Liebe Festgemeinde, liebe junge Kolleginnen und Kollegen,
an Ihrem ersten Arbeitstag als Pfarrerinnen und Pfarrer (im Probedienst) feiern wir Ihre Ordination. Das ist ein deutliches Zeichen: Mit einem Fest beginnt Ihre Arbeit. Weil wir uns auf Sie und Ihre Mitarbeit in unserer Kirche freuen. Mit einem Fest beginnt Ihre Arbeit, weil es heute für viele etwas zu feiern gibt: für Ihre Familien, Ihre Freundinnen und Freunde, die Sie auf dem langen Weg bis heute getragen und unterstützt haben; für die Menschen, die Sie in Ihrer Ausbildung an der Universität oder im Lehrvikariat begleitet haben und mit Ihnen froh und stolz sind; für die Menschen aus Ihren bisherigen Ausbildungsgemeinden, die dieses Fest ein bisschen tröstet, weil sie Sie eigentlich lieber behalten hätten; vor allem aber für Ihre neuen Gemeinden, die sich auf Sie freuen.
Und es ist auch aus geistlichen Gründen gut, dass wir mit einem Fest beginnen. Denn Sie beginnen Ihre Arbeit getragen von der Kraft des Segens Gottes und vom Gebet der Gemeinde. Ich hoffe, Sie nehmen heute viel frohen Mut und kräftigen Beistand mit, der Sie auf Ihrem weiteren Weg stärkt.
Wir beginnen mit einem Fest!
Predigt zur Ordination in der Peterskirche in Weinheim am Sonntag Reminiscere zu Markus 12, 1-12
I
Wir beginnen mit einem Fest! Der Predigttext für den heutigen Sonntag Reminiscere aber erzählt von Arbeit und führt in harte Auseinandersetzungen; wir haben auf der Ordinationsrüste schon gemeinsam darüber nachgedacht.
Ich lese aus dem Markusevangelium im 12. Kapitel die Verse 1-11:
1 Und er fing an, zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch [a] pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute ei-nen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes.
2 Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole.
3 Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort.
4 Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und [a] schmähten ihn.
5 Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die ei-nen schlugen sie, die andern töteten sie.
6 Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen.
7 Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein!“
8 Und sie nahmen ihn und töteten ihn und [a] warfen ihn hinaus vor den Wein-berg.
9 Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Wein-gärtner umbringen und den Weinberg andern geben.
10 Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden.
11 Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«?
In dieser Arbeitswelt wird mit harten Bandagen gekämpft. Wer von den Beteiligten möchten Sie sein? Weinbergbesitzer, Pächter, Bote?
Der Weinbergbesitzer ist ein reicher Mann. Er weiß, wo es sich zu investieren lohnt. Wer auf einem Feld, auf dem vorher Grundnahrungsmittel angebaut wurden, Wein anbaut, kann gut verdienen, richtig gut. So gut, dass er die Arbeit anderen überlassen kann und fernab, vielleicht in einer großen Stadt vergnügt leben kann.
Die Pächter sind Bauern, die ums Überleben kämpfen. Sie haben keine Lust etwas von dem abzugeben, was sie da erarbeiten – aber sie wissen, dass das die Regeln sind: So funktioniert Pachten!
Der Weinbergbesitzer schickt Boten. Sie geraten zwischen die Fronten. Wenn es gut geht, werden sie nur verprügelt, am Ende getötet. Trotzdem schickt der Weinbergbesitzer immer wieder neue Boten; und nachdem sie einmal damit angefangen haben, wollen die Pächter den Konflikt jetzt auch bis zum Ende durchkämpfen, bis zum Tod des Sohnes. Dann gibt es am Ende niemanden mehr, der den Weinberg für sich reklamiert – und er gehört ihnen.
Was soll geschehen?
II
So wie wir haben schon viele mit diesem Text gerungen. Biblische Texte widersetzen sich – manchmal. Sie lassen uns nicht einfach herein. Aber genau dafür werden Sie ordiniert: diese Spannung auszuhalten, dran zu bleiben am Wort Gottes und dann hoffentlich irgendwann das Evangelium für sich und für Ihre Gemeinden darin zu entdecken.
Bei unserem Predigttext gibt es ein beliebtes Schema:
Der Besitzer ist Gott: er ist geduldig, schickt immer noch einen und noch einen.
Die Pächter sind die Bösen: alles war für sie bereitet, aber sie haben sich nicht an die Regeln gehalten.
Die Boten sind die Propheten, Johannes, der Jesus voraus geht, der Sohn ist Jesus.
Und wir: wir sind die anderen, die den Weinberg bekommen, wenn die Bösen erst einmal umgebracht sind und ihnen der Weinberg weggenommen ist.
Konkret waren die bösen Pächter dann je nachdem die Juden, weil sie nicht Christen wurden, die Katholiken, weil sie nicht gut mit Gottes Weinberg umgingen und nicht auf die evangelischen Boten hörten, oder eben umgekehrt Martin Luther, der sich nach Ansicht seiner katholischen Gegner wie eine Wildsau im Weinberg des Herrn benommen hat.
In diesen Auslegungen bleibt die Predigt gefangen in unseren Wünschen.
III
Am Ende des Gleichnisses steht die Frage: Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Die erste Antwort lautet: Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. Ja, so ist das, wenn die Gewalt regiert. Kein Halt mehr auf der schiefen Bahn! Die Spirale der Gewalt dreht sich und dreht sich, immer schneller, immer brutaler.
Sie dreht sich, bis heute. Wir erleben es gerade in diesen Monaten in der Ukraine, im Nahen und Mittleren Osten. An diesem Sonntag Reminiscere, d.h. „Gedenke“, denken wir besonders an die Menschen, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden. In den letzten Jahren ist ihre Zahl stetig gewachsen, in den letzten Monaten erschüttern uns die Nachrichten über das Leiden und den Tod christlicher Geschwister in Libyen, in Syrien, im Irak, in Nigeria. Aber auch Gläubige anderer Religionen oder Konfessionen werden verfolgt und ermordet. Gewalt wird religiös legitimiert – das ist unerträglich! Dagegen betet das Leitwort dieses Sonntags: „Gedenke, Gott, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“ (Ps. 25,6). Unterbrich die Spirale der Gewalt, komm mit deiner Gerechtigkeit und erneure unsere Welt!“
IV
Die erste Antwort scheint selbstverständlich und normal: So ist das halt in der bösen Welt. Aber Gott handelt anders. Die zweite Antwort tritt der ersten entgegen und nimmt uns mit in die Bewegung Gottes.
Gott hält es nicht aus ohne uns. Gott kann es nicht lassen, sich mit Güte und Barmherzigkeit um uns zu bemühen. Deshalb fällt Gott unserer normalen Antwort ins Wort und hält eine Gegenrede: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen.
Ein Wunder geschieht! Der Stein, den die Maurer verwerfen, weil er ihnen nicht in ihr Baukonzept passt, wird zum Eckstein. Mit Jesus beginnt eine neue Zeit. Das ist schwer zu verstehen, denn auf den ersten Blick passt Jesus nicht ins Bild: Was kann einer helfen, der im Stall statt im Palast geboren wird, der mit denen isst, die ausgeschlossen und am Rande sind, statt mit denen zu verkehren, die das Sagen haben, einer, der die Feinde liebt, statt sein Reich aufzurüsten, der am Kreuz stirbt.
Aber Gott gibt Jesus Recht und macht ihn zum Eckstein. Die Schuldigen werden nicht vernichtet; die Erde wird uns nicht weggenommen.
IV
Auf diesen Eckstein können Sie bauen, an diesem Wunder wirken sie mit. Predigen Sie in Ihren Gemeinden über den verworfenen Stein, der uns herausfordert - und uns zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Gottes macht. Suchen Sie mit Menschen, die sich in Ihrem Streit festgefahren haben, Wege der Versöhnung. Lassen Sie junge Leute spüren, der Weinbergbesitzer lässt euch viel Freiheit, wie ihr den Weinberg gestaltet; Gott traut euch viel zu. Machen Sie den Ängstlichen, den Traurigen, den Müden Mut: Gottes Barmherzigkeit hat kein Ende! Weil Gott Wunder tut, können Sie mit Ihren Gemeinden heute schon gute Pächter sein!
Ihre Arbeit ist Arbeit unter dem Vorzeichen des Wunders. Das ist ein Grund zu feiern. Diese Freude wird Sie hoffentlich in Ihre Arbeit begleiten.
Gott ist gütig und barmherzig, auch mit Ihnen. Gott freut sich an dem Schwung, mit dem Sie jetzt in die Gemeinde gehen – Gottes Gnade wird sie auch durch müde und schwere Tage tragen und Sie auch stärken, wenn Sie etwas schuldig bleiben. Vielleicht auch dadurch, dass Sie sich an den heutigen Festtag erinnern, dass Sie im Zweifel eine Kollegin oder einen Kollegen anrufen, die heute hier mit Ihnen eingesegnet wird.
Wir danken Gott, dass Sie sich heute ordinieren lassen. Seien Sie herzlich willkommen. Wir freuen uns auf Sie!
