidungen des Staates Israel überschritten. Es darf nie wieder sein, dass jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger sich bei uns unsicher fühlen, dass sie gar überlegen, ob sie unser Land verlassen, weil sie sich bedroht fühlen. Unsere Gesellschaft steht in der Pflicht, weiter daran zu arbeiten, dass das Vertrauen jüdischer Menschen in ein „anderes“ Deutschland gerechtfertigt ist. Vielleicht heißt das: Wenn es gefährlich ist, in der Öffentlichkeit eine Kippa zu tragen, dann sollten wir bewusst gemeinsam mit unseren jüdischen Geschwistern durch die Stadt gehen. Im gemeinsamen Gehen entsteht ein Weg.
 
IV
 
„Im Gehen entsteht der Weg.“ Ja, es ist gut, wenn Menschen sich aufmachen und Wege der Versöhnung suchen; so wie Sie von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit das hier in Karlsruhe und an über 80 anderen Orten in Deutschland seit dem Ende des 2. Weltkriegs tun. Aber es ist dabei wichtig, dass wir aufmerksam sind für die Menschenrechte und für Gottes Gebot, damit dieses Gehen eine klare Richtung behält: gegen jede Form der Menschenfeindlichkeit, gegen Antisemitismus und Rassismus.
Denn wir haben es erlebt, wie Menschen Pfade des Hasses und der Ausgrenzung getrampelt haben. Wie viele Christinnen und Christen sind im November 1938 als Nazis und mit den Nazis vor jüdische Häuser und Geschäfte marschiert? In wie vielen Kirchen wurde Hass gegen die Juden gepredigt? Der Nationalsozialismus hat diese Trampelpfade der Menschenfeindlichkeit ausgebaut und asphaltiert zu breiten Straßen und Schienenwegen der organisierten Zerstörung und der industriellen Vernichtung.
Die evangelische Kirche hat diesem Gehen damals nicht deutlich genug widerstanden; sie hat sich mitreißen lassen von der Bewegung, dem dröhnenden Stiefelklang. Das darf uns nicht wieder geschehen; wir müssen wachsam bleiben, in welche Richtung gegangen wird, was die treibenden Kräfte sind, wer am Rande zurück bleibt oder aus dem Weg gestoßen wird.
Dies gilt gerade heute angesichts der neuen Bewegungen, die in den letzten Wochen auch in Karlsruhe „zu gehen“ beginnen, um Feindschaft zu säen und einen Weg der Ausgrenzung zu bahnen. Vielleicht erscheint manchen ihr Tun zurzeit nur wie ein kleiner Trampelpfad; für mich ist die Woche der Brüderlichkeit ein deutliches Zeichen auch solchen Anfängen von Fremdenfeindlichkeit klar und offen entgegen zu treten.