„Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen würde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus, ihm entgegen und riefen: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“
Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sach. 9,9): „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.“
Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.
Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grab rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat.
Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.
Die Pharisäer aber sprachen untereinander: „Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.“
In der vergangenen Woche hat uns der Tod eingeholt. Der Flugzeugabsturz in Frankreich hat viele erschüttert. Wie schrecklich muss das sein, am Flughafen zu stehen, sich auf sein Kind, seinen Mann, seine Frau zu freuen – und dann die Nachricht: Das Flugzeug ist abgestürzt. Mitten im Leben – der Tod. Die Mitschülerinnen und Mitschüler, die Arbeitskollegin, der Freund kommen nicht wieder.
Was sollen wir tun im Angesicht des Todes?
Viele Menschen in Digne-les-Bains haben ihre Häuser für Angehörige geöffnet, die zur Absturzstelle kommen. Sie wollen ihnen helfen, Abschied zu nehmen. Politisch Verantwortliche ändern ihre Terminpläne und unterbrechen ihre Reisen. Sie wollen trösten und Mut machen. In Haltern stehen Menschen vor der Schule der Klasse, die im Flugzeug saß. Sie bringen Blumen, sie zünden Kerzen an, sie reden miteinander, sie weinen und schweigen, sie beten. Im Angesicht des Todes nicht allein sein. Den eigenen Schrecken und das Mitleid zum Ausdruck bringen, Anteil nehmen und helfen. Der Tod bewegt uns. Wohin sollen wir gehen?
Botschaft der Hoffnung im Angesicht des Todes
Predigt von Landesbischof Cornelius-Bundschuh über Johannes 12, 12-19 am Palmsonntag in der Stadtkirche Karlsruhe
I
Viele Menschen in Jerusalem ziehen Jesus entgegen. Sie haben gehört, dass er dem Tod die Stirn geboten hat. Ein Mann, Lazarus, war gestorben und schon vier Tage im Grab; er riecht schon, sagen die Leute. Doch Jesus lässt sich nicht abhalten. Er geht an die Grabstätte und ruft ihn wieder ins Leben. Jetzt lebt Lazarus wieder in seinem Dorf und viele Menschen kommen, um ihn zu sehen. „Stimmt das wirklich? Warst du tot und bist wieder lebendig?“
Der Tod bewegt Menschen, damals wie heute. Am Palmsonntag ziehen sie Jesus entgegen, weil sie auf ihn hoffen. Auf seinen Trost und seine Ermutigung. Dass da einer kommt, dessen Macht stärker ist als der Tod.
Das rufen sie einander und ihm zu: „Hosianna! Hilf uns! Rette uns!“ Alle sollen es hören. „Sei gelobt; du bist der Retter, du kannst das!“
Hilft der laute Jubel, die Angst zu vertreiben? Nimmt er dem Tod etwas von seiner Macht? In manchen Kulturen geht es bei Bestattungen laut zu. Uns ist das eher fremd, bei uns wird es eher still, wenn wir dem Tod begegnen. Wir überlassen es lieber der Orgel, unseren Gefühlen einen kräftigen und lebendigen Ausdruck zu verleihen, so wie vorhin bei der Toccata.
Der Tod bewegt Menschen, damals wie heute. Am Palmsonntag ziehen sie Jesus entgegen, weil sie auf ihn hoffen. Auf seinen Trost und seine Ermutigung. Dass da einer kommt, dessen Macht stärker ist als der Tod.
Das rufen sie einander und ihm zu: „Hosianna! Hilf uns! Rette uns!“ Alle sollen es hören. „Sei gelobt; du bist der Retter, du kannst das!“
Hilft der laute Jubel, die Angst zu vertreiben? Nimmt er dem Tod etwas von seiner Macht? In manchen Kulturen geht es bei Bestattungen laut zu. Uns ist das eher fremd, bei uns wird es eher still, wenn wir dem Tod begegnen. Wir überlassen es lieber der Orgel, unseren Gefühlen einen kräftigen und lebendigen Ausdruck zu verleihen, so wie vorhin bei der Toccata.
Der Tod setzt uns vor allem innerlich in Bewegung. Aber manchmal tut es gut, auch tatsächlich aufzubrechen und zu gehen. In manchen unserer Orte kommt die Trauergemeinde am Tag der Bestattung zum Haus des Verstorbenen. Dann wird der Sarg aus dem Haus und durchs Dorf zum Friedhof getragen. Noch einmal schreiten alle gemeinsam die Wege des Lebens ab. Der Verkehr stockt; das Abschiednehmen lässt alles andere innehalten; bis der Tod an seinen Ort geleitet ist. Viele begleiten die Trauerenden das erste Mal auf dem Weg, den sie in Zukunft häufig und manchmal wohl auch alleine gehen werden. Jetzt sollen sie wissen: Wir gehen mit; wir überlassen dem Tod nicht das letzte Wort.
II
Die Menschen in Jerusalem ziehen Jesus entgegen. Sie feiern seine Kraft, seine kleinen Siege über den Tod. „Hosianna!“
Seine engsten Freundinnen und Freunde sind skeptischer. „Wecken wir hier nicht Hoffnungen und Erwartungen, die wir nachher nicht einlösen können. Was hilft schon gegen den Tod? Lasst uns doch erst einmal unser Leben weiter verbessern. Das ist doch schon Aufgabe genug.“
Sie sehen diejenigen, die sich nicht gefreut haben, als Jesus Lazarus aufgeweckt hat. Das sind die Mächtigen, die sich sorgen, dass Jesus sich mit seinen Ideen durchsetzt und ihnen das Leben schwer macht. Was wird das werden, wenn am Ende viele davon überzeugt sind, dass sie nicht zuerst auf ihren Erfolg, ihre Anerkennung und ihre Macht schauen, sondern mit Jesus für die anderen eintreten, für sie mitdenken und mitsorgen? Was wird das werden, wenn viele sich nicht mehr in die normalen Freund-Feind Schemata einfügen, sondern überlegen, wie liebe ich meine Feinde und was kann ich dazu tun, dass Menschen sich versöhnen? Wie wird das werden, wenn die Menschen ihre Angst vor dem Tod verlieren? Mit was können die Mächtigen dann noch drohen? Das verändert ja etwas, wenn den Menschen klar wird: Die Macht aller Menschen, auch der Mächtigen endet mit dem Tod; die Macht Gottes aber geht darüber hinaus. Sie umgreift auch den Tod.
III
Jesus zieht in Jerusalem ein. Die einen jubeln, weil sie darauf hoffen, dass die Macht des Todes gebrochen wird. Andere schauen skeptisch: Ist der Feind nicht zu groß gewählt? Die dritten überlegen, wie sie ihn töten können.
Und Jesus selbst: Er reitet auf einem Eselchen in die Stadt. Der, der den Tod besiegen wird, reitet auf einem kleinen Esel. Was für ein Bild! Wahrscheinlich schleifen seine Füße fast auf dem Boden. Hin und her geschüttelt trottelt er langsam auf dem kleinen Tier Richtung Stadt. So stelle ich mir einen, der den Tod besiegen will, eigentlich nicht vor. Alle Attribute der Macht fehlen, alle Zeichen: von mir könnt ihr etwas erwarten.
Und doch wird seine Botschaft gerade durch diesen Ritt auf dem Esel ganz klar: „Fürchte dich nicht, Zion! Fürchtet euch nicht!“ Nicht vor dem Tod und nicht vor den Mächtigen. Hier kommt einer, der nicht kämpft oder sich mit Gewalt durchsetzt; hier kommt einer, der auf Gott vertraut und auf sonst nichts.
IV
Viele reihen sich ein in diese Bewegung gegen Tod, die Jesus in die Städte und Dörfer bringt. Das haben wir Gott sei Dank in der vergangenen Woche im Zusammenhang des Absturzes auch erlebt: in der Notfallseelsorge am Flughafen, am Unglücksort in Frankreich, in vielen tröstlichen Achtsamkeiten.
Ich war in der vergangenen Woche im Hospiz in Ettlingen und war beeindruckt über die freundliche Atmosphäre, die Ruhe und die Kraft, die dieses Haus und die Menschen, die dort beruflich oder ehrenamtlich arbeiten, ausstrahlen. Gelassen begleiten sie Menschen auf ihrer letzten Wegstrecke. Sie bleiben bei ihnen und stärken sie. Sehr unterschiedlich können diese Wege sein: reden und schweigen, miteinander essen, einfach nur da sein, gemeinsam zurückblicken, auch auf offen Gebliebenes, beten. Manchmal ist es schwer loszulassen, manchmal ist aber auch alles gesagt und getan und ein Mensch kann in Frieden gehen. Viele, die Jesus entgegen gehen, ziehen mit ihm weiter und verbreiten seine Botschaft der Hoffnung im Angesicht des Todes. Damals und heute.
VI
Heute beginnt die Karwoche. Jesus wird selbst den Tod erleiden, aber Gott lässt ihn nicht im Stich. Gott hält an ihm fest und wird ihn auferwecken.
Der Tod bedroht unser Leben: im Alter, durch Krankheit, durch Ungerechtigkeit, Kriege und Bürgerkriege, durch Katastrophen wie den Flugzeugabsturz in den französischen Alpen.
Wir gehen Jesus entgegen, wir ziehen mit ihm weiter und folgen ihm. Wir sind nicht allein in unserer Not. Wir trösten uns, wir schweigen miteinander, wir beten füreinander. Manchmal ist der Tod so mächtig, dass wir kaum hören können, wie Jesus uns zuruft: „Fürchtet euch nicht!“
Vielleicht ist dann nicht mehr möglich, als gemeinsam auszuhalten, füreinander einzustehen und der Trauer Ausdruck zu verleihen. Damit wir Kraft bekommen, die Brutalität der Tatsachen auszuhalten und nicht daran zu zerbrechen.
Fürchtet euch nicht! Jesus kommt. Er bringt uns in Bewegung, aufeinander zu, dass wir uns stärken und ermutigen. Er geht für uns zum Kreuz, damit der Tod seine Macht verliert.
