"Wir brauchen die anderen"

Geistliches Wort im ökumenischen Gottesdienst beim Deutschen Stiftungstag in der Stadtkirche Karlsruhe am 8. Mai 2015

Liebe Gottesdienstgemeinde des Deutschen Stiftungstages!
„Auf dem Weg nach Europa - Stiftungen in Deutschland.“ So haben Sie Ihr diesjähriges Treffen überschrieben.

Viele Menschen sind derzeit auf dem Weg nach Europa. Sie verbinden mit diesem Erdteil Freiheit von Gewalt, soziale Sicherheit, die Möglichkeit, die eigene Zukunft zu gestalten. Große Hoffnungen, die uns und unseren Gesellschaften mehr zutrauen als wir selbst.
Aber vielleicht stimmt dieses vereinnahmende „Wir“ in Ihrer Runde ja gerade nicht! Stiftungen stehen ja für dieses Mehr an Zutrauen in die Zukunft. Sie stehen für einen Weitblick, der neue Perspektiven einnimmt, der sich für die anderen interessiert, der der Welt etwas zutraut: Aufbrüche, Entdeckungen, Grenzüberschreitungen. Viele, gerade auch in den Kirchen, sind froh und dankbar, dass Sie materielle und ideelle Grundlagen für solche Visionen zur Verfügung stellen.

„Europa war keine Europäerin“ hat Adolf Muschg uns in einer Rede erinnert. Sie war eine phönizische Königstochter, die auf einer Wiese im Gazastreifen Blumen pflückte, als Zeus sie raubte und nach Kreta entführte. (Vgl. Adolf Muschg, Was ist europäisch? München 2005)
Und der erste Christenmensch in Europa war eine türkische Frau: Lydia. Aus Thyatira, einer Stadt in der Nähe von Izmir, war sie nach Philippi gezogen, um dort als Purpurproduzentin und Händlerin zu arbeiten. Sie lässt sich als erste mit ihrem Haus taufen. So kommt der christliche Glaube nach Europa. Die erste Hauskirche ist eine gastliche Kirche. Sie öffnet ihre Türen weit für Begegnungen mit Anderen und achtet ihre Würde. Sie versteht Gastlichkeit nicht in erster Linie als Ausdruck eigener Großzügigkeit: „Ich gebe etwas von dem ab, was ich habe.“ Sie versteht sie als Bereicherung und als Wertschätzung. Eine Kirche, die viel Besuch von Fremden hat, hat viele Begegnungen mit Christus.

Was damals geschieht, prägt dem Kontinent einen Stempel auf.
Das christliche Abendland lebt aus der Begegnung, der Neugier und der Hoffnung auf die anderen. Der 8. Mai erinnert uns, dass wir das in Deutschland mit schrecklichen Folgen für Europa und für die ganze Welt vergessen haben. Dass wir dachten: Wir haben das Heil in unseren Händen, statt nach den Anderen zu rufen, die uns helfen, uns bereichern, uns herausfordern und verändern. Dass wir dachten: Wir können unsere Identität durch Abgrenzung schaffen, statt sie in der Begegnung zu suchen und in der Gastlichkeit.
Wir brauchen die anderen: die Einheimischen die Fremden, die Jungen die Alten, die Reichen die Armen, die Frommen die Skeptiker. Wir brauchen einander. Das zeichnet das christliche Europa aus. Weil wir um unsere Unterschiedlichkeit und wechselseitige Bedürftigkeit wissen.

Wir feiern diesen Gottesdienst in der Woche zwischen dem Sonntag Kantate: „Singet dem Herrn ein neues Lied“ und dem Sonntag Rogate: „Betet!“ Der gemeinsame Gesang bringt die Vielfalt der Stimmen zusammen und entwickelt gemeinsame Kraft und Freude, ohne dass die einzelne Stimme verschwindet. Das Gebet führt uns in heilsame Grenzen und vergewissert uns: Wir sind Menschen, nicht Gott. Wir leben aus Gottes Gnade.