Die neue Ökonomie Gottes

Andacht auf der Vollkonferenz der UEK in Würzburg zu Matthäus 20, 1-15 am 1. Mai 2015

Edgar ist 54 Jahre alt. Seit 35 Jahren ist er bei der Firma. Er ist zuständig für alles, was so anfällt. Er war nicht gut in der Schule und die Lehre hat er nicht geschafft. Aber seine Eltern kannten den damaligen Chef. Der Vater hat hier schon als Mechaniker Kinderwagen gebaut und die Mutter war in der Polsterei. Deshalb wurde er eingestellt. Er kehrt den Hof, erledigt Botengänge, liefert Ware aus, fährt die junge Chefin mal schnell wohin, hilft den Kollegen aus, packt mit an, wenn etwas Schweres zu tun ist.
 

Die Chefin wird die Firma verkaufen. Der neue Geschäftsführer hat schon gesagt, dass rationalisiert werden muss. Wer wird bleiben, wer wird gehen? Edgar bleibt. Die Chefin hat sich für ihn eingesetzt. Die anderen wundern sich; ein paar schimpfen. Das ist doch nicht gerecht! Wo er doch sowieso eigentlich nur mitläuft!

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Was ist Gerechtigkeit in der Arbeitswelt? Seit 125 Jahren feiern Gewerkschaften am 1. Mai den Tag der Arbeit, liebe Synodalgemeinde. Die EKD hat gerade eine Denkschrift zu „Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt“ vorgelegt, die die Kammer für soziale Ordnung erarbeitet hat.

Ich lese Ihnen am Tag der Arbeit einen Text aus dem Matthäusevangelium vor, der nicht nur die Logik unserer Arbeitswelt, sondern – wie ich finde - auch unsere Denkschrift herausfordert:

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. 2 Nachdem er aber mit den Arbeitern um einen Denar als Tagelohn übereingekommen war, sandte er sie in seinen Weinberg. 3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere untätig auf dem Markt herumstehen 4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was gerecht ist. 5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. 6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum? 7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn, indem du bei den letzten anfängst, bis zu den ersten. 9 Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und sie empfingen je einen Denar. 10 Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; aber auch sie empfingen je einen Denar. 11 Und als sie ihn empfangen hatten, murrten sie gegen den Hausherrn 12 und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.

13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Denar? 14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. 15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?

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Ist das gerecht?

Die Komposition und Dynamik der Geschichte zieht mich auf die Seite derjenigen, die viel gearbeitet haben. Sie haben sich mit allen anderen um den Verwalter versammelt, der den Lohn auszahlt. Obwohl sie am längsten gearbeitet haben, dürfen sie nicht als erste nach Hause und bekommen ihr Geld als letzte. Bis zum Schluss müssen sie warten und zuschauen, so wie wir.

Überrascht sehen sie wie die letzten, die nur eine Stunde gearbeitet haben, einen Denar bekommen. „Was für eine Großzügigkeit“, werden einige gesagt haben, „da könnt ihr euch aber freuen!“ „Was für eine Verschwendung“, werden andere gedacht haben, „für so wenig Arbeit so viel Geld! Das ist ja ein komischer Arbeitgeber! Na, ist ja seine Sache.“ Vielleicht haben sie auch schon ein bisschen gerechnet, so wie manche Konfirmandinnen und Konfirmanden, wenn die Geschichte erzählt und gefragt wird: Was wird wer am Ende des Tages bekommen? 1 Denar für zwölf Stunden, also einen ¾ Denar für neun Stunden, einen halben Denar für sechs usw. Vielleicht hoffen einige derjenigen, die lange gearbeitet haben, jetzt auf eine Lohnerhöhung: „Wenn der Besitzer zu denen so großzügig ist, dann sind wir gespannt, wie viel wir bekommen!“

Aber so großzügig ist der Besitzer nicht: „Hier ist euer Denar.“

Einige mutige Wortführer protestieren beim Weinbergbesitzer: „Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.“ Aber der Weinbergbesitzer greift einen heraus und hat nur belehrende Worte für ihn: „Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Denar? Nimm, was dein ist, und geh!“ Und als wollte er im Streit noch einen drauf setzen: „Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?“

II

Ein Denar für alle. Gleicher Lohn für ungleiche Arbeit. Das ist eine Provokation, die alle an der Arbeit im Weinberg Beteiligten und uns herausfordert. Es gibt eine lange und vielfach gut begründete Tradition, die Spannung, in die uns die Geschichte bringt, geistlich und theologisch aufzulösen. Dann geht es in diesem Gleichnis nicht um die Arbeitswelt, sondern ‚nur‘ um die Unvergleichlichkeit von menschlicher und göttlicher Güte (Konradt, NTD 1, 2015, z.St.) und um die schlechthinnige Andersartigkeit letzterer. Diese Differenzerfahrung hat dann auch Auswirkungen auf unser Miteinander, aber eben nicht so unmittelbar und direkt.

Ich nutze den Tag der Arbeit, den 1. Mai, um trotzdem noch einmal auf die Herausforderung auf der Ebene des Bildes zu hören, diese ungerechte Lohnfindung noch ein wenig auszuhalten, indem ich auf die Beteiligten und ihr Miteinander schaue.

III

Am Ende bleibt denen, die viel gearbeitet haben:

ein Denar,

eine gewisse Bitterkeit, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen,

und eine Beschämung: Wer wird schon gerne als neidisch überführt? Und noch dazu von dem, den er eigentlich ungerecht findet.

Keine schöne Lage!

Anders ist es für die, die nur wenig gearbeitet haben, aber doch die ganze Zeit gehofft haben, an diesem Tag auch noch Arbeit zu finden. Für die ist ein Denar gut. Ein Denar, hat uns die gerade verstorbene Neutestamentlerin Luise Schottroff gelehrt, reichte damals knapp für eine Familie, um einen Tag zu überleben. Ein Denar, das bedeutete das tägliche Brot: Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Gerade genug, damit die Grundbedürfnisse abgedeckt sind. Meist mussten Frauen und Kinder auch noch auf die ein oder andere Weise zum Lebensunterhalt beitragen, weil es eben nicht jeden Tag reichte.

Hier jedenfalls erhält jeder Tagelöhner einen Denar als Grundeinkommen, das das Leben sichert, egal wie viel er gearbeitet hat. Das geht weiter als die Forderung unserer Denkschrift, die gegen Niedriglohnsektor und prekäre Arbeitsverhältnisse zu Recht fordert: „Selbstverständliches Ziel muss dabei bleiben, dass jeder Vollzeitbeschäftigte von seinem Einkommen auch seinen Lebensunterhalt bestreiten kann.“ (108)

Eine Botschaft des Gleichnisses heißt also für mich: Das Sparen an denen da unten hat seine Grenzen: jeder und jede soll genug zum Leben haben! Egal was, er oder sie durch sein Leben, seine Familienarbeit, sein künstlerisches Tun, seine Präsenz zum Ganzen beiträgt.

Was sind für uns heute Grundbedürfnisse? Und wie viel kann man da noch streichen? Darüber streitet die Politik: Zahlt das Sozialamt einen Zuschuss zur Klassenfahrt oder Konfirmandenfreizeit? Oder ist das schon Luxus? Für wen gilt diese Sicherung der Grundbedürfnisse? Gilt sie nur unter uns? Gilt sie unter uns auch für die, die nicht produktiv sind? Gilt sie auch für die Flüchtlinge, auch für die Menschen in Griechenland?

Spannend ist schließlich, wie das Gleichnis die Grundsicherung mit Arbeit und Teilhabe am gesellschaftlichen Produzieren verknüpft, selbst wenn es nur eine Stunde am Abend ‚Aufräumen‘ oder ‚Hof fegen‘ ist. Die Kurzarbeiter erleben, dass sie „aus ihrer Arbeit“ leben können und sie entdecken sich in ihrer „Beruflichkeit“. Im Duktus unserer Denkschrift gesprochen: sie leben auch „in ihrer Arbeit“. Sie sind keine Almosenempfänger, sondern tragen bei zur Ernte, zum Leben der Gemeinschaft. Vielleicht hilft ihnen das an diesem Abend erhobenen Hauptes nach Hause zu gehen.

IV

Wie wird die Geschichte weitergegangen sein? Welche Folgen hat diese Lohnpolitik für die Solidarität derjenigen, die unterschiedlich lang gearbeitet und doch den gleichen Lohn, einen Mindestlohn erhalten haben? Was werden sie auf dem Nachhauseweg miteinander reden? Wie werden sie morgen ihre Arbeitskraft feilbieten? Wird ihre Motivation zur Arbeit untergraben, weil Leistung und Lohn sich nicht entsprechen?

Oder lässt sich das Gleichnis auch als Einladung lesen, sich miteinander und am Glück der anderen zu freuen? Weil sich die Schere (zumindest zwischen den Taglöhnern) an diesem Tag nicht öffnet, sondern schließt. Weil ein geringeres Maß an Ungleichheit alle glücklicher macht, wie Untersuchungen belegen. Weil sie gemeinsam erleben: es ist für uns gesorgt, wie können gelassen und vertrauensvoll von einem Tag zum anderen leben. So wie damals beim Mannawunder, das ja auch eine Herausforderung für die Israeliten war, für ihr Miteinander und ihr Gottvertrauen. Aber es hat sie ausreichend genährt auf dem Weg in die Freiheit und im Wechsel von Arbeit und Ruhe.

V

Schließlich ist da noch der Weinbergbesitzer, der mehr ausgibt als ökonomisch nötig. Er tut dies aus einer Position der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Macht. Er besitzt einen Weinberg, Land, auf dem wahrscheinlich früher Subsistenzproduktion stattfand. Dann konnten die Bauern davon nicht mehr leben, mussten sich verschulden, verloren ihr Land. Der Landbesitzer konnte es kaufen; jetzt erwirtschaftet er mit dem Weinbau gute Profite. Da lässt sich gut wohltätig sein. Auch wenn die Wirtschaftsweisen wohl abends in der Börse vor acht schon fragen: Wie oft und wie lange kann einer die Gesetze des Marktes auf diese Weise außer Acht lassen?

Viele exegetische Kommentare weisen auf den durchaus ambivalenten Charakter dieses Besitzers hin: Wie gerecht oder ungerecht, wie autoritär, großzügig oder wohltätig ist er? Ihnen ist wichtig: Gott ist nicht genauso wie dieser Besitzer, sondern es sind bestimmte Aspekte seines Tuns, die ihn zu einem Hinweis auf das Himmelreich machen. Ich sehe vor allem drei:

Da ist sein Interesse allen, auch denen, die aus welchen Gründen auch immer, nicht morgens schon eingestellt wurden, zu einem Leben in Würde zu verhelfen. Sie in ihren Fähigkeiten nicht abzuschreiben. Ihnen etwas zuzutrauen. Einen Platz für sie in der Gemeinschaft zu imaginieren und zu eröffnen.In seinem Tun wird nicht alles nach abzählbaren Größen, nach Leistung und Gegenleistung gerechnet. Weil Recht und Barmherzigkeit bei ihm in einer anderen Ökonomie zusammenfinden, die Lebensräume öffnet, die Gerechtigkeit anders buchstabiert. Die ernst macht damit, dass Menschen unterschiedlich sind und gerade darin auf ihre Weise wertvoll. Und dass diejenigen, die leiden und besonderen Schutz und Beistand brauchen, im Himmelreich einen Ehrenplatz haben.Seine ökonomische Logik stellt unser auf Wachstum und Gewinn im Tausch angelegtes Modell grundlegend in Frage. Auf das Gleichnis von den „gleich bezahlten Tagelöhnern“ (F. Herzig) folgt die dritte und letzte Leidensweissagung. Sie macht deutlich: die neue Ökonomie Gottes lässt sich nicht als bequeme Wohltätigkeit aus dem Überfluss Reicher realisieren. Sie führt ins Leiden und ans Kreuz und überwindet den Tod.

Am Tag der Arbeit lädt Christus Edgar, der den Hof der Kinderwagenfabrik kehrt, die Kurz-, Mittel- und Langarbeiter und uns zum Lastentausch ein: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für euren Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11)