Das neue Lied braucht viele Stimmen!

Predigt zu Psalm 98 im Internationalen Gottesdienst beim Evangelischen Kirchentag in Stuttgart

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
ich bin sehr froh und dankbar, heute mit Ihnen diesen Gottesdienst feiern zu können. Es ist wunderbar, dass wir hier in Stuttgart zusammen sind, aus unterschiedlichen Kirchen und Gemeinden, aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen, um gemeinsam zu fragen, was es heute heißt, an den dreieinigen Gott zu glauben und als Christ und Christin verantwortlich in der einen Welt zu leben.


Das neue Lied braucht viele Stimmen!

 
Wir kommen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen, wir sprechen unterschiedliche Sprachen (viele von Euch sprechen viel besser Englisch als ich – ich bitte euch um Verständnis!), wir feiern Gottesdienste in unterschiedlicher Tradition, aber wir loben gemeinsam einen Gott, so wie vorhin mit Worten aus dem 98. Psalm: „O sing to the Lord a new song!“
Der Psalm erzählt davon, dass alle Völker und Nationen Gottes Heil erkennen. „All the ends of the earth have seen the victory of our God.” Deshalb ist es einerseits ein universales, ein globales Lied, in das wir einstimmen. Aber es findet andererseits erst dadurch zu seinem vollen Klang, dass alle mitsingen und ihren je eigenen Ton einbringen. Es war und ist das Lied des Volkes Israel, dem Gott treu verbunden bleibt; durch Jesus Christus ist es unser Lied geworden, das Lied unserer Kirchen in Ghana und Korea, in Brasilien, Australien und Deutschland, das Lied aller Kirchen die durch Christi Geist verbunden sind.
Die große Entdeckung der Ökumene ist: Das neue Lied, das auf Gottes wunderbare Taten antwortet, gewinnt erst seinen vollen Klang, wenn es vielstimmig und mehrsprachig gesungen wird. Wir brauchen einander; uns fehlt etwas, wenn ihr nicht da seid! Das neue Lied findet nicht zu seinem vollen Klang, wenn alle auf die gleiche Weise singen, sozusagen eintönig. Vielmehr braucht es viele unterschiedliche Stimmen, die ihren je eigenen, besonderen Klang einbringen, hohe und tiefe, Männerstimmen, Frauenstimmen, Kinderstimmen, Töne, die einander ergänzen, aber auch herausfordern und einander reizen, Neues zu entdecken. Das neue Lied singt vom Sieg und vom Heil des dreieinigen Gottes, aber jeder und jede von uns erfährt diese Erneuerung in seiner Kultur und erlebt sie in ihrer Situation. So groß und allen gemeinsam Gottes Taten sind, so begrenzt und besonders ist unsere jeweilige Erfahrung davon. Im weiten Horizont Gottes bringt jede unserer Kirchen in die große ökumenische Symphonie einen kleinen, aber unbedingt wichtigen Teil ein. Wir brauchen einander.


Hilfe zur Umkehr

 
Ich will das an einem Beispiel hier aus Stuttgart verdeutlichen: Vor siebzig Jahren endete der 2. Weltkrieg. Er hat nicht nur über Europa unermessliches Leid gebracht, sondern auch über viele Menschen in Afrika, Amerika und Asien. 1945 wurde Deutschland von außen von der Diktatur des Nationalsozialismus befreit. Wie sollte es weitergehen?
Auch in den Kirchen und in den Kirchenleitungen hatten viele Hitler zugejubelt und den Krieg unterstützt. Sie hatten der Vernichtung ihrer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern nicht widersprochen und sich nicht ernsthaft gegen die Ermordung behinderter Mitmenschen gewehrt. Sie traten nicht ein für diejenigen, die als „Untermenschen“ diskriminiert und umgebracht wurden. Nur wenige hatten sich wie Dietrich Bonhoeffer klar positioniert und der falschen Lehre und dem Unrecht des nationalsozialistischen Staates deutlich widerstanden.
In dieser Situation trafen sich deutsche Kirchenführer hier in Stuttgart, um sich zu beraten. Aber nicht die Beratung untereinander brachte eine neue Perspektive, sondern dass eine ökumenische Delegation gekommen war. Dass Christinnen und Christen, dass Kirchen aus Ländern, die gerade noch als unsere Feinde galten, uns weiterhin als Glieder am Leib Christi sahen, dass sie den evangelischen Kirchen in Deutschland Umkehr zutrauten und dass sie ihnen dazu die Hand zur Versöhnung reichten, das eröffnete eine neue Perspektive. Ihr kamt und halft uns heraus, zu einem Neuanfang! Dafür sind wir dankbar. Es war die Ökumene, die uns ermutigt hat, das Stuttgarter Schuldbekenntnis zu formulieren, nach dem Barmer Bekenntnis von 1934 ein erster, vorsichtiger Schritt weg von einem deutsch-nationalen evangelischen Christentum hin zu einer neuen ökumenisch und auch politisch verantwortlichen kirchlichen Existenz in der Nachfolge Jesu Christi. Für mich ist die Ökumene von Stuttgart eine Schlüsselszene, die mich gelehrt hat: Wir brauchen die Ökumene! Ohne die anderen verlieren wir die Chance zur Umkehr, den weiten Horizont und die Richtung, denn in den anderen begegnet uns Christus.


Ein neues Lied stimmen wir an!

 
In welches neue Lied stimmen wir heute ein? Wir brauchen ein neues Lied! Wir haben es in den vergangenen Tagen in vielen Begegnungen gehört; die Zeugnisse in diesem Gottesdienst haben es deutlich gemacht: Es drängt! Konflikte spitzen sich zu; Religionen werden missbraucht, um Menschen aufeinander zu hetzen. Eine Ökonomie der Waffen und der Gewalt quält die Menschen an vielen Orten. Menschen fliehen – und finden keine Zuflucht. Wir brauchen eine Wirtschaft, die den Menschen dient und die Mitwelt nicht zerstört; eine neue Klimakonvention. Sie alle können aus ihren Kirchen und Ländern erzählen, was wichtig und nötig ist.
Auch wir als Kirchen sind gefragt, uns zu verändern. Finden die Menschen, die aus dem Sudan, aus Syrien zu uns geflohen sind, bei uns Unterstützung? Der Metropolit der rum-orthodoxen Kirche hat mich im Herbst besucht; wir wollen gastfreundlich sein, unsere Kirchen und Räume für andere öffnen, ohne ihnen unsere Art, als Kirche zu leben überzustülpen. Dazu müssen wir auf allen Ebenen miteinander reden.
In manchen Gemeinden gelingt das Miteinander gut. Sie feiern regelmäßig mit den Kirchen, die in ihren Räumen zu Gast sind, gemeinsam Gottesdienste. Das bereichert beide; sie entdecken einander, oft aber auch den Wert ihre eigenen Traditionen neu. Ich freue mich, wie viele Gemeinden mit ihren Flüchtlingen wachsen. Wie viele zugleich mit dem Engagement für die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, auch ihren Glauben neu entdecken. Ich bin dankbar, dass ein junger Mann aus dem Nordsudan bald sein Theologiestudium abgeschlossen hat und in unserer Kirche als Pfarrer arbeiten wird. Das wird uns verändern und uns sprachfähiger und vor allem kultursensibler machen gegenüber den vielen afrikanischen Christinnen und Christen, die bei uns leben!
An anderen Orten führen solche Begegnungen in Spannungen. Auch das kennen wir aus der Bibel; Jesus ist auf Widerstand gestoßen, weil er seine Identität nicht durch Abgrenzung gewonnen hat, sondern die Begegnung mit den Fremden gesucht hat und in den anderen seine Geschwister erkannt hat. Und manchmal habe ich den Eindruck, die Begegnungen haben ihn auch selbst herausgefordert, so wie bei dem Treffen mit der samaritanischen Frau. Wenn wir ihm auf diesem Weg folgen wollen, müssen wir uns stören lassen und uns mit Fremden und Ungewohntem auseinandersetzen: mit anderen Formen zu beten, zu feiern und zu teilen, aber auch uns stören lassen in unserem Verständnis von privat und öffentlich und dem, was uns gehört. So wie unsere kulturellen Werte etwa in Fragen der Sexualität, aber auch zum Verhältnis von Mann und Frau, vielleicht auch beim Thema Inklusion andere Kirchen und Traditionen herausfordern. Bei Paulus und seinen Gemeinden war es ja auch nicht anders. Sie haben voneinander gehört, sich voneinander herausfordern lassen, voneinander gelernt: Ach, so macht ihr das mit der Kollekte! So geht ihr mit der Sklaverei oder mit Fragen der Sexualität um.
„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn Gott tut Wunder.“ Unser neues gemeinsames Lied der Ökumene erzählt von einer Welt, in der Menschen in Würde und Frieden, in Gerechtigkeit und Freiheit zusammenleben. Es ist ein Lied der Begegnung in allen Spannungen und Widerständen stärkt und ermutigt, versöhnt und verbindet, und dadurch in die Welt ausstrahlt.


Einstimmen in das neue Lied der Gerechtigkeit


Das neue Lied knüpft an Altes an. Wir bringen unsere Freude und unsere Schrecken mit, wenn wir gemeinsam weitergehen. Das Alte ist nicht abgeschlossen. Ich finde, dass der Vogel wunderbar zeigt: er hat ein Ei in seinen Federn entdeckt. Kein Staubkorn, kein Blatt, keinen Kern, den er nun essen kann, sondern ein Ei. Das zeigt die Kraft der Vergangenheit! Sie lässt uns nicht los, so wie wir die Geschichten unserer Eltern und Vorfahren mit uns tragen. In diesem Ei der Vergangenheit steckt beides: Last und Ressource für die Zukunft. Aber es ist interessant, dass manches, was uns schwer zu tragen ist, in anderen Kontexten auch zur Kraftquelle für neue Wege werden kann. Wir Deutschen tragen bis heute an der Schuld des Nationalsozialismus; doch die Erfahrungen, die wir mit dem Gedenken machen und erleiden, helfen heute anderen Kirchen im Umgang mit ihrer Vergangenheit.
Das neue Lied besingt aber nicht nur vergangene Wunder. In seiner deutschen Übersetzung hat Luther nicht ganz korrekt übersetzt. Dann hätte er nämlich wie im Englischen sagen müssen: He has done marvellous things. Aber er übersetzt: Er tut Wunder. Hier und heute tut Gott Wunder. Gott hat nicht aufgehört damit, sondern wirkt hier und heute unter uns. Mir fällt die Flüchtlingsfamilie ein, die es tatsächlich geschafft hat, die Eltern und beide Kinder aus Syrien. Sie können es immer noch nicht glauben, aber sie sind in Sicherheit. Sie haben Arbeit gefunden, eine Wohnung. Und: „Unsere Tochter lacht wieder.“ Sie war verstummt, aber jetzt lacht und redet sie wieder. Menschen atmen auf, Versöhnung gelingt, Frieden breitet sich aus.
 
Das neue Lied erinnert an Gottes große Taten in der Vergangenheit, es lobt Gottes Handeln hier und jetzt. Vor allem aber besingt der Psalm 98, dass Gottes Zukunft auf uns zukommt, dass sein Reich unsere Welt verändern wird. „Denn er kommt, das Erdreich zu richten. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.“
Der Psalm betont, dass Gott das alleine tun wird. Es braucht dazu keine christliche Miliz, keine Unterstützung durch Drohnen und Waffen. Kein innerweltliches Bündnis setzt Gottes Recht durch. Gott selbst ist es, der seine Gerechtigkeit über alle Welt ausbreitet, der sein Recht aufrichtet.

Wodurch zeichnet sich diese Gerechtigkeit aus? Drei Aspekte will ich hervorheben:
          
  1. Sie sucht die Gemeinschaft, sie will zusammenführen, versöhnen. Sie lädt alle an den Tisch, so dass am Ende alle kommen werden von Osten und Westen, von Süden und Norden und gemeinsam zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes! Sie richtet das Recht auf, nicht indem sie Menschen aburteilt, sondern indem sie sie aufrichtet.

  2. Gerechtigkeit fängt mit gleicher Teilhabe an, wie sie sich ganz grundlegend im gemeinsamen Essen zeigt! Vielleicht ist das ein erster kleiner konkreter Schritt, den wir für unser neues Miteinander in der Begegnung von unterschiedlichen Gemeinden und Kirchen mitei-nander lernen können: Dass wir öfter nach dem Gottesdienst miteinander essen; der Austausch und die Begegnung ergeben sich dann hoffentlich wie von selbst.

  3. Das Meer braust, die Fluten klatschen in die Hände und die Berge stimmen in die Freudenlieder ein. Gott schafft nicht nur uns Menschen Gerechtigkeit, sondern lässt die ganze geschaffene Welt aufatmen und einstimmen in den Jubel. Diese Verheißung ist heute im Angesicht des Klimawandels besonders wichtig und großartig. Denn die Sorgen wachsen, ob der Erwärmung unseres Planeten noch Einhalt geboten werden kann; manche resignieren und zweifeln, ob es sich überhaupt noch lohnt, etwas dafür zu tun. Doch Gottes Gerechtigkeit zieht ein und befreit auch die Schöpfung!

Also: Singt Gott ein neues Lied, denn Gott tut Wunder! Stimmt ein in das Lob der Gerechtigkeit Gottes. Das Meer brause und die Ströme klatschen in die Hände und die Berge singen ein Freudenlied. Denn Gott kommt, die Erde zu richten, sie neu in ihrer Würde als Geschöpf Gottes aufzurichten.