Die Seligpreisungen geben dem Reformationsfest Richtung und Kraft

Matthäus 5, 1-10: Predigt am Reformationstag 2015 in Mosbach

Als Jesus aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich. Und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf und lehrte sie:
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.  

Liebe Festgemeinde,
die Seligpreisungen geben dem Reformationsfest Richtung und Kraft. So ist das Himmelreich – und jetzt schon hier mitten unter uns! Selig sind die Sanftmütigen, die ohne Gewalt leben; sie werden das Land erben. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind die Friedfertigen; sie werden die Nähe Gottes spüren. Selig seid ihr!
Der Reformation war die Bibel sehr wichtig, das ganze Buch, aber auch die einzelnen Geschichten und Verse. Dass sie im Herzen ankommen und sich einprägen, damit sie uns beistehen, wenn es nötig ist. Ist Ihnen eine Seligpreisung besonders nahe? Tragen Sie einen der acht Verse manchmal mit sich herum durch den Tag? Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Lassen Sie sich von einem stärken, wenn es schwer ist? Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

I
Selig seid ihr! Die Seligpreisungen als Gottes Ja zu uns und unserer Erde
In den Seligpreisungen zeigt sich Gottes Ja zu uns und unserer Erde. Das ist eine wichtige (Wieder-) Entdeckung der Reformation: Von Gott her hat der allgegenwärtige Kampf ums Überleben schon ein Ende. Die vielen Neins, die wir von anderen hören und die wir selber zu anderen sagen, sind von Gottes großem Ja zu uns und umgeben und eingehegt. Gott schenkt Leben in Fülle; Gott sagt so laut ja, dass unsere vielen kleinen Neins in den Hintergrund rücken. Deshalb: Fürchtet euch nicht und macht euch keine Sorgen, dass ihr zu kurz kommt oder nicht genug für euch bleibt. Selig seid ihr! Mit Jesus betretet ihr die neue Welt Gottes. Entscheidend ist nicht, was wir tun, um glückselig zu werden, entscheidend ist, was Gott für uns tut: Selig seid ihr!

II
Die Seligpreisungen als Gottes Zuwendung zur Not der Menschen
Die Seligpreisungen lesen sich in diesen Monaten wie eine Gegenwelt: Die Sanftmütigen müssen aus Syrien fliehen, sagt Erzbischof Barakat, der Metropolit für Zentraleuropa der rum-orthodoxen Kirche in Syrien und im Libanon. Werden sie eines Tages wieder in Frieden in ihrem Land leben können? Der nigerianische Kirchenpräsident drängt seine Gemeinden zum Frieden statt zur Rache gegen Boko Haram: Sie spüren die Nähe Gottes, wenn es ihnen gelingt, sich im Dorf mit ihren muslimischen Nachbarinnen und Nachbarn zu versöhnen, wenn ihre Kinder wieder gemeinsam in die Schule gehen? Millionen Menschen sind auf der Flucht, mehr als je zuvor in der Weltgeschichte: Wo finden sie Trost? Sie hungern nach Frieden und Gerechtigkeit: Wann werden sie satt?
Die Seligpreisungen malen eine Gegenwelt, aber sie beschwören keine Scheinwelt herauf, in der die Christenmenschen vor der Realität flüchten. Gott wird mitten in unserer Welt Mensch; das ist der Kern des christlichen Glaubens. Wir begegnen Gott nicht nur in einem herrlichen Kirchenraum wie diesem hier; Jesus zieht sich nicht in eine geistliche Sonderwelt zurück, sondern ist da, wo die Not ist: auf der Balkanroute, im Hospiz, bei Menschen, die kein Obdach haben. Da stärkt und stützt er die Menschen.

III
Die Kraft der Seligpreisungen
Wie entfalten die Seligpreisungen ihre Kraft in diesen Tagen? Drei kleine Antworten:
Zuerst nehmen sie uns die Furcht: Gott schenkt Leben in Fülle. Wo wir Knappheit sehen, teilt Jesus aus: Brot, Freundlichkeit, Lebensmut. Es reicht für alle – und am Ende bleibt noch genug übrig. Selig seid ihr, die ihr nach einer langen Flucht Durst habt, selig seid auch ihr, die ihr nach Anerkennung hungert, ihr werdet satt werden. Ja, manches ändert sich, wenn Jugendräume zum Café werden für Menschen, die Zuflucht suchen; aber seid gewiss: Selig seid ihr! Gott schenkt Leben in Fülle.
Das zweite: Die Seligpreisungen verbinden uns und machen uns Mut. Jesus spricht sie, nachdem er schon Menschen um sich gesammelt hat und andere geheilt hat. Sie werden laut in einer Gemeinschaft, die schon leibhaftig erlebt hat, was hier versprochen wird.
Das geht mir auch so. „Selig sind die Leidtragenden, denn sie sollen getröstet werden.“ Ich verstehe den Satz Jesu anders und besser, wenn er konkret wird. In der Flüchtlingsunterkunft sagt der junge Pakistani zu mir: „Wir sind doch ganz am Ende gewesen – und ihr habt uns willkommen geheißen!“ Dankbar, staunend und auch ein bisschen verlegen stehen die starken jungen Männer vor uns, die bis vor kurzem gearbeitet und ihre Familien versorgt haben. Und auch wir stehen ein bisschen verlegen auf der anderen Seite. Wir gehören zusammen.
So wächst Kirche. Ich höre das zurzeit oft: „Jetzt weiß ich wieder, warum ich in der Kirche bin. Und dass Glaube nicht nur Privatsache ist, dass es gut, dass wir miteinander etwas tun, aber auch dass wir miteinander reden, auch über unseren Glauben, was uns trägt, was wirklich entscheidend ist. Und auch über das, was wir gerade nicht ändern können, auch wenn wir fast daran verzweifeln.“ Selig seid ihr – die Seligpreisungen verbinden uns und machen uns Mut!
Und schließlich: die Seligpreisungen weisen uns in eine Richtung! Sie geben aber die Richtung nicht wie eine Einbahnstraße oder ein Tunnel vor. Sie gleichen eher einem Fächer, auf dem sich verschiedene Facetten des Weges der Gerechtigkeit entfalten. Diese Wege ist Jesus uns vorangegangen, auf einige von ihnen zieht er uns hinter sich her.
Zu jedem Feld des Fächers lassen sich Geschichten erzählen: Über einen Mann, der in diesen Ferientagen mit einem Bus voll Hygieneartikel nach Slowenien fährt und eine Woche lang hilft. „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Über eine andere, die regelmäßig ins Krankenhaus geht, um Besuche zu machen und Kranken und ihren Angehörigen beizustehen, auch wenn es ihr oft schwer fällt anzuklopfen, wenn sie vor dem Zimmer steht: Was erwartet mich drinnen? „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ Oder die Menschen, die Wege in eine inklusive Gesellschaft bahnen, in der wir mit unseren unterschiedlichen Fähigkeiten und Einschränkungen einander bereichern: „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“
Jede einzelne Facette des Fächers hat ihr eigenes Recht und ihre eigene Würde.

IV
Die Seligpreisungen erneuern die Kirche(n)
Die Seligpreisungen geben der Kirche Kraft und Richtung! Sie bilden den Kern unseres kirchlichen Lebens, an ihnen richten wir uns als Kirchen aus – und ich betone den Plural: Kirchen, denn beim Reformationsfest geht es nicht um ein Fest der Abgrenzung. Es ist wunderbar, dass sie die Tür zwischen ihren Kirchenräumen regelmäßig öffnen und damit das Gebet Jesu aufnehmen, dass alle eins seien.
Die Seligpreisungen zielen nicht auf eine Kirche, die um sich und ihre Strukturen, ihre Mitgliedszahlen und Finanzen, ihre konfessionellen Besonderheiten kreist. Sie malen eine Kirche, die sich mitnehmen lässt von Jesu Verheißungen und den Glauben ins Leben zieht. Sie verheißen eine Gemeinschaft von Christinnen und Christen, die der Bewegung Gottes in die Welt folgt, in die eine große weite Welt, der Gottes Liebe gilt.

V
Die Seligpreisungen stärken unseren Glauben
Unsere Seligkeit hängt nicht an unserem Tun. Daran haben Luther und die anderen Männer und Frau der Reformation die Kirche immer wieder erinnert. Gott kommt uns entgegen, lockt und zieht uns in die Zukunft einer neuen Welt. Entscheidend ist, dass Jesus uns zuruft: Selig seid ihr!
Die Seligpreisungen machen das deutlich: Viele sind passivisch formuliert oder leben mit und aus dem Lassen. Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Sie vertrauen auf Gottes Güte und leben aus Gottes Frieden. Sie machen uns zugleich frei, in Gottes neuer Wirklichkeit Verantwortung füreinander zu übernehmen. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
In jeder Seligpreisung steckt das ganze Himmelreich für jeden und jede persönlich und für unsere Gemeinschaft. Jede stärkt unser Gottvertrauen und macht uns gewiss: Selig seid ihr!